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Der längste Krieg in Afrika

1945 1960 1980 2000 2020

Am Wochenende ist ein Versuch der EU, im Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea zu vermitteln gescheitert. Anfang der Woche wurden Bombardements von Zielen in Eritrea durch die äthiopische Luftwaffe gemeldet. Die Wurzeln des im Vorjahr wieder virulent gewordenen Konflikts reichen weit in die Geschichte zurück.

1945 1960 1980 2000 2020

Am Wochenende ist ein Versuch der EU, im Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea zu vermitteln gescheitert. Anfang der Woche wurden Bombardements von Zielen in Eritrea durch die äthiopische Luftwaffe gemeldet. Die Wurzeln des im Vorjahr wieder virulent gewordenen Konflikts reichen weit in die Geschichte zurück.

Der Tag war glühend-heiß, so um 60 Grad bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Wir fuhren mit einem Motorboot zur "Isola Verde" hinaus, einer der zahlreichen Inseln, die vor Massaua im Roten Meer liegen. Auf Nocra hatten die Italiener während der Kolonialzeit (1890-1941) eine Strafkolonie. "Auf der Teufelsinsel kann es nicht schlimmer gewesen sein", erzählte uns ein alter Mann. "In fünf Jahren starben dort 250 Gefangene."

Massaua gilt als der heißeste Hafen der Erde. Auch nach Sonnenuntergang weht keine erfrischende Brise. Zum Dinner waren wir an diesem Abend in die Prachtvilla des "Deputy Commanders" der äthiopischen Kriegsmarine eingeladen. Es wurde die äthiopische Nationalspeise Wot (eine Art Gulasch) und Indschera (Fladen) serviert. Mit italienischem Rotwein ließ sich der nachfolgende Durst kaum löschen.

Iskander Desta, ein Enkel Kaiser Haile Selassies (1930-1936; 1941-1974) war unser Gastgeber. Seine seemännische Ausbildung hatte er in Schottland und auf Ceylon erhalten. Er war auch Chef der Marine-Akademie. Das von den USA erworbene Schulschiff "Ethiopia" lag seit ein paar Tagen im Hafen vor Anker. Außerdem einige Schiffe der bescheidenen äthiopischen Kriegsflotte.

Zehn Jahre später wurde Iskander Desta - wie die meisten anderen Verwandten Haile Selassies und zahlreiche hohe Würdenträger der Monarchie - ebenso bestialisch hingeschlachtet, wie Anfang 1979 die Anhänger des letzten Schahs von Persien. Massaua wurde während der Schreckensherrschaft der Kommunisten (1975-1991) sowjetischer Flotten-Stützpunkt. Noch heute liegen im Hafen total verrostete Schiffe, die auf sowjetischen Werften gebaut wurden. Erst Anfang 1990 konnten Truppen der Eritreischen Befreiungsfront (ELF) aus den Bergen nach Massaua vorstoßen und die Äthiopier vertreiben.

Seit der Befreiung Eritreas vom äthiopischen Joch 1992/93 wurde mit geringer Auslandshilfe der mühsame Wiederaufbau Eritreas begonnen. Der dreißigjährige Krieg hat tiefe Wunden geschlagen: Mehr als 200.000 Menschen haben das Leben verloren, Zehntausende leben als Flüchtlinge zum Teil im benachbarten Sudan, Tausende Minen forderten und fordern noch heute täglich ihre Opfer, Hunderte Dörfer von äthiopischen Flugzeugen zerbombt, die Infrastruktur des Landes total zerstört.

Auch die Bahnlinie, die Eritreas Hauptstadt Asmara mit dem Hafen von Massaua verband, wurde größtenteils zerstört. Die Bahn wurde schon 1887 von den Italienern erbaut und gehört zu den spektakulärsten Eisenbahnstrecken der Welt. Das zerrissene Gelände machte den Bau von 40 Tunnels sowie 70 größeren und 500 kleineren Brücken notwendig. Während des äthiopisch-eritreischen Krieges (1961-1991) dienten die Tunnels als Bunker und Versteck.

Abenteuer-Bahn Vor der Zerstörung der Bahnstrecke fuhr der "Littorina", ein Triebwagen, vier Stunden von Asmara nach Massaua. Das Tempo war angesichts der zahlreichen Kurven und atemberaubenden Abgründe halsbrecherisch. Zwischen Asmara und der Mittelstation begleiteten uns vier schwerbewaffnete Soldaten. Denn auch hier gab es gelegentlich Überfälle der Schiftas (Räuber). Solche Banden überfielen immer wieder auch Autos auf der ebenfalls von den Italienern errichteten Straße. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Massaua wurde schon vor Jahrhunderten von den Arabern gegründet. Sie setzten sich zunächst auf den vorgelagerten Dalak-Inseln fest und dehnten später ihr Sultanat auf das Festland aus. Heute bestehen Pläne, auf den Dalak-Inseln ein "Las Vegas im Roten Meer" zu schaffen. Ob das Projekt, das den Bau klimatisierter Casinos und eines Flughafens vorsieht, jemals realisiert werden kann, muß allerdings bezweifelt werden. Als Besucher sollen vor allem reiche Öl-Scheichs aus Arabien, die in ihren Heimatländern laut Koran keinem Glücksspiel huldigen dürfen, eingeflogen werden.

