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Der brabbelnde Diktator

Charles Chaplins "The Great Dictator": Die Entlarvung Adolf Hitlers durch Lächerlich-Machung.

Hätte er damals von den tatsächlichen Schrecken der Konzentrationslager gewusst, hätte er den "Großen Diktator" nicht machen können, schrieb Charles Chaplin in seiner Autobiografie. Damals, 1940, befand sich Hitler am Höhepunkt der Macht: Frankreich war besetzt, die Briten zogen sich bei Dünkirchen über den Ärmelkanal zurück und auf England fielen Bomben über Bomben. In den USA wollten viele dennoch nicht gegen Hitler in den Krieg.

Chaplins Plan, einen Film über Hitler zu machen, war demnach kein leichtes Unterfangen - und gelang dennoch. Obwohl die Kritik "The Great Dictator" verhalten aufnahm, wurde der Film einer der größten kommerziellen Erfolge Chaplins. Adolf Hitler, so die Fama, soll die satirische Abrechnung mit seiner Person gar höchstpersönlich gesehen haben. In die deutschsprachigen Kinos kam der Streifen aber erst 1958 - 14 Jahre nach dem Ende der Hitlerei.

Heute noch zeigt sich, dass Charlie Chaplins Zugang, Hitler, Goebbels, Göring et cetera als Schmierenkomödianten vorzuführen, genial war: Die bigotte Spießigkeit und absurde Selbstverliebtheit der Nazigrößen und ihrer kleineren Brüder, der Mussolinis, ist mindestens so entlarvend wie manch spätere Dokumentation. Chaplin hat Hitlers öffentliche Auftritte genau studiert; sein brabbelnder "Großer Dikator" Adenoid Hynkel ist bis in die kleinsten dramaturgischen Details unerreicht.

Auch im Wissen, dass die NS-Herrschaft viel entsetzlicher war, als Chaplin imaginieren mochte, hält Hitlers Entzauberung als schrulliger Diktator Hynkel, der einer Verwechslung mit einem jüdischen Friseur zum Opfer fällt. Hierzulande hat - gut 30 Jahre später - erst Helmut Qualtinger mit seinen Lesungen aus "Mein Kampf" die Hitlersche Ideologie anhand ihrer Sprache als ebenso perfide wie abgrundtief dumme Dreistigkeit lächerlich gemacht.

"The Great Dictator", heute gesehen, erweist sich zwar auch als Film seiner Zeit: Die ebenso rührend wie kitschige Darstellung des Ghettos ist eine ästhetische Reminiszenz an den Stummfilm, dem Chaplin nicht entkommen mag. Zwiespältig bleibt auch die Sicht auf die große Schlussansprache, in der Chaplin als jüdischer Friseur, der für Hynkel gehalten wird, mit einem Plädoyer für Freiheit und Brüderlichkeit endet, was einen Bruch zur satirisch-grotesken Filmsprache, mit der der "Große Diktator" zuvor operiert, darstellt. Solch ästhetischer Bruch war aber stilbildend: Jean Renoir übernahm ihn ebenso wie François Truffaut.

Am 25. Dezember jährt sich der Todestag Chaplins zum 25. Mal. Im Wiener Gartenbau-Kino kann man aus diesem Anlass "The Great Dictator" wieder begegnen.

THE GREAT DICTATOR - Der große Diktator

USA 1940. Regie: Charles Chaplin. Mit Charles Chaplin, Paulette Goddard, Jack Oakie. Verleih: Stadtkino. 125 Min. OmU

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