Das Kalachakra-Treffen, das zur Zeit in Graz stattfindet, ruft großes Echo hervor. Christliche Gedanken über einen ehrlichen Dialog mit Buddhisten.

Wie auch immer man zum Buddhismus stehen mag - eine Folge der Anwesenheit des Dalai Lama beim Kalachakra-Ritual und "Weltbuddhistentreffen" in Graz ist unbestreitbar: Religion und religiöse Identität sind dieser Tagen ein öffentlichen Thema geworden, unabhängig davon, ob man dies der Persönlichkeit des hohen Gastes oder bloß der solchen Großveranstaltungen immanenten Medienlogik zuschreibt. Im Unterschied zu den bisherigen Besuchen des Dalai Lama in Österreich, bei denen in der Rezeption eindeutig seine politische Identität als Vertreter eines unterdrückten Volkes im Vordergrund gestanden ist (mit der Folge äußerst peinlicher Distanzierungen seitens der damaligen österreichischen Regierung, die es sich nicht mit dem lukrativen Markt China verscherzen wollte), ist es diesmal mit dem Kalachakra-Ritual ein religiöser Anlass, der die Gemüter ehrlich bewegt.

Tatsächlich liegt in dieser Situation eine echte Chance, sich - jenseits interner Belanglosigkeiten, die hierzulande oft die öffentliche Debatte um Kirchen und Religionen ausfüllen, und jenseits höflicher Floskeln, die mitunter die Dialogverweigerung allerorts kaschieren - den wesentlichen Fragen zu stellen: Wo liegt "das Eingemachte", der Kern der eigenen christlichen Glaubensüberzeugung und Lebenshoffnung? Sind wir tief genug in ihr verwurzelt, dass wir ohne Ängste eine echte Begegnung wagen können? Wie ernst nehmen wir religiöse Vollzüge und Riten? Inwieweit drängt echte religiöse Erfahrung auf allen Seiten zur Mitteilung, ob diese nun "Einladung" genannt wird oder "Mission" oder sonst irgendwie?

Mit der "Nazi"-Vorwurfskeule

Freilich gibt es auch Irritationen und Ablenkungen in diesem Prozess: Ein Beispiel dafür ist die oberflächliche Darstellung des Buddhismus, der die Tageszeitung Der Standard vor einigen Wochen Raum gab - eine weitgehend kritiklose Wiedergabe der Sichtweise des den Buddhismus anklagenden Ehepaars Röttgen, das den Dalai Lama, das KalachakraRitual und den Buddhismus überhaupt in einen Zusammenhang mit sexuellem Kindesmissbrauch, Welteroberungsgelüsten und Nazi-Ideologien stellt (vgl. Ursula Baatz in Furche 38, Seite 7). Man fragt sich, ob die bloße Benützung des Klischeevorwurfes "Nazi-Ideologie" da bereits als hinreichendes journalistisches Kriterium für die unkritsche Übernahme der Röttgen-Vorwürfe gilt. Oder geht es um einen blinden Rundumschlag gegen jedwede Religion, diesmal aus vordergründiger Aktualität eben gegen den Buddhismus, nachdem das Leserpotenzial gängiger Kirchenpolemik momentan ausgereizt scheint?

Freilich sollen damit nicht die problematischen Aspekte des Kalachakra bestritten sein: Wahr ist, dass die Texte des Rituals neben astronomischen, geographischen, medizinischen und yogischen Themen auch apokalyptische Szenen von brutaler Gewalt und großer Grausamkeit beinhalten. Historisch gesprochen sind diese wohl der Niederschlag der Auseinandersetzungen mit dem Islam im Entstehungskontext der Schrift, also vor rund einem Jahrtausend im Nordwesten Indiens. Nun können solche Sequenzen zwar schon ein zu simples Klischee von einem ewig-friedlichen Buddhismus ein Stück weit korrigieren; eine Kriegerideologie machen sie daraus aber noch lange nicht. Dies sollte vor allem jenen Christen klar sein, die im Stundengebet ihrer höchsten Festtage regelmäßig rezitieren, wie herrlich das ist, wenn die Frommen mit ihrem Schwert Vergeltung vollziehen an den Völkern (Ps 149,6-8). Es geht hier aber nicht um primitive gegenseitige Aufrechnung, sondern um die schlichte Anerkennung der fundamentalen Tatsache, dass alle Religionen, die sich auf historische Texte berufen, vor der Notwendigkeit stehen, diese Texte auch entsprechend zu deuten. Hermeneutik ist ihre Pflicht, aber auch ihr Recht, und das gilt für den Buddhismus ebenso wie für das Judentum, das Christentum und den Islam.

Und nun zur Grazer Großveranstaltung als solche: Zunächst scheint sie dazu angetan, bei Außenstehenden den Eindruck zu erwecken, dass hier der Buddhismus aufträte. Dabei gerät jedoch außer Blick, dass die tibetische Tradition nur einen kleinen Bruchteil der Buddhisten dieser Welt repräsentiert und dass ein weitaus größerer Teil mit solchen Ritualen vermutlich aus vielerlei buddhistischen Gründen seine Schwierigkeiten hätte. Bedeutsamer als diese Anfrage an ihre Repräsentativität erscheint jedoch etwas anderes: Im interreligiösen Dialog taucht immer wieder (mit durchaus distanzierendem Blick zur ambivalenten Christentumsgeschichte) die Meinung auf, der Buddhismus sei eine Religion, die nicht missioniere. Versteht man Mission in ihrem ursprünglichen und gleichzeitig modernen Sinn der zeugnishaften Verkündigung, dann ist spätestens mit dem Scheinwerferlicht der Grazer Großveranstaltung dieser Behauptung der Boden entzogen, ob nun mit oder ohne Richard Gere. Und diese Einsicht ist ein Schritt zu größerer Ehrlichkeit in der Begegnung.

Was nicht in Frage kommt

In diesem Zusammenhang hat schließlich auch die buddhistische offene Einladung zur Teilnahme am Kalachakra-Ritual an alle Menschen, dezidiert auch an die Angehörigen anderer Religionen, Verwirrung ausgelöst: Wie ist die Einladung an Nicht-Buddhisten zu einer Feier zu verstehen, die als intime Initiation und als Weihe mit Wirkung auf alle Anwesenden beschrieben wird? Dass sie etwa beim katholischen Bischof in Graz Skepsis auslöst, ist durchaus verständlich. Es scheint den veranstaltenden Buddhisten in ihrer saloppen Art nicht rechtzeitig gelungen zu sein zu präzisieren, was sie hier mit "Teilnahme" meinen. Dabei wäre der Spielraum freilich durchaus vorhanden: Der gläubige Mitvollzug der Initiation ist eines, die interessierte Anwesenheit von Gästen ein anderes. Mehr Einfühlungsvermögen in die Adressaten der Einladung hätte wohl auch mehr Differenzierung in der Reaktion ermöglicht, denn kultische Partizipation kommt für Christen nicht in Frage, Annahme der Gastfreundschaft ist jedoch nicht nur ein schönes menschliches Zeichen der Wertschätzung, sondern entspricht auch dem Wunsch des wachen Geistes, der "alles prüft und das Gute behält" (1 Thess 5,21). In diesem Sinne wäre es auch für Christen schade, auf die wertvollen Impulse des Dalai Lama, des Oberhauptes der tibetischen Gelbmützenschule, zu verzichten.

Der Autor ist Universitätsassistent in Wien und Mitarbeiter der "Kontaktstelle für Weltreligionen" der Österreichischen Bischofskonferenz.

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