"Die Unterdrückung hat sich verschärft"

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Kelsan Gyaltsen war lange der Privatsekretär des Dalai Lama und ist nun als sein Gesandter zuständig für die Kontakte mit dem offiziellen China. Im Interview spricht er über die Annexion, den Zwang zur kulturellen Assimilierung und die Selbstverbrennungen in Tibet.

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Kelsan Gyaltsen war lange der Privatsekretär des Dalai Lama und ist nun als sein Gesandter zuständig für die Kontakte mit dem offiziellen China. Im Interview spricht er über die Annexion, den Zwang zur kulturellen Assimilierung und die Selbstverbrennungen in Tibet.

Kelsan Gyaltsen ist in der tibetischen Exilregierung jener Mann, der mit China über die Rechte der Tibeter verhandeln sollte. Doch viel verhandelt wird nicht, weil China den Dialog vollkommen verweigert.

DIE FURCHE: China hat ein neues Weißbuch zu Tibet herausgegeben. Gibt es Veränderungen gegenüber der bisherigen Position?

Kelsan Gyaltsen: Leider nicht. Viele Tibeter hatten die Hoffnungen, dass sich die chinesische Politik in Bezug auf Tibet unter der Führung von Präsident Xi Jinping ändern würde. Wir mussten beobachten, dass sich die Unterdrückung seit 2008 massiv verschärft hat.

DIE FURCHE: Im April haben sich ein Mann und eine Frau in Tibet selbst verbrannt. Dem Dalai Lama wird vorgeworfen, er habe zu dieser Form des Protests aufgerufen.

Gyaltsen: Dieser Vorwurf ist nicht neu. Wir fordern seit Jahren, dass Tibet für die Außenwelt geöffnet wird, dass Journalisten, Menschenrechtsorganisationen, Diplomaten Tibet besuchen dürfen. Wir haben eine diplomatische Untersuchungskommission gefordert, die herausfinden soll, wer diese Menschen sind, die sich selbst verbrennen. Die Chinesen sagen, das sind Geistesgestörte oder Trunkenbolde. Gleichzeitig werfen sie dem Dalai Lama vor, dass er diese Proteste angestiftet hat. China ist 1950 in Tibet einmarschiert und hat seitdem die totale Kontrolle. Das Land ist völlig abgeschottet. Trotzdem macht die chinesische Regierung den Dalai Lama, der seit 1959 im Exil lebt, für alle Schwierigkeiten in Tibet verantwortlich.

DIE FURCHE: Was weiß man über diese Menschen, die sich verbrennen?

Gyaltsen: Wenig. Laut unseren Informationen liegt das Durchschnittsalter unter 30. Es sind nicht nur Mönche und Nonnen, sondern Tibeter aus allen Schichten der Gesellschaft: Nomaden, Studenten, Mütter, Väter. 137 seit 2011.

DIE FURCHE: Gibt es eine Verbindung zwischen ihnen?

Gyaltsen: In der Nordostregion, wo sich besonders viele Tibeter selbst verbrannt haben, gibt es zwischen 20 und 30, die aus einem großen Kloster stammen. Alle halten am Prinzip fest, keine andere Person zu schädigen oder zu töten. Ihre Absicht ist es, einen Wechsel der chinesischen Politik herbeizuführen. Niemand fragt sich, wie es um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit stünde, wenn diese 137 Tibeter Selbstmordattentäter wären. Die chinesische Regierung und die ganze Welt würden das Problem in Tibet anders gewichten. Politikern sagen wir daher immer, es ist ein gefährlicher Trugschluss, wenn man den Verzicht auf politische Gewalt dahingehend deutet, dass die Situation in Tibet nicht dringlich ist. Deswegen bitten wir die Weltgemeinschaft, diesen gewaltlosen Widerstand der Tibeter ernst zu nehmen und die chinesische Führung zu bewegen, in einem ernsthaften Dialog eine einvernehmliche Lösung zu suchen.

DIE FURCHE: Haben sich österreichische Politiker in diesem Sinne für Tibet eingesetzt?

Gyaltsen: Mir ist nicht bekannt, dass die österreichische Regierung die chinesische Führung in ihren bilateralen Treffen ermutigt oder gedrängt hätte, mit Tibet in Dialog zu treten. Von der EU wird es getan, auch Deutschland und die Schweiz bemühen sich.

DIE FURCHE: Gibt es in der buddhistischen Tradition Vorbilder für Selbstverbrennungen?

Gyaltsen: Überhaupt nicht. Kulturell ist das ein total neues Phänomen, es ist auch in der Geschichte Tibets nie vorgekommen. 1997 verbrannte sich ein Exiltibeter in Neu-Delhi. In Tibet selbst gab es den ersten Fall 2009.2011 hat die Anzahl drastisch zugenommen. Im Buddhismus ist das Töten jeglicher Lebewesen verboten und eine große Sünde. Das gilt auch für das eigene Leben.

DIE FURCHE: Ich würde gerne auf die Zukunft der tibetischen Bewegung im Exil zu sprechen kommen. Die Chinesen nehmen für sich das Recht in Anspruch, die nächste Wiedergeburt des Dalai Lama selbst zu bestimmen. Wie sehen Sie das?

Gyaltsen: Diese Aussagen der chinesischen Führung machen deutlich, dass es sich nicht allein um politische Unterdrückung, sondern auch um kulturelle, religiöse und sprachliche Vergewaltigung des tibetischen Volkes handelt. Die chinesische Regierung will nicht nur den nächsten Dalai Lama bestimmen. Kürzlich hat der Generalsekretär der Region Tibet gesagt, dass die Klöster Propagandazentren für die Kommunistische Partei sein müssen und dass man dort die chinesische Fahne zu hissen habe. Das ist eine ungeheuerliche Respektlosigkeit gegenüber den religiösen Werten des tibetischen Volkes. Genau genommen sind die Chinesen nur an Bodenschätzen interessiert, nicht an unserem Volk, unserer Kultur oder unseren Traditionen. Ein Volk mit eigenständiger Kultur und Identität ist für sie ein Hindernis.

DIE FURCHE: Der Dalai Lama ist ja als Staatsoberhaupt zurückgetreten und ist nur mehr religiöses Oberhaupt. Ist es jetzt für Politiker leichter, ihn zu empfangen, ohne die Chinesen zu verärgern?

Gyaltsen: Seit wir im Exil sind, hat der Dalai Lama Schritt für Schritt über Jahrzehnte eine Demokratisierung unserer exiltibetischen Gemeinschaft vorangetrieben. Seit 2001 haben wir eine Exekutive, einen Regierungschef, der in direkter Wahl von Exiltibetern gewählt wurde. Der Dalai Lama war bis 2011 immer noch nominell Regierungschef und Staatsoberhaupt. Dann hat er gesagt, er will seine politische Verantwortung an die gewählte Führung abgeben und nur mehr religiöser Führer sein. Da sehen Sie, dass es totaler Blödsinn ist, wenn die Chinesen ihm vorwerfen, er wolle das alte theokratische Feudalsystem wieder einführen. Trotzdem: Wer immer mit dem Dalai Lama zusammenkommt, wird von der chinesischen Führung kritisiert.

DIE FURCHE: Wie viele Chinesen und Tibeter leben heute in Tibet?

Gyaltsen: Genaue Zahlen haben wir nicht. Laut chinesischer Regierung liegt der Anteil der nichttibetischen Bevölkerung bei 8 Prozent. Aber in Lhasa, einer Stadt mit zwischen 400.000 und 500.000 Menschen, leben höchstens 30 Prozent Tibeter. Der Rest sind Han-Chinesen und Angehörige anderer Minderheiten. In anderen großen Städten ist es ähnlich. Auf dem Land ist das Verhältnis noch anders.

DIE FURCHE: Es heißt, dass für den Bergbau viele Nomaden umgesiedelt werden. Was wird abgebaut und wie viele sind betroffen?

Gyaltsen: Chinesische Institutionen sprechen von 162 verschiedenen Mineralien in Tibet. Viele der Bodenschätze wurden noch nicht erschlossen weil die Infrastruktur fehlte. Jetzt sind Autobahnen und Eisenbahnlinien gebaut worden. Tibet wird für China immer wichtiger. Bisher sind über zwei Millionen Nomaden umgesiedelt worden. Sie müssen ihre Yak-Herden verkaufen und werden in Plattenbauten angesiedelt. Zwei Jahre bekommen sie noch Subventionen, dann nichts mehr. Aber die meisten haben keinen Beruf. Selbst wenn sie eine Ausbildung machen, bekommen sie dann keine Arbeit. Viele junge Frauen gehen daher in die Prostitution und junge Männer werden Alkoholiker. Viele der Nomaden enden als Bettler ohne Beruf und Anstellung. Das ist eine große Tragödie.

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