Digital In Arbeit

Datenhighway in den Himmel

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Das Online-Angebot der katholischen Kirche kann sich weltweit sehen lassen. Auf der österreichischen Ebene ist es noch ausbaubedürftig.

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Das Online-Angebot der katholischen Kirche kann sich weltweit sehen lassen. Auf der österreichischen Ebene ist es noch ausbaubedürftig.

Damit hat auch im Vatikan niemand gerechnet: Die Mailbox von Papst Johannes Paul II. musste wegen Überfüllung geschlossen werden. Täglich trafen Tausende Mails ein. Die Flut konnte von den Mitarbeitern des Papstes nicht mehr bewältigt werden. Vatikan-Sprecher Joaquin Navarro-Valls appellierte an die Surfer, ihre Anfragen in Glaubensfragen künftig ihren Diözesen oder Pfarren zu schicken.

Trotzdem baut der Vatikan sein Online-Angebot zügig aus. Der Kirchenstaat unterhält zwei große Homepages: die offizielle Vatikan-Adresse und eine eigene Web-Seite über das Jubeljahr 2000. Auf www.vatican.va erhalten Surfer in sechs Sprachen, darunter auch Deutsch, aktuelle Informationen aus dem Vatikan. Online können alle Ansprachen von Johannes Paul I. und II. abgerufen werden. Dokumente aus der Zeit Pauls VI. sollen schon bald zur Verfügung stehen. Auf der Jubeljahr-Adresse www.Jubil2000.org werden alle großen Veranstaltungen mit dem Papst live ins weltweite Datennetz übertragen - von den Generalaudienzen bis zum Segen "Urbi et Orbi". Voraussetzung dafür ist, dass der Surfer zu Hause einen Computer mit Videokarte und Web-Anschluss hat. Das Online-Angebot des Vatikans wird von 30 Priestern, Nonnen und Technikern der "Telecom Italia" betreut. Die Homepages verzeichnen monatlich über 13 Millionen Zugriffe. Die drei Hauptserver (Großcomputer) des Kirchenstaats sind nach den Erzengeln Raphael, Gabriel und Michael benannt. Vor allem den Beistand von Michael, der in der Bibel mit dem Teufel ringt, können die Webmaster gut gebrauchen. Denn in letzter Zeit häufen sich auch im Vatikan die Hacker-Angriffe, die entweder das Computer-Netzwerk lahm legen oder auf der Homepage antiklerikale Texte platzieren wollen.

Kirche(n) im Netz Im Vergleich zum Vatikan ist das Online-Angebot der katholischen Kirche Österreichs noch ausbaubedürftig. Hierzulande fehlt der Bischofskonferenz das Geld für ein eigenes, zentrales Internet-Büro. Die Home-page www.kath-kirche.at wird von der Nachrichtenagentur Kathpress mitbetreut. Hier findet der Surfer neben aktuellen Nachrichten und Hintergrundinformationen ein Verzeichnis aller kirchlichen Web-Seiten Österreichs und der Nachbarstaaten. Man kann sich über Links direkt mit den Web-Seiten verschiedener Diözesen, Pfarren, Bildungshäuser oder mit Spezial-Seiten, auf denen sich etwa Material zur Gestaltung der nächsten Sonntagspredigt befindet, verbinden lassen. Der gesamtösterreichische Auftritt der katholischen Kirche Österreichs lässt (im Gegensatz zur gut aufbereiteten Web-Seite der evangelischen Kirchen www.evang.at) allerdings zu wünschen übrig. Einige heimische Diözesen haben bereits ein gut sortiertes Webangebot etabliert, andere sind aber noch immer nicht im Web präsent. Dabei wäre es dringend an der Zeit, dass die Kirche den zahllosen esoterischen Web-Seiten Paroli bietet.

Wo das offizielle kirchliche Web-Angebot (noch) fehlt - etwa in der Erzdiözese Wien - geht die Online-Initiative vor allem von engagierten Laien aus, wie das Beispiel der Pfarre Pressbaum zeigt: Nach Rücksprache mit dem Pfarrgemeinderat hat dort der Lehrer Hannes Daxbacher ein Konzept für eine eigene Pfarrhomepage erarbeitet. Und das Resultat kann sich sehen lassen. Die Seite wurde zu einem vielbeachteten Kommunikationsinstrument über die Grenzen der Pfarre hinaus. Denn Daxbacher stellt nicht nur Kircheninfos, sondern auch Sportnews und Veranstaltungstipps von Pressbaum ins Netz. Um die Homepage aktuell zu halten, verbringt Daxbacher täglich eine halbe Stunde vor dem Computer.

Internet-Seelsorge In Mödling sammelt Kaplan Martin Leitner nach den Jugendmessen E-Mail-Adressen ein, um den jungen Menschen online weitere Informationen zu schicken. "Jugendliche surfen eher, als dass sie ein Flugblatt anschauen", ist Leitners Devise. Und Pfarrer Georg Hager aus Ebenau (Erzdiözese Salzburg) bietet sogar Internet-Seelsorge an: "Ich möchte Ansprechpartner in Glaubensfragen, bei Beziehungsproblemen oder Notsituationen sein." Hager will jedes E-Mail, egal von welcher Person sie stammt, innerhalb kürzester Zeit gewissenhaft beantworten. Allerdings wird er natürlich auch für persönliche Gespräche zur Verfügung stehen. Denn Hager möchte nicht "zum namenlosen Priester im Netz" werden.

Nach Ansicht des Kölner Soziologen Christoph Wolf dominieren Religionsthemen - und nicht wie oft behauptet Sex und Pornografie - das Internet. "Kirchen und Religionsgemeinschaften haben das Internet zur Verbreitung ihrer Botschaften entdeckt. Um deren Stellenwert herauszubekommen, startete Wolf die Suchmaschine AltaVista. Nachdem er das englische Wort "God" eingegeben hatte, erhielt er über vier Millionen Resultate. Zum Wort "Religion" gab es sechs Millionen Treffer. Allerdings wurden hier alle möglichen Angebote aufgelistet - von Scientology über Hare-Krishna bis hin zur Esoterik.

Reich und Arm Um noch mehr Gläubige ins Netz zu locken, bietet die katholische Kirche Australiens in Kooperation mit lokalen Internet-Providern ihren Gläubigen ein besonders preisgünstiges Web-Package an. Darin enthalten sind ein Computer, ein Modem und eine "familienfreundliche Software", die alle Sex- und Gewalt-Seiten im Internet blockiert. Der Erzbischof von Sydney, Peter Ingham, möchte mit dem Angebot eine "Brücke zwischen jenen schlagen, die von den neuen Technologien profitieren und denjenigen, die es nicht können, weil ihnen aus wirtschaftlichen Gründen der Zugang fehlt." Die Schere zwischen Informations-Reichen und -Armen dürfe nicht weiter auseinanderklaffen. Der Erzbischof betont, dass das Internet eine immer wichtigere Rolle spiele, katholische Werte zu verbreiten. Sakramente wie die Eucharistie würden sich jedoch nicht für das Internet eignen.

In den USA gibt es bereits eine eigene religiöse Gemeinschaft, die nur digital existiert. Wer sonntags in keinen Gottesdienst gehen mag, kann zu Hause am Computer Platz nehmen und die "First Church of Cyberspace" besuchen, geistliche Musik hören, fromme Texte lesen und mit anderen Surfern in Chat-Räumen Erfahrungen austauschen. All das unrasiert und im Morgenmantel. Die Cyber-Church hat keine Bänke und keine Kirchengebäude, sondern existiert nur virtuell. Tausende Surfer schauen jede Woche vorbei. Die katholische Kirche lehnt ein solches Kirchenmodell entschieden ab. Das Evangelium müsse doch "von Mensch zu Mensch" vermittelt und erfahren werden und nicht als Unterhaltung auf dem Computer-Bildschirm, heißt es in einer Stellungnahme der katholischen Bischöfe in den USA Zum gleichen Urteil kommt der anglikanische Bischof von London, Richard Chartres: "Wer Gott nur noch am Bildschirm sucht, könnte vereinsamen." Das Internet ersetze nicht das Zwischenmenschliche eines Gesprächs von Angesicht zu Angesicht und könne die Fähigkeit dazu zerstören. Chartres warnt vor elektronischer Frömmigkeit: "Wer der Technik hörig wird, kann seiner Seele schaden."

Der Grazer Bischof Johann Weber sieht die Sache nüchterner. Für ihn ist das Internet in erster Linie eine technische Infrastruktur aus Computer und Telefonverbindungen. Wie alle Erfindungen des menschlichen Geistes könne diese Struktur, so Weber, "zum Guten, aber auch zum Bösen" genutzt werden.

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