Nach den Arabern kamen die Türken nach Massaua. Sie kümmerten sich wenig um die Entwicklung der Hafenstadt. Erst als die Ägypter einen Schweizer, den "Pascha" Hunziger, als Gouverneur einsetzten, blühte die Stadt auf. Hunziger, der in einem weißen Märchenpalast residierte, baute Massaua zum führenden Hafen am Roten Meer aus. 1875 sollte er im Auftrag des Khediven (ägypt. Vizekönig; Anm.) Somaliland erobern. Auf diesem Feldzug wurden er und seine Frau, sowie alle 350 Soldaten, die ihn begleiteten, von Danakil-Kriegern getötet.

1885 besetzten die Italiener den Roten-Meer-Hafen. Sie verbanden die Insel Massaua durch einen Damm mit dem Festland und errichteten neue Hafenanlagen. 1950 hatte die Stadt 26.000 Einwohner, darunter 1.200 Italiener. Während der Kolonialzeit fuhren die in Asmara lebenden Italiener gerne übers Wochenende nach Massaua, wo Tanzabende, Kinovorführungen, Kamel- und Autorennen veranstaltet wurden.

Angesichts der unsicheren Verhältnisse verirren sich heute nur selten Touristen in die Hafenstadt, die trotz der Kriegsschäden ihre arabisch-türkische Vergangenheit nicht leugnen kann. Da entdeckt man wunderbar geschnitzte Haustore und schattige Basargassen, in denen einige Andenkenhändler Muscheln, Korallen, Sägefische und Riesenschildkröten offerieren. Auch ein paar zurückgekehrte Italiener versuchen durch Bootsfahrten zu den Inseln den Tourismus anzukurbeln, doch wird es sicher noch lange dauern, bis Massaua eine Konkurrenz für die ägyptischen, israelischen und jordanischen Badeorte am Roten Meere wird.

"Zivilisiert" zeigt sich die Hauptstadt Eritreas, Asmara. Die Italiener erbauten die Stadt auf einer 2.400 Meter hohen Ebene vor rund 100 Jahren. Italienisches Flair verbreiten auch heute noch die Espresso-Bars, Restaurants und vor allem die Gebäude entlang der Hauptstraße. In den sechziger Jahren lebten in Asmara 120.000 Einwohner, davon 10.000 Italiener, heute mehr als 300.000 Menschen und nur wenige Ausländer. Einheimische bezeichnen ihre Stadt als sicher, sauber und langweilig. Daß es keine Discos gibt, mag am wachsenden Einfluß islamischer "Fundis" von der anderen Küste des Roten Meeres liegen.

Das Fanal von Adua Die Mehrheit der Bevölkerung Eritreas bekennt sich heute zum Islam. Kämpfe zwischen den koptischen Christen Äthiopiens und den islamischen Randvölkern tobten schon seit Jahrhunderten. Schon im 16. Jahrhundert stürmten die Heere des "Linkshänders" Ahmed Granj so erfolgreich gegen die Klosterfestungen an, daß der Untergang des christlichen Äthiopiens besiegelt schien, hätten nicht die Truppen des portugiesischen Kaisers Claudius interveniert. 1875 vernichtete Äthiopiens Kaiser Johannes IV. unweit von Adua eine starke ägyptische Streitmacht. Als der Kaiser am 11. März 1889 bei Metemma den sudanesischen Mahdisten unterlag und fiel, besetzten die Italiener, die schon 1869 in Assab und 1885 in Massaua gelandet waren, das eritreische Asmara, das damals nur ein großes Dorf war.

Die italienischen Imperialisten bekamen schon bald Appetit auf das fruchtbare, klimatisch gesunde Hochland Äthiopiens. Am 29. Februar 1896 marschierte der italienische General Baratieri mit seinen 17.000 modern ausgerüsteten Soldaten bei Adua auf, um die Äthiopier zu "bestrafen". Kaiser Menelik II. hatte 100.000 Mann, darunter seine Galla-Reiterei, aufgeboten. Die mörderische Schlacht endete trotz der schlechten Bewaffnung der Äthiopier mit einer vernichtenden Niederlage der Italiener. Die Flamme, die in Adua entzündet wurde, sollte nie mehr verlöschen. Sie raubte den europäischen Kolonialmächten den Nimbus der Unbesiegbarkeit.

Experiment des Duce 1935 wurde Eritrea von Mussolini zum Sprungbrett für eine neue Invasion Äthiopiens ausgebaut. General De Bono und General Graziani, der auch als "Hyäne von Somalia" in die Geschichte einging, brachen letzten Endes durch Bomben und Giftgas den Widerstand der Äthiopier und zogen am 5. Mai 1936 in Adis Abeba ein. Doch der Traum des Duce vom "Afrika unter dem Liktorenbündel" dauerte nur fünf Jahre. 1941 brach das ostafrikanische Imperium Mussolinis unter den Schlägen der Briten wie ein Kartenhaus zusammen. Aufgrund eines UNO-Beschlusses von 1950 wurde Eritrea 1952 mit Äthiopien in einer Föderation zusammengeschlossen - obwohl der für die Unabhängigkeit Eritreas eintretende Block bei Wahlen eine knappe Mehrheit erzielt hatte. Diese Föderation hielt nur zehn Jahre: 1962 wurde Eritrea von Äthiopien annektiert. Damals begann der blutige dreißigjährige Krieg, erst 1993 erlangte Eritrea seine Unabhängigkeit.

Der nun wieder aktuelle Konflikt zwischen Adis Abeba und Asmara ist nur die Fortsetzung der historischen Auseinandersetzung, die ethnische, religiöse und vor allem wirtschaftliche Hintergründe hat. Das Binnenland Äthiopien will wieder den freien Zutritt zu den Häfen am Roten Meer und wirft begehrliche Blicke auf die reichen Bodenschätze Eritreas ...

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