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Abschied vom POPANZ QUOTE

1945 1960 1980 2000 2020
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Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit, da gab das Fernsehprogramm den Tages- und Wochenrhythmus vieler Österreicher vor. Fast jeder, der die Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch erlebt hat, kann sich an das typische Samstagsprogramm auf FS1 - so hieß ORF 1 damals -erinnern: Am Nachmittag eine Musikkomödie, ein Heimatfilm oder eine Karl-May-Verfilmung und um 20.15 Uhr eine große Show wie "Am laufenden Band" oder "Wetten, dass..?". Das waren Fixpunkte für jeden, der sich dem Medium Fernsehen nicht verweigerte.

Diese Zeiten sind vorbei -und das nicht nur, weil "Wetten, dass..?" vor einem halben Jahr eingestellt wurde und mit Pierre Brice kürzlich der vielleicht letzte große Star des Samstagnachmittagsfilms gestorben ist. Das Ende der Wettshow und der Tod des "Winnetou"-Darstellers sind Zeichen viel tiefer greifender Entwicklungen, die dazu geführt haben, dass seit einigen Jahren regelmäßig der "Tod des Fernsehens" ausgerufen wird.

Revolution durch Netflix, iTunes, YouTube

Auf den ersten Blick klingt dieser Befund nicht unplausibel. Streaming-Plattformen wie Netflix, Download-Portale wie iTunes, die Videoplattform YouTube, Mediatheken von TV-Sendern und nicht zu vergessen die gute alte DVD haben das audiovisuelle Konsumverhalten radikal verändert. Immer mehr Menschen kommen auf den Geschmack, Filme und Serien dann anzusehen, wann immer sie gerade wollen und nicht dann, wenn ein Programmschema dies vorsieht. Auch Informationen in Form bewegter Bilder sind im Internet schneller und in viel größerem Umfang zugänglich als über das Fernsehen. Und mit Ausnahme von ganz wenigen Live-Events, wie etwa der Fußballweltmeisterschaft, gelingt es keinem Sender mehr, wie einst mit dem Samstagnachmittagsfilm, einen breiten Querschnitt durch die Gesellschaft vor dem Fernsehgerät zu vereinen. Demnach habe das lineare Fernsehen, das dem Zuseher keine Wahl in punkto Zeit und Inhalt lässt, keine Zukunft. So heißt es.

Gegen ein drohendes Ableben des Fernsehens sprechen allerdings die nackten Zahlen: Die Anzahl der Minuten, die im Durchschnitt täglich vor dem Fernsehbildschirm zugebracht werden, sind in Österreich während der beiden letzten Jahrzehnte in einer leichten Wellenbewegung von 127 Minuten im Jahr 1991 auf 172 Minuten im Vorjahr angestiegen; in Deutschland ist der Trend derselbe. Und es ist ja nicht so, dass die von Fernsehsendern produzierten Inhalte grundsätzlich nicht mehr attraktiv wären: Ein beträchtlicher Teil der auf YouTube hochgeladenen Videos sind Ausschnitte aus Fernsehsendungen -darunter sogar solche, die geradezu als Inbegriff des Überkommenen gehandelt werden: zum Beispiel hunderte von Ausschnitten aus "Wetten, dass..?"-Shows mit teilweise sechs- bis siebenstelligen Klickzahlen.

Vielleicht sind mit dem Spruch vom "Tod des Fernsehens" auch nur qualitativer Niedergang und kulturelle Bedeutungslosigkeit des Mediums gemeint. Doch auch dieser Befund ist nicht richtig. Zweifelsohne haben viele Fernsehsender in den letzten 20 Jahren deutlich an Qualität verloren. Im deutschen Sprachraum besteht das Programm von immer mehr privaten Sendern fast nur noch aus billigen Casting-und Reality-Shows, miesen Serien und Filmen in schlechter Bild-und Tonqualität, die mitunter sogar vorzeitig abgewürgt werden, damit sich der nächste Werbeblock ausgeht. Andererseits haben sich zahlreiche Nischensender etabliert, die sich zwar nur an bestimmte Zielgruppen richten, diesen aber ein wirklich gutes Programm bieten -und zwar sowohl im öffentlich-rechtlichen als auch im privaten Bereich. All jene TV-Serien, die dem Fernsehen in den letzten 15 Jahren ein Goldenes Zeitalter beschert haben, stammen aus Spartenkanälen: Es waren kleine US-Kabelsender wie HBO oder AMC, die "Game of Thrones" oder "Mad Men" produziert haben.

