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Aufruf zur Hellhörigkeit

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Ein Handbuch propagiert den sorgsamen Umgang mit dem Machtinstrument Sprache.

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Ein Handbuch propagiert den sorgsamen Umgang mit dem Machtinstrument Sprache.

Die Auswirkungen vom Sprachgebrauch auf die Gesellschaft untersucht der Sprachwissenschaftler Bernd Matouschek im Büchlein "Böse Worte?" sehr genau. Für Männer und Frauen, die hellhörig gegen Diskriminierung sein wollen, eine Bewusstsein erweiternde Pflichtlektüre.

Wörter sind unerlässliche Bausteine der Kommunikation, Sprache ist das wichtigste Medium der Menschen im Umgang miteinander. Sie ist auf allen Ebenen relevant: im privaten Bereich, in Lehre, Gesetzgebung, Politik und Presse. Von der Wiege bis zur Bahre nimmt der Mensch Sprache auf, wird von ihr geprägt, gestaltet sie aber auch selbst. Parolen, Propaganda, diskriminierender Wortgebrauch bereiteten den Nährboden für totalitäre Systeme.

Die Zeit zur Reflexion ist reif: Achtsame Zeitgenossen widmen ihre Kommentare vermehrt der "Polarisierung" oder "Verrohung der Sprache". Bernd Matouschek hat in seinem, von der Grünen Bildungswerkstatt Minderheiten herausgegebenen Buch "Böse Worte?" die Sprache und ihren Wandel genau untersucht. Sein Blick richtet sich besonders auf den diskriminierenden Gehalt, der in bestimmten Begriffen zum Ausdruck kommt.

Umfragen unter betroffenen "Aus- und InländerInnen", Zeitungsausschnitte, Politikerzitate, Texte aus Lehrbüchern und ein Blick in die Geschichte eines Wortes belegen die Verschärfung des Klimas in Österreich gegen ausländische MitbürgerInnen. Sie geben dem diffusen Gefühl einer Veränderung der gesellschaftlichen Grundstimmung eine fundierte Grundlage. Seit der Ostöffnung in den neunziger Jahren wurde das Wort "Ausländer" bedeutungsmäßig negativ aufgeladen, bis es eine diskriminierende Konnotation bekam. So wurden aus "Flüchtlingen" sehr früh "Wirtschaftsflüchtlinge". Damit gestand man einer sehr heterogenen Menschengruppe kollektiv im Sprachgebrauch kein Asylrecht mehr zu. Folgendes fand sich damals in den Medien: "Millionen von Russen wollen in den goldenen Westen, Drogendealer überschwemmen Österreich, die Dämme bersten und so weiter." Bilder von "Flüchtlingswellen", dem "vollen Boot" und ähnliches helfen bei der Konstruktion von Horror-Szenarien. Heute dominieren "Armutsflüchtlinge", "Schein-Asylanten", "Illegale", im Bedarfsfall mit "Grenzgänger" oder "Einwanderer" ergänzt.

Achtsamkeit ist selbst in Kurzmeldungen angebracht: "Ex-Jugoslawe erschlug Sohn im Streit mit einem Bügeleisen" klingt wesentlich anders als wenn man wahrheitsgemäß den "Ex-Jugoslawen" mit "Österreicher" ersetzt. In einer Kurzmeldung ist dieser Hinweis irrelevant. Die Faustregel, Nationalitäten, Religionszugehörigkeit oder ähnliches nur anzuführen, wenn sie als Information unerlässlich sind, wird oft nicht eingehalten.

Hier zeigt sich, wie feinmaschig das Sprachnetz weit über bekannte skandalöse Politikersager hinaus geknüpft ist, das ein Klima der Intoleranz und Skepsis schafft. Matouschek nimmt Fallbeispiele wie "Antisemitismus" oder das Wort "Neger" genau unter die Lupe. Die Bandbreite der Abstufungen ist gewaltig. Sie reicht von den Drogenrazzien der Wiener Polizei, die als "Aktion Bimbo" bezeichnet werden, über "Negerhure", "Negerkaff", "Topfenneger" bis hin zu "Negerkuss" oder "Negerbrot". "Da ein "Eis mit Schokoladenüberzug" die in jeder Hinsicht unproblematischere Bezeichnung für den "Eisneger" darstellt und durch eine Ersatzbezeichnung kein Bedeutungsgehalt verloren geht, sollte einem Austausch nichts im Wege stehen", folgert der Autor. "Das Erbe der Kolonialzeit verschwindet nicht, indem man den Negerkuss umtauft. Dazu gehört mehr: Es geht um die Abschaffung eines umfangreichen Stereotyps, in dem die Herabwürdigung der Fremden einen gewichtigen Anteil hat", bemerkt Sabine Künsting. Dazu sind wir alle aufgerufen.

Die Lektüre dieses Buches vermittelt dem Leser nie die Ohnmacht, dem von einer übermächtigen öffentlichen Meinung diktierten gesellschaftlichen Klima hilflos ausgeliefert zu sein. "Sprechen/Schreiben ist eine der elementaren sozialen Handlungsformen, die wie eine handwerkliche Fähigkeit, erlernt werden müssen und uns nicht einfach in die Wiege gelegt sind. Sprachverhalten ist eine Form von Wissen," schreibt Matouschek. "Böse Worte?" gibt verantwortungsbewussten Menschen Richtlinien, ihre Sprache zu kultivieren und nicht unbewusst andere zu verletzen.

Böse Worte? Sprache und Diskriminierung. Eine praktische Anleitung zur Erhöhung der "sprachlichen Sensibilität" im Umgang mit den Anderen. Von Bernd Matouschek. Drava Verlag, Klagenfurt 2000. 96 Seiten, brosch., öS 168,-/e 12,21

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