Digital In Arbeit

Datenhighways statt Autobahnen

1945 1960 1980 2000 2020

Informationskrieg "InfoWar": Das Thema der "Ars Electronica" (7.-12. Sept.) beleuchtet die Schlacht um die Vorherrschaft im internationalen Datennetz.

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Informationskrieg "InfoWar": Das Thema der "Ars Electronica" (7.-12. Sept.) beleuchtet die Schlacht um die Vorherrschaft im internationalen Datennetz.

dieFurche: Das Innovationsfestival "Ars Electronica" in Linz ist weder Messe noch Verkaufsshow. Welche Definition bieten Sie an?

Gerfried Stocker: Seit 1979 ist die Ars Electronica ein Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft und dem künstlerischen wie theoretischen Diskurs über die Auswirkungen der Neuen Medien auf die Kultur gewidmet. Wir sehen die digitale Revolution nicht als technologische, sondern als kulturelle. Die Ars setzt sich zum Ziel, neu aufkommende Möglichkeiten in ihren Auswirkungen in fünf bis zehn Jahren zu untersuchen, den Blick weit nach vorne zu richten, um prospektiv Änderungen zu erkennen und ihre gesellschaftliche Relevanz zu beschreiben.

dieFurche: 1994, nach der Ars zum Thema "Intelligente Ambiente" kritisierten Architekten den mangelnden Praxisbezug ...

Stocker: Es ist nicht verwunderlich, daß jährlich Leute den Praxisbezug missen, aber es ist gezielt die Programmatik der Ars, in die Zukunft zu schauen. Wir haben diese Ausrichtung in den letzten Jahren ohnehin relativiert, da man den Trend feststellen kann, daß das, was früher Zukunft war, erreicht wurde. Die Zukunftsvisionen der neunziger Jahre, Virtual Reality und Robotik, sind eingetroffen. Wir versuchen nun stärker das Eintreffen früherer Zukunftsvisionen zu überprüfen und nicht darüber nachzudenken, was in zehn Jahren sein wird. Wir wollen innehalten und sehen, was die digitale Revolution in unserer Welt schon verändert hat.

dieFurche: Man will nicht mehr die Zukunft neu definieren, sondern die Gegenwart neu katalogisieren?

Stocker: Es ist eine Möglichkeit, das so zu formulieren.

dieFurche: Seit dem Golfkrieg sind "Krieg und Information" ein Begriffspaar. Der datengestützte Krieg wurde medial als Computerspiel vermittelt. Die Gästeliste mit Peter Arnett, Vivienne Forrester, Friedrich Kittler, Paul Virilio oder dem Salzburger Rüstungsforscher Georg Schöfbänker weckt Erwartungen.

Stocker: Die negative Meldung zuerst: Peter Arnett wird nicht kommen dürfen. Er hat aufgrund der Vorkommnisse mit den Berichten in Kambodscha (Arnett hatte den USA zu Unrecht den Einsatz von Giftgas vorgeworfen, Anm. d. Red.) die Order, öffentlich nicht aufzutreten. Klarerweise werden ihn die Leute überall, wo er auftritt, nur dazu befragen. CNN will Gras darüber wachsen lassen. Interessant war aber schon: Wir hatten die meisten Schwierigkeiten, Leute aus den USA zu bekommen. Eine andere Person, John Arquilla vom US-Verteigungsministerium, erhielt ebenfalls keine Erlaubnis, nach Europa zu reisen. Dabei wollen wir nicht neueste Kriegstechnik diskutieren ... Der Kreis zieht sich weiter: Nichts ist dem Menschen realer als Krieg, nichts ist betreffender. Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte ihrer Kriege.

dieFurche: Weil die Menschheitsgeschichte die Entwicklung ihrer Technologien ist. Neue Technologien führen immer zum Widerstreit der Technologien, dessen größte Form der Krieg ist.

Stocker: Daß der Krieg der Vater aller Dinge ist, gilt für keinen Bereich so stark wie für die Medientechnologie. Computer und Internet sind heute Objekte des Alltags, aber Ergebnisse der Militärforschung. Daher stellten wir die grundsätzliche Frage: Ändert das unsere Zivilisation, ändert das unsere Kultur, wenn wir plötzlich mit Geräten hantieren, die eigentlich von und für Offiziere entwickelt wurden? Die Gäste sollen globalkulturellen Einblick geben. Wir haben Experten aus Amerika, Europa, China, Rußland, Japan, Nepal, Rüstungsexperten der US-Airforce, der russischen Armee, Kulturphilosophen, aber auch Hacker. 70 sind akkreditiert, unter ihnen "Lucky Green", das ist sein Pseudonym, einer der bestverdienenden Akteure aus New York. Die Hacker sind die Robin Hoods der Informationsgesellschaft. Sie besitzen Schlüsselkompetenz, ein tiefes Wissen über die Systeme und einen analytischen Blick auf ihre Funktion, immer vor dem Hintergrund ihrer ethischen Gesinnung. Das macht sie für uns zu wichtigen Auskunftspersonen.

dieFurche: Der Kampf ums Internet ist hart: Eine Art Stammeskrieg der Dioskuren liefern sich die Browserproduzenten Microsoft und Netscape (Hersteller von Programmen, die Zugang zum Internet eröffnen) um die Vorherrschaft im System.

Stocker: Der Browser-Krieg wird zurecht thematisiert. Es geht um die Vorherrschaft in der neuen Öffentlichkeit. Man stelle sich vor, es gebe eine Firma, die sämtlichen Verkehrtechniken, Eisenbahn, Straßenbahn, Automobil, und Fahrrad sowie die Strecken, die diese befahren, beherrscht. Das ist die große Angst beim Internet: Daß eine Firma die Maschinen, die Software und die Wege kontrolliert und dazu, wie Microsoft, die Hand auf Inhalte hat. Corbis etwa, die Microsoft-Firma, baut riesige Datenbanken an Bildrechten auf. Viele Bilder, wie das vom Napalmbomben-Mädchen aus Vietnam, gehören Microsoft. Medienmacht, wie Gates sie praktiziert, ist zu Ende gedacht, politische Macht.

dieFurche: Auch außen tobt ein Kampf, jener um die guten Sitten. Behörden nehmen die Vertriebsfirmen, genannt "Provider", in die Pflicht. Manche sprechen von Zensur.

Stocker: Wir haben im Internet Freiräume, die nicht gut und im Sinne des Gemeinwohls genutzt werden. Die Probleme mit Kinderpornographie, Terrorismus und organisiertem Verbrechen existieren tatsächlich, hier muß klarerweise gehandelt werden. Auf der anderen Seite kann dieses Handeln nicht nur bestimmt sein von den Wünschen der Staatssicherheitsexperten. Vorstellungen, jedem Internetbenutzer eine digitale Hundemarke umzuhängen, widersprechen westlichen Vorstellungen von Menschenwürde. Hier müßte etwas mehr Vernunft einziehen. Man setzt im Internet Maßnahmen wie bisher in keinem anderen Kommunikationssystem. Richtiger wäre: Die Bürger zu mündigen Benutzern zu machen. Das Internet ist kein Publishermedium, in dem eine Handvoll Autoren veröffentlicht. Die Herausforderung des Internet ist, daß jeder auch Sender ist und das erfordert ein Verantwortungsgefühl und ein neues kulturelles Verständnis. In Amerika hat man das Vorgehen gegen die Provider schon als falsche Methode erkannt. In Europa gibt es ein einheitliches Vorgehen der EU, das öffentlich kaum diskutiert wird und das Abhören und Mitlesen sehr rigoros ermöglichen soll. Provider sollen wie Handybetreiber technische Mittel zur Verfügung stellen, die Rasterfahndung ermöglichen soll.

Die Schlacht um die Information, den "Info-War" entscheidet letztlich, wer die Straßen und Autobahnen, sprich die besseren Datenleitungen hat. Bill Gates meinte in seinem Buch "The road ahead" (Der Weg nach vorne): "Fiber will be the asphalt of the information-highway." (Fiberglas wird der Asphalt der Datenautobahn sein.)

dieFurche: Was muß sich in Österreich verbessern?

Stocker: Es muß erstens die politische Überzeugung geben, daß Datenhighways wichtiger sind als Autobahnen. Siehe Vorbild Japan: Dort werden Institutionen wirklich "breitbandig" an das Netzwerk angeschlossen und nicht nur über ISDN Einwahlleitungen. Es liegt in Österreich mehr Fiberglas in der Erde als man glaubt. Aber wesentlich ist nicht die Technik, sondern vielmehr die Frage des Zugangs. Es geht um Medienkompetenz, um die Kulturtechnik und wie man sie lernt. Auch hier existiert in anderen Regionen größere Dynamik. In Japan begann man vor fünf Jahren mit der Gründung von Medienhochschulen, an denen Mediendesign gelehrt wird. Mit dem Ergebnis, daß bei unserem Wettbewerb 50 Prozent aller spannenden Computerarbeiten aus Japan kommen. Wenn wir nicht mitziehen, können wir davon ausgehen, daß wir in zehn Jahren Entwicklungsland sind.

Das Gespräch führte Marcus J. Oswald.

Zur Person: Ein Nachrichtentechniker, der sich der Kunst verschrieben hat Gerfried Stocker ist 1964 in Möschitzgraben in der Steiermark geboren. Nach der Grundschule studiert er weiter in Graz, wo er bis 1995 lebt. Er ist Ingenieur für Nachrichtentechnik, gleichzeitig auch Musiker. 1991 gründet er "x-space", ein Team von Künstlern und Technikern zur Realisierung interdisziplinärer Projekte. 1992/93 ist er als künstlerischer Leiter der "Steirischen Kulturinitiative" in Graz tätig. Seit Juni 1995 ist er Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des "Ars Electronica Centers" in Linz, das im ersten Jahr seiner Tätigkeit an eröffnet wurde. Es gilt mit einem Sponsorenanteil von 50 Millionen Schilling bis heute als das größte private Kultursponsering der Zweiten Republik. Gemeinsam mit Christine Schöpf ist er auch für die inhaltliche Konzeption des Festivals "Ars Electronica" verantwortlich.

Die diesjährige "Ars Electronica" findet in der Zeit vom 7. bis zum 12. September statt. Ihr Thema lautet: "InfoWar".

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