In der Krise befindet sich zweifellos eine bestimmte Art von Fernsehen: Nämlich das lineare Programm, das einen gewissen Qualitätsanspruch erhebt und zugleich auf möglichst hohe Zuschauerzahlen aus ist. Das Schielen auf die Quote jedoch verhindert in der Regel Qualität. Es ist nun einmal so, dass Serien wie "Breaking Bad" oder "Die Sopranos" für viele Menschen einfach zu komplex und zu nahe an der Realität sind. Deshalb werden sie von quotenorientieren Sendern -wenn überhaupt - erst spätabends ausgestrahlt. Eine traurige Tatsache ist auch, dass sich viele Menschen schlicht und einfach nicht für Informationssendungen interessieren. Deshalb werden Informationen von den quotenorientierten Sendern immer boulevardesker aufbereitet, damit sich Zuschauer auch hin und wieder in eine Informationssendung verirren.

Mehr Menschen denn je vor dem Bildschirm

Nischenkanäle begehen diesen Fehler nicht. Wer Fernsehen nur für eine bestimmte Zielgruppe macht, kann sich dieser optimal anpassen. Sicher, auf einem Sportkanal oder einem auf Pensionisten spezialisierten Sender wird sich die Innovationskraft in Grenzen halten. Ist die Zielgruppe allerdings eine offene und experimentierfreudige, dann kann schon Neues und vielleicht Großartiges entstehen. Welcher Programmanbieter jedoch darauf abzielt, eine möglichst breite Masse zu bedienen, kann sich keine Experimente erlauben. Diese Logik führt dazu, dass es Sender gibt, die vor jeglicher Innovation zurückschrecken, wie das Beispiel der öffentlich-rechtlichen in Deutschland zeigt. Deren Mut-und Einfallslosigkeit hat dazu geführt, dass das jüngere, qualitativ hochwertigen Inhalten gegenüber aufgeschlossene Publikum in Scharen geflüchtet ist. Übrig bleibt die ältere Generation. Doch wenn die einmal nicht mehr ist - wer schaut sich dann in Zukunft ARD oder ZDF an?

Auch wenn man den Begriff "Fernsehen" nicht als Gesamtheit der Programmangebote betrachtet, sondern die Perspektive des Zuschauers einnimmt und es als Konsumverhalten definiert, dann kann keine Rede sein vom "Tod des Fernsehens". Mehr Menschen denn je verbringen ihre Freizeit, indem sie vor einem Bildschirm sitzen (oder liegen) und darauf Bilder sehen, die von Ferne kommen. Auf einem modernen Internet-tauglichen Fernsehapparat kann alles, was als Stream im World Wide Web angeboten wird, sichtbar gemacht werden -sogar der Livestream eines Fernsehsenders. Warum soll das dann kein "Fernsehen" sein? Fernsehen bleibt sogar dann Fernsehen, wenn nicht mehr der Fernsehapparat, sondern das Handy zum Empfangsgerät wird: In jedem Smartphone gibt es die sogenannte Screen-Mirroring-Funktion, mit welcher der Fernsehapparat zu einem externen Bildschirm des Handys umfunktioniert werden kann.

Das einzige, was YouTube oder Netflix dann noch von einem klassischen Fernsehsender unterscheidet, ist das On-Demand-Prinzip: Die Inhalte lassen sich jederzeit zu einem selbst gewählten Zeitpunkt abrufen und konsumieren. Doch auch das bieten die meisten Fernsehsender bereits, wenngleich nur in sehr eingeschränkter Form. Über ihre Mediatheken können zumindest die Eigenproduktionen des jeweiligen Senders via Internet angeschaut werden -leider aber mit Ablaufdatum: In Österreich zwingt das ORF-Gesetz und in Deutschland der Rundfunkstaatsvertrag die öffentlich-rechtlichen Sender, die meisten Inhalte nach sieben Tagen vom Netz zu nehmen.

Man stelle sich vor, der ORF könnte alle selbst produzierten Sendungen unbegrenzt in seiner TV-Thek zur Verfügung stellen - und zwar nicht nur die aktuellen, sondern auch die diversen Schätze aus dem Archiv: Viele Menschen würden ihn nach wie vor als einen österreichischen Fernsehsender wahrnehmen, für internetaffine Menschen jedoch wäre der ORF plötzlich Anbieter eines riesigen On-Demand-Portefeuilles mit mehreren zusätzlichen Livestreams für all jene, die sich auch gerne einmal ein vorgefertigtes Programm kredenzen lassen. Das ist der Fernsehsender der Zukunft: Ein Anbieter von Livestreams und On-Demand-Inhalten, der sich von einem konkreten Abspielgerät unabhängig gemacht hat.

