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Dutschkes Wandlungen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Galionsfigur der deutschen Studentenrevolte wurde zwar von Axel Springers Zeitungen dämonisiert, aber er war ganz anders als sein Image.

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Die Galionsfigur der deutschen Studentenrevolte wurde zwar von Axel Springers Zeitungen dämonisiert, aber er war ganz anders als sein Image.

Millionen Menschen ist er als der Langhaarige in Erinnerung, der 1968 die revoltierenden Berliner Studenten anführte, der aggressivste "Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh"-Schreier in der ersten Reihe, der Bürgerschreck. Allgemein bekannt ist ferner, daß Rudi Dutschke am 11. April 1968, Gründonnerstag, von einem aufgehetzten jungen Mann auf offener Straße niedergeschossen wurde und daß er, ein spätes Opfer seiner schweren Kopfverletzungen, am Weihnachtsabend 1979 einen epileptischen Anfall erlitt und in der Badewanne ertrank.

Rudi Dutschke war nicht nur im Brennpunkt Berlin die Galionsfigur der Studentenrevolte in den Wasserstrahlen der Polizei. Er war auch ihr Kopf und, vor allem in der Frühphase, ihre Schlüsselfigur. Wie er tatsächlich dachte, das ging in dem ungeheuren publizistischen Trommelfeuer, das vor allem die Axel Springer gehörenden Zeitungen gegen Dutschke und die Protestbewegung der Studenten entfachten, fast völlig unter. Auch seine weitere Entwicklung ist so gut wie unbekannt.

Sehr spät konnte sich Gretchen Dutschke dazu durchringen, die Biographie ihres Mannes zu schreiben. Das 1996 erschienene Buch ist eine der wichtigsten Quellen über Rudi Dutschke, über die Studentenbewegung, die Konflikte ihrer zentralen Persönlichkeiten und schließlich ihren Zerfall und dessen Gründe. Die Verläßlichkeit ihrer Darstellung gründet sich auf die Perspektive, aus der sie die zahllosen Querelen, in die Dutschke verwickelt war, schildert: Sie war stets als Frau und Mutter seiner Kinder, nicht aber politisch Partei. Wer die Ereignisse des Jahres 1968 in Deutschland verstehen will, kommt um dieses auch in seinen privaten Teilen berührende Buch nicht herum. ("Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben - Rudi Dutschke, ein Biographie", Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996, 512 Seiten, öS 350,-) Der Buchtitel bezieht sich auf Dutschkes Resümee des gemeinsamen Lebens, das er in einem für seine Frau bestimmten nachgelassenen Papier zog. Er rechnete damit, aus dem Weg geräumt zu werden, und zwar am wahrscheinlichsten vom DDR-Geheimdienst.

Es ist viel zu wenig bekannt, daß Dutschke seine Wurzeln im christlich motivierten Widerstand gegen die DDR-Diktatur hatte. Er verstand sich als Marxist und Revolutionär, aber seine Absage an das DDR-Regime und die KP war um nichts weniger fundamental und entschieden als seine Absage an den Kapitalismus. Nach seiner Rückkehr in die Politik schlug ihm vor allem der Haß der westdeutschen Kommunisten und der mit der DDR verfilzten Gruppierungen entgegen. Nachdem er sich in Bremen den Grünen angeschlossen hatte, trat er kommunistischen Unterwanderungsversuchen konsequent entgegen. Er war ferner ein entschiedener Gegner terroristischer Methoden, nicht nur aus taktischen Gründen, sondern aus tiefster Überzeugung. Daß auch dies in der breiten Öffentlichkeit zu wenig bekannt wurde, geht zum Teil auf seine ausgeprägte, ideologisch motivierte Loyalität, zum Teil auch auf unbedachte Solidarisierungsgesten zurück.

Rudi Dutschke war privat ein einnehmender und empfindsamer Mensch, der auf seine Gesprächspartner einzugehen und sie zu überzeugen verstand - wenn nicht von seinen Ansichten, dann zumindest von seiner Integrität. In der Öffentlichkeit war er hingegen nicht nur ein schlagfertiger, sondern ein oft extrem aggressiver Diskutierer. Nicht zuletzt diese Eigenschaft, aber auch seine intellektuelle Überlegenheit, machten ihm sehr viele Feinde.

Selbstverständlich rekapituliert Gretchen Dutschke die Haßbeziehung zwischen der Westberliner Presse und ihrem Mann, die emotional aufgeladene Stimmung in Westberlin (ein Mann, der Dutschke ähnlich sah, wurde ums Haar gelyncht), den weit verbreiteten Haß gegen Andersdenkende und die von Politikern gedeckten Exzesse (und nachfolgenden Lügen) der Westberliner Polizei. Rudi Dutschke war zeitweise ein bevorzugtes Haßobjekt nicht nur deutscher Polizisten und bekam dies auch nach seinem Rückzug aus der Politik in Form von Schlägen auf den Kopf zu spüren.

Wir erfahren von Gretchen Dutschke eine Menge über die Schwierigkeiten, mit denen ihr Mann nach dem Attentat zu kämpfen hatte. Obwohl er erst wieder sprechen lernen mußte und jahrelang um seine Ausdrucksfähigkeit kämpfte, konnte er seine Dissertation schreiben und sein Studium abschließen. Die alte Unbefangenheit erlangte er nie mehr zurück. Ängste, die vorübergehend paranoiden Charakter annahmen, begleiteten ihn für den Rest seines Lebens.

Zahlreiche erstmals veröffentlichte Dokