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Aufgerieben?

Das (angeschlagene) Filmfestival von Locarno prämierte "Das Fräulein" mit dem Goldenen Leoparden - und schrammte knapp am Eklat vorbei.

Ein Spaziergang durch dieses sympathische Städtchen in der italienischen Schweiz zeigt: Eine mondäne Kulisse und südliches Flair sind für glamouröse Filmfestspiele unabdingbar. Wenn die Sonne im Lago Maggiore versunken ist, dann wird es dunkel auf der Piazza Grande, und auf Europas größter Open-Air-Leinwand erstrahlen die neuesten Filmkunstwerke vor tausenden Zuschauern.

Neuer Schwung gesucht

Abseits dieser Romantik wurden bei diesem 59. Filmfestival von Locarno aber die Probleme der Veranstaltung offensichtlich. Der neue künstlerische Leiter, Frédéric Maire, hatte sich zum Ziel gesetzt, die Filmschau zu erneuern. Weniger Filme (170 statt 250 im Vorjahr), eine zweite Wettbewerbsschiene mit dem Titel "Cineasten der Gegenwart" sowie der Verzicht auf Exklusivität und die Hereinnahme bereits gezeigter Publikumserfolge aus Cannes sollten dem angeschlagenen Festival neuen Schwung verleihen. Leider bleibt das Problem von Locarno auch nach Maires Premiere dasselbe: Man läuft Gefahr, zwischen den prestigeträchtigeren Events von Cannes oder Venedig aufgerieben zu werden. Maire selbst wurde in einer Schweizer Zeitung zitiert, dass angesichts der Vormachtstellung dieser Festivals für Locarno nicht mehr allzu viel am Filmmarkt übrig bliebe.

Wohl auch ein Grund, weshalb sich die Jury am vergangenen Samstag auf einen Schweizer Film einigte und ihm den Goldenen Leoparden verlieh. Dabei ist "Das Fräulein" von Andrea Staka knapp an einem Eklat vorbei geschrammt: Im Vorspann des Films wird die österreichische Regisseurin Barbara Albert als Drehbuch-Mitarbeiterin gewürdigt, was vor der offiziellen Projektion in Locarno offenbar niemandem aufgefallen war. Albert saß aber heuer auch in der Jury - was selbstredend absolut unvereinbar ist. Als Kritik laut wurde, trat Albert aus der Jury aus. Was bleibt, ist schlechter Eindruck: Solche Unseriositäten dürfen einem A-Festival wie Locarno nicht passieren.

Noch überraschender ist, dass "Das Fräulein" überhaupt als Siegerfilm aus dem überwiegend mäßigen Wettbewerbsprogramm hervorging. Eine Geschichte um eine junge Frau, die aus Sarajevo in die Schweiz geflohen ist und hier zwischen Kantinenjob und Alltagstristesse ihr Dasein fristet. Ein braver Film, der wieder einmal von den Rändern der Gesellschaft erzählt, ohne jemals wirklich zu berühren. Derlei Filme hat man in den letzten Jahren wiederholt gesehen, vorwiegend aus Österreich - und nicht selten war Barbara Albert und deren Produktionsfirma "Coop99" daran beteiligt.

Weitgehend Mittelmaß

Der übrige Wettbewerb war bestimmt von Mittelmaß: Beiträge wie "Jimmy della Collina" (Italien) oder "The Lives of the Saints" (Großbritannien) gefielen zwar, blieben jedoch ohne Würdigung durch die Jury. Stattdessen ging der Spezialpreis der Jury an den mehr als bemühten US-Independent-Film "Half Nelson", in dem ein sozial engagierter, aber koksender Lehrer die Welt zu verbessern versucht. "Der Mann von der Botschaft" (Deutschland) über einen ebenso sozial engagierten Diplomaten (Bester Darsteller: Burghart Klaussner) unternimmt denselben Versuch, scheitert aber ebenfalls an seiner schier unüberwindbaren Langeweile. Der beste Film des Festivals lief dagegen außer Konkurrenz: Florian Henckel von Donnersmarcks wunderbar gespieltes, mit dem Publikumspreis ausgezeichnetees DDR-Stasi-Drama "Das Leben der anderen" (siehe auch Seite 15) ist einer der besten deutschen Filme der letzten Jahre.

Finale im Krankenbett

Eines ist Frédéric Maire und seinem Team jedenfalls zugute zu halten: Mit schier unglaublichem Engagement versuchte man, das Beste aus der Situation zu machen. Als Eröffnungsfilm wählte man breites Blockbusterkino ("Miami Vice"), mit Willem Dafoe zeichnete man einen allerorts respektierten "Anti-Star" aus Hollywood mit dem Ehrenleoparden aus und einige der auf der Piazza Grande gezeigten Filme gefielen zumindest durch ihre Zugänglichkeit. Dass Frédéric Maire das Ende des Festivals vom Krankenbett aus verfolgen musste, weil er einen Schwächeanfall erlitt, ist ein trauriger Beweis für seine Selbstausbeutung. Immerhin: Seine Amtszeit geht in die Verlängerung, und das 70-Meter-hohe Superkino, das demnächst in Locarno entstehen soll, gibt Anlass zur Hoffnung, dass dieses sympathische Festival bald Aufwind verspürt.

Mehr Infos unter www.pardo.ch

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