ORF-Radios als Beispiel fürs Fernsehen

Diese Livestreams -in herkömmlicher Nomenklatur: die Programme -müssten freilich den Erfordernissen der Gegenwart angepasst werden. Der ORF müsste sich von der Idee eines Programmes für die Gesamtheit der Bevölkerung -symbolisiert durch den Popanz Quote -endgültig zugunsten von Spartenkanälen verabschieden. Als Vorbild könnte jenes Schema gelten, das sich beim ORF-Radio bewährt hat: Hitradio Ö3, Kultursender Ö1, Ö Regional. ORF eins könnte demnach mit Hollywood-Filmen, aktuellen US-Krimiserien, großen Sportereignissen und viel Werbung zum Geldverdienen in eine Art bebildertes Ö3 verwandelt, ORF III mit Kultur und hochwertigen Serien zum österreichischen arte ausgebaut, ORF 2 mit Musikantenstadl, Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen und königlichen Hochzeiten endgültig zum Hausfrauen- und Pensionistensender gemacht werden.

Dann fehlen nur noch gute fiktionale Eigenproduktionen, denn davon leben Streamingplattformen. Netflix etwa hat hochgelobte Serien ("House of Cards","Orange is the New Black") selbst produziert und sich damit einen unschlagbaren Vorteil gegenüber seinen direkten Konkurrenten geschaffen. Der ORF kann auf diesem Feld immerhin mit "Braunschlag" aufwarten. Wie man sich derzeit jeden Dienstag im Hauptabendprogramm (!) überzeugen kann, braucht diese Serie keinen internationalen Vergleich zu scheuen. Weitere Serien und auch Spielfilme dieses Niveaus -und man muss nicht mehr um die Zukunft des ORF bangen.

Zukunft Fernsehen

Vor 60 Jahren begann in Österreich das Fernseh-Zeitalter: Das Staatsvertragsjahr 1955 bescherte dem Land auch den Einstieg in die elektronische Bewegtbild-Kultur. Seither veränderte sich Fernsehen grundlegend. Die Grenzen zum Internet verschwimmen, das Fernsehen der Zukunft hat mit dem der Vergangenheit wenig gemein. Wie steht es da um die öffentlich-rechtlichen Anstalten?

Redaktion: Otto Friedrich

Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit, da gab das Fernsehprogramm den Tages- und Wochenrhythmus vieler Österreicher vor. Fast jeder, der die Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch erlebt hat, kann sich an das typische Samstagsprogramm auf FS1 - so hieß ORF 1 damals -erinnern: Am Nachmittag eine Musikkomödie, ein Heimatfilm oder eine Karl-May-Verfilmung und um 20.15 Uhr eine große Show wie "Am laufenden Band" oder "Wetten, dass..?". Das waren Fixpunkte für jeden, der sich dem Medium Fernsehen nicht verweigerte.

Diese Zeiten sind vorbei -und das nicht nur, weil "Wetten, dass..?" vor einem halben Jahr eingestellt wurde und mit Pierre Brice kürzlich der vielleicht letzte große Star des Samstagnachmittagsfilms gestorben ist. Das Ende der Wettshow und der Tod des "Winnetou"-Darstellers sind Zeichen viel tiefer greifender Entwicklungen, die dazu geführt haben, dass seit einigen Jahren regelmäßig der "Tod des Fernsehens" ausgerufen wird.

Revolution durch Netflix, iTunes, YouTube

Auf den ersten Blick klingt dieser Befund nicht unplausibel. Streaming-Plattformen wie Netflix, Download-Portale wie iTunes, die Videoplattform YouTube, Mediatheken von TV-Sendern und nicht zu vergessen die gute alte DVD haben das audiovisuelle Konsumverhalten radikal verändert. Immer mehr Menschen kommen auf den Geschmack, Filme und Serien dann anzusehen, wann immer sie gerade wollen und nicht dann, wenn ein Programmschema dies vorsieht. Auch Informationen in Form bewegter Bilder sind im Internet schneller und in viel größerem Umfang zugänglich als über das Fernsehen. Und mit Ausnahme von ganz wenigen Live-Events, wie etwa der Fußballweltmeisterschaft, gelingt es keinem Sender mehr, wie einst mit dem Samstagnachmittagsfilm, einen breiten Querschnitt durch die Gesellschaft vor dem Fernsehgerät zu vereinen. Demnach habe das lineare Fernsehen, das dem Zuseher keine Wahl in punkto Zeit und Inhalt lässt, keine Zukunft. So heißt es.

Gegen ein drohendes Ableben des Fernsehens sprechen allerdings die nackten Zahlen: Die Anzahl der Minuten, die im Durchschnitt täglich vor dem Fernsehbildschirm zugebracht werden, sind in Österreich während der beiden letzten Jahrzehnte in einer leichten Wellenbewegung von 127 Minuten im Jahr 1991 auf 172 Minuten im Vorjahr angestiegen; in Deutschland ist der Trend derselbe. Und es ist ja nicht so, dass die von Fernsehsendern produzierten Inhalte grundsätzlich nicht mehr attraktiv wären: Ein beträchtlicher Teil der auf YouTube hochgeladenen Videos sind Ausschnitte aus Fernsehsendungen -darunter sogar solche, die geradezu als Inbegriff des Überkommenen gehandelt werden: zum Beispiel hunderte von Ausschnitten aus "Wetten, dass..?"-Shows mit teilweise sechs- bis siebenstelligen Klickzahlen.

Vielleicht sind mit dem Spruch vom "Tod des Fernsehens" auch nur qualitativer Niedergang und kulturelle Bedeutungslosigkeit des Mediums gemeint. Doch auch dieser Befund ist nicht richtig. Zweifelsohne haben viele Fernsehsender in den letzten 20 Jahren deutlich an Qualität verloren. Im deutschen Sprachraum besteht das Programm von immer mehr privaten Sendern fast nur noch aus billigen Casting-und Reality-Shows, miesen Serien und Filmen in schlechter Bild-und Tonqualität, die mitunter sogar vorzeitig abgewürgt werden, damit sich der nächste Werbeblock ausgeht. Andererseits haben sich zahlreiche Nischensender etabliert, die sich zwar nur an bestimmte Zielgruppen richten, diesen aber ein wirklich gutes Programm bieten -und zwar sowohl im öffentlich-rechtlichen als auch im privaten Bereich. All jene TV-Serien, die dem Fernsehen in den letzten 15 Jahren ein Goldenes Zeitalter beschert haben, stammen aus Spartenkanälen: Es waren kleine US-Kabelsender wie HBO oder AMC, die "Game of Thrones" oder "Mad Men" produziert haben.

In der Krise befindet sich zweifellos eine bestimmte Art von Fernsehen: Nämlich das lineare Programm, das einen gewissen Qualitätsanspruch erhebt und zugleich auf möglichst hohe Zuschauerzahlen aus ist. Das Schielen auf die Quote jedoch verhindert in der Regel Qualität. Es ist nun einmal so, dass Serien wie "Breaking Bad" oder "Die Sopranos" für viele Menschen einfach zu komplex und zu nahe an der Realität sind. Deshalb werden sie von quotenorientieren Sendern -wenn überhaupt - erst spätabends ausgestrahlt. Eine traurige Tatsache ist auch, dass sich viele Menschen schlicht und einfach nicht für Informationssendungen interessieren. Deshalb werden Informationen von den quotenorientierten Sendern immer boulevardesker aufbereitet, damit sich Zuschauer auch hin und wieder in eine Informationssendung verirren.

Mehr Menschen denn je vor dem Bildschirm

Nischenkanäle begehen diesen Fehler nicht. Wer Fernsehen nur für eine bestimmte Zielgruppe macht, kann sich dieser optimal anpassen. Sicher, auf einem Sportkanal oder einem auf Pensionisten spezialisierten Sender wird sich die Innovationskraft in Grenzen halten. Ist die Zielgruppe allerdings eine offene und experimentierfreudige, dann kann schon Neues und vielleicht Großartiges entstehen. Welcher Programmanbieter jedoch darauf abzielt, eine möglichst breite Masse zu bedienen, kann sich keine Experimente erlauben. Diese Logik führt dazu, dass es Sender gibt, die vor jeglicher Innovation zurückschrecken, wie das Beispiel der öffentlich-rechtlichen in Deutschland zeigt. Deren Mut-und Einfallslosigkeit hat dazu geführt, dass das jüngere, qualitativ hochwertigen Inhalten gegenüber aufgeschlossene Publikum in Scharen geflüchtet ist. Übrig bleibt die ältere Generation. Doch wenn die einmal nicht mehr ist - wer schaut sich dann in Zukunft ARD oder ZDF an?

Auch wenn man den Begriff "Fernsehen" nicht als Gesamtheit der Programmangebote betrachtet, sondern die Perspektive des Zuschauers einnimmt und es als Konsumverhalten definiert, dann kann keine Rede sein vom "Tod des Fernsehens". Mehr Menschen denn je verbringen ihre Freizeit, indem sie vor einem Bildschirm sitzen (oder liegen) und darauf Bilder sehen, die von Ferne kommen. Auf einem modernen Internet-tauglichen Fernsehapparat kann alles, was als Stream im World Wide Web angeboten wird, sichtbar gemacht werden -sogar der Livestream eines Fernsehsenders. Warum soll das dann kein "Fernsehen" sein? Fernsehen bleibt sogar dann Fernsehen, wenn nicht mehr der Fernsehapparat, sondern das Handy zum Empfangsgerät wird: In jedem Smartphone gibt es die sogenannte Screen-Mirroring-Funktion, mit welcher der Fernsehapparat zu einem externen Bildschirm des Handys umfunktioniert werden kann.

Das einzige, was YouTube oder Netflix dann noch von einem klassischen Fernsehsender unterscheidet, ist das On-Demand-Prinzip: Die Inhalte lassen sich jederzeit zu einem selbst gewählten Zeitpunkt abrufen und konsumieren. Doch auch das bieten die meisten Fernsehsender bereits, wenngleich nur in sehr eingeschränkter Form. Über ihre Mediatheken können zumindest die Eigenproduktionen des jeweiligen Senders via Internet angeschaut werden -leider aber mit Ablaufdatum: In Österreich zwingt das ORF-Gesetz und in Deutschland der Rundfunkstaatsvertrag die öffentlich-rechtlichen Sender, die meisten Inhalte nach sieben Tagen vom Netz zu nehmen.

Man stelle sich vor, der ORF könnte alle selbst produzierten Sendungen unbegrenzt in seiner TV-Thek zur Verfügung stellen - und zwar nicht nur die aktuellen, sondern auch die diversen Schätze aus dem Archiv: Viele Menschen würden ihn nach wie vor als einen österreichischen Fernsehsender wahrnehmen, für internetaffine Menschen jedoch wäre der ORF plötzlich Anbieter eines riesigen On-Demand-Portefeuilles mit mehreren zusätzlichen Livestreams für all jene, die sich auch gerne einmal ein vorgefertigtes Programm kredenzen lassen. Das ist der Fernsehsender der Zukunft: Ein Anbieter von Livestreams und On-Demand-Inhalten, der sich von einem konkreten Abspielgerät unabhängig gemacht hat.

ORF-Radios als Beispiel fürs Fernsehen

Diese Livestreams -in herkömmlicher Nomenklatur: die Programme -müssten freilich den Erfordernissen der Gegenwart angepasst werden. Der ORF müsste sich von der Idee eines Programmes für die Gesamtheit der Bevölkerung -symbolisiert durch den Popanz Quote -endgültig zugunsten von Spartenkanälen verabschieden. Als Vorbild könnte jenes Schema gelten, das sich beim ORF-Radio bewährt hat: Hitradio Ö3, Kultursender Ö1, Ö Regional. ORF eins könnte demnach mit Hollywood-Filmen, aktuellen US-Krimiserien, großen Sportereignissen und viel Werbung zum Geldverdienen in eine Art bebildertes Ö3 verwandelt, ORF III mit Kultur und hochwertigen Serien zum österreichischen arte ausgebaut, ORF 2 mit Musikantenstadl, Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen und königlichen Hochzeiten endgültig zum Hausfrauen- und Pensionistensender gemacht werden.

Dann fehlen nur noch gute fiktionale Eigenproduktionen, denn davon leben Streamingplattformen. Netflix etwa hat hochgelobte Serien ("House of Cards","Orange is the New Black") selbst produziert und sich damit einen unschlagbaren Vorteil gegenüber seinen direkten Konkurrenten geschaffen. Der ORF kann auf diesem Feld immerhin mit "Braunschlag" aufwarten. Wie man sich derzeit jeden Dienstag im Hauptabendprogramm (!) überzeugen kann, braucht diese Serie keinen internationalen Vergleich zu scheuen. Weitere Serien und auch Spielfilme dieses Niveaus -und man muss nicht mehr um die Zukunft des ORF bangen.

Zukunft Fernsehen

Vor 60 Jahren begann in Österreich das Fernseh-Zeitalter: Das Staatsvertragsjahr 1955 bescherte dem Land auch den Einstieg in die elektronische Bewegtbild-Kultur. Seither veränderte sich Fernsehen grundlegend. Die Grenzen zum Internet verschwimmen, das Fernsehen der Zukunft hat mit dem der Vergangenheit wenig gemein. Wie steht es da um die öffentlich-rechtlichen Anstalten?

Redaktion: Otto Friedrich