Digital In Arbeit

Die One-Man-Show

Erstmals lösen im deutschsprachigen Fernsehen so genannte Videojournalisten die klassischen TV-Teams ab: Aktueller -aber auf Kosten der Qualität?

Das Fernsehen ist da! Wer auf der Straße drei Männer, bewaffnet mit Mikro, Kamera, Kopfhörer und Tonrekorder sieht, weiß: Die flinken Burschen von den Nachrichten sind unterwegs. Schon bald könnte sich dieses gewohnte Bild ändern. Denn künftig wird es neben den klassischen Dreier-Teams auch jede Menge Einzelkämpfer geben, die Beiträge fürs Fernsehen gestalten. Videojournalisten nennt man dieses neue Berufsbild, bei dem ein Journalist nicht nur Fragen stellt, sondern auch gleichzeitig die Kamera führt und hernach mittels mitgebrachtem Notebook das gedrehte Material zu einem sendefertigen Beitrag schneidet. Noch aktueller und schneller zu berichten, ist der Beweggrund einiger TV-Sender, die - wie soeben der Hessische Rundfunk - damit begonnen haben, Videojournalisten auszubilden. Sparen wo's geht, ist dabei allerdings der Hintergrund. Und das kann auch zu Lasten der journalistischen Qualität gehen, befürchten Kritiker. Denn ein Journalist, der sich gleichzeitig auf Kamera und Ton konzentrieren muss, stellt mitunter nicht immer die richtigen Fragen.

Geld oder Programm?

"Wir werden in den nächsten Jahren weniger Geld zur Verfügung haben. Entweder, wir kürzen das Programm oder die Produktionskosten." Jan Metzger, Programmchef des Hessischen Rundfunks, hat sich für letzteres entschieden. Sein Sender ist damit die erste deutschsprachige öffentlich-rechtliche Anstalt, die auf die One-Man-Show der Videojournalisten setzt. "Wir bilden derzeit 25 unserer Journalisten, aber auch fünf Kameraleute bzw. Cutter zu Videojournalisten aus", sagt Metzger. Drei Wochen dauert der Intensiv-Kurs, in denen die künftigen Videojournalisten den Umgang mit handlichen Digitalkameras und Schnittprogrammen erlernen. "Die digitale Technik ist reif für den professionellen Einsatz, heute sind Beiträge machbar, die mit großer, unhandlicher Ausrüstung und Dreier-Teams unmöglich wären."

Keiner verliert den Job?!

Metzger denkt dabei vor allem an investigative "Undercover"-Storys und Berichte von ChronikEreignissen. "Wir sind schneller und aktueller, weil unsere Mitarbeiter völlig eigenständig arbeiten können. Außerdem ist diese Technik konkurrenzlos günstig." Dass die rasenden Reporter qualitativ schlechtere Beiträge liefern, glaubt Metzger nicht. "Wir bilden nur Freiwillige aus, die allesamt Enthusiasten sind. Die Leute stehen Schlange: Die Journalisten begreifen die neue Produktionsweise als Herausforderung und nicht als Gefahr." Kein Kameramann würde deswegen seinen Job verlieren, denn künftig würde es eine friedliche Koexistenz mit traditionellen Teams geben. 350.000 Euro gibt der Hessische Rundfunk für die Ausbildung aus.

Diese Entwicklung sieht Hans Besenböck, Informationschef bei ATVplus, "eng verbunden mit der Volldigitalisierung der Arbeitsabläufe. Bald werden wir Bilder nur mehr auf Festplatten aufzeichnen, das Band wird es nicht mehr geben. Die Bilder werden digital ins Redaktionssystem übertragen und sofort bearbeitet." ATVplus setzt bislang keine Videojournalisten ein. "Aber selbst öffentlich-rechtliche Sender arbeiten heute unter Konkurrenzdruck. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es das Berufsbild des Videojournalisten auch in Österreich gibt."

Beim ORF gibt es zwar noch keine Videojournalisten, aber Ein-Mann-Teams, zumeist Kameraleute. "Die schicken wir aus, um Bildmaterial zu drehen, geschnitten werden die Beiträge aber im Studio von einem Redakteur", berichtet Peter Schöber aus der ORF-Informationsdirektion. "Beim ORF liegt die journalistische Endverantwortung immer bei einem Redakteur. Das wird sich auch nicht ändern."

Für alle Geschichten eignet sich das Ein-Mann-Fernsehteam freilich nicht. Besenböck: "Bei Chronik-Ereignissen wie einem Verkehrsunfall ist diese Arbeitsform sicher vorteilhaft. Man ist schnell und wendig. Anders ist die Sache bei Pressekonferenzen oder bei Interviews mit Politikern." Da sei das klassische Dreier-Team notwendig. ORF-Mann Schöber: "Im Foyer nach dem Ministerrat muss sich der Journalist auf die Fragen konzentrieren können, und nicht darauf, ob das Licht stimmt." Jan Metzger: "Obwohl wir feststellen, dass auch Politiker dazulernen und nicht mehr verdutzt dreinschauen, wenn da jemand mit einer kleinen DV-Kamera aufkreuzt."

Vorreiterin BBC

Seinen Ausgang nahm der Trend zum Videojournalisten ausgerechnet beim britischen Renommiersender BBC. Dort wurden schon rund 700 Mitarbeiter zu Videojournalisten ausgebildet. In Deutschland reagieren die Ausbildungsstätten rasch: Im Kölner Filmhaus etwa wird man sich ab Oktober in einem Workshop dem neuen Berufsbild annehmen. Der Trend ist klar: Das Fernsehen, es wird zum Ein-Mann-Betrieb.

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