Die Erzeuger derbrotlosigkEit

Etwa 75 Millionen Menschenleben forderte die größte Hungerkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Als "großer Sprung vorwärts" sollte eine Kampagne des chinesischen Revolutionsführers Mao Zedong aus dem Agrarland eine Industriegroßmacht machen. An die 100 Millionen Bauern wurden von ihren Feldern abgezogen und den Stahlwerken in den Städten als Arbeiter zugewiesen. Zu Hause durfte nicht mehr gekocht werden. Sämtliches Metallgeschirr requirierte der Staat für die Stahlkocher. Während der beabsichtigte Industrialisierungsschub bescheiden blieb, verdorrten die Äcker, und die Getreideernte stürzte dramatisch ab. Dürre und Überschwemmungen verstärkten die Katastrophe. Der Hunger war so dramatisch, dass Kannibalismus um sich griff: Tote wurden ausgegraben, Kinder verschleppt und als Kaninchenfleisch verkauft. Die politische Kehrtwende kam zu spät. Chinas Geschichtsbücher schweigen über den schleichenden Massenmord.

1930 rächte sich Joseph Stalin an der Ukraine für deren Nationalstreben. Radikaler als im Rest der Sowjetunion ließ er bäuerlichen Grundbesitz enteignen und kollektivieren. Lebensmittellager wurden konfisziert. Alles Vieh und Getreide wurde zum Staatseigentum erklärt. Brutale Eintreibbrigaden durchsuchten jedes Gehöft, jedes Haus und jeden Garten. Selbst hungernden Familien wurden Lebensmittel wie auf den Feldern aufgelesene Körner weggenommen, die "Täter" wegen Diebstahls erschossen oder zu absurd langen Haftstrafen verurteilt. Autoren sprechen von 14 bis 20 Millionen Hungertoten. Zwischen einem Fünftel und einem Viertel der ukrainischen Bauernschaft kam durch Stalins Rachefeldzug ums Leben. Solidarische Besucher aus dem Westen ließen sich durch Potemkinsche Dörfer hinters Licht führen. Die Geschichtsschreibung entdeckte das Verbrechen erst Jahrzehnte später.

Neun Jahre, nachdem linke Militärs den Kaiser Haile Selassie gestürzt hatten, brach 1983 in Äthiopien eine der schlimmsten Hungersnöte in der Geschichte Afrikas aus. Die Folgen von Trockenheit und Dürre wurden potenziert durch den Sezessionskrieg in der damaligen Provinz Eritrea, planwirtschaftliche Fehler, Zwangskollektivierung nebst Bevölkerungsumsiedlung und politische Arroganz der Militärmachthaber unter Haile Mariam Mengistu. Wollte man die Hungerkatastrophe anfangs vor der Weltöffentlichkeit geheim halten, so mobilisierte man dann die internationale Hilfsbereitschaft und Spendenfreudigkeit. Der französische Philosoph André Glucksmann sprach später von einem als "Unfall getarnten Mord" an über zwei Millionen Menschen.

Hunger ohne Nahrungsmittelknappheit

In Irland erinnert man sich noch heute mit Grimm an die durch Kartoffelfäule ausgelöste große Hungersnot von 1845, die durch die Laissez-faire-Politik der liberalen englischen Kolonialregierung verschärft wurde. Vor Queen Victoria, die nach dem Rechten sehen wollte, versteckte man das Elend, das eine Million oder zwölf Prozent der irischen Bevölkerung tötete. Ein weiteres Viertel entging dem Tod durch Auswanderung, vor allem in die USA.

Hunger, das beweisen unzählige Beispiele aus der Geschichte, hat selten mit Nahrungsmittelknappheit oder Mangel an fruchtbarem Boden zu tun. Es gibt sie auch, die Hungersnöte nach katastrophalen Missernten, wenn anhaltende Trockenheit die Saat in der Erde verdorren lässt, wenn Überflutungen die fruchtbare Krume wegspülen oder das Getreide unter einer dicken Schicht Schlamm begraben. Aber die größten Katastrophen werden durch Menschen gemacht oder verstärkt. Jüngstes Beispiel: das Hungerdrama Hundertausender Flüchtlinge im Südsudan durch den Bürgerkrieg zwischen verfeindeten Stämmen. Für die bis zu einer Milliarde hungernden oder chronisch unterernährten Menschen, die die Ernährungs-und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) registriert, fehlen nicht die Nahrungsmittel. Sie sind für die Betroffenen nur nicht erreichbar oder nicht leistbar.

Nur geringe Senkung der Hungerzahlen

Die FAO spricht in ihrem jüngsten Bericht "The State of Food Insecurity in the World 2013" von den vier Dimensionen der Nahrungssicherheit: Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, physischer und ökonomischer Zugang zu Nahrung, Verwendung von Nahrungsmitteln und Versorgungsstabilität. Vom Millenniumsziel, die Anzahl der hungernden Menschen bis 2015 gegenüber 2001 zu halbieren, sei man trotz einiger Fortschritte weit entfernt. Seit 1990 konnte die Anzahl der Hungernden nur um 17 Prozent verringert werden.

Diktatorische Regimes, die ihre Bevölkerung durch Hunger disziplinieren oder besetzte Gebiete durch die billigste aller Waffen entvölkern wollen, sind rar geworden. Heute ist der Hunger selten eine Folge politischer Willkürherrschaft, sondern Konsequenz einer globalen Wirtschaftspolitik. So sieht es jedenfalls der Genfer Soziologe Jean Ziegler, der acht Jahre als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung die Krisengebiete der Welt bereiste.

In seiner nicht gehaltenen Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2011 konstatiert er: "Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet". Diese Anklage richtet sich an die transnationalen Konzerne, aber auch an die Spekulanten und an die Agrar-und Lebensmittelpolitik der EU und der USA. "In den vergangenen zwölf Monaten hat sich der Preis der Tonne Weizen am Weltmarkt verdoppelt, Mais ist um 63 Prozent gestiegen, Reis um 31 Prozent. Diese astronomischen Preiserhöhungen töten", sagt Ziegler.

Der folgenreiche Pakt

Die FAO meint zwar, der Einfluß der Rohstoffspekulation auf Preis und Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln werde überschätzt, doch räumt sie ein, dass Wirtschaftswachstum sich nicht automatisch in Verminderung von Armut und Hunger niederschlage. Der von fast allen Staaten der Welt ratifizierte Internationale Pakt über die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte verbrieft allen Menschen das Recht, "vor Hunger geschützt zu sein". Was das aber bedeutet, illustriert Ziegler mit dem Beispiel der Exportsubventionen: "Auf jedem afrikanischen Markt können Sie Gemüse, Früchte oder Geflügel aus der EU kaufen, zur Hälfte oder zu einem Drittel des Inlandspreises. Ein paar Kilometer weiter steht der afrikanische Bauer, rackert sich ab und hat nicht die geringste Chance auf ein Existenzminimum". Den afrikanischen Ländern wurden Agrarsubventionen durch die vom Weltwährungsfonds verordneten Anpassungsprogramme verboten.

Verantwortlich für den Hunger in Teilen der Welt seien aber letzen Endes wir alle. So urteilt Josef Nussbaumer im Präludium zum Buch "Grenzen des Hungers." Wenn alle Menschen sich ernähren wollten, wie wir in Europa und den USA, würde die LDW-Produktion dieser Welt nicht ausreichen: "Schon heute würde man bei EU-Konsumstandards die doppelte Fläche der Erde für die Nahrungsmittelproduktion benötigen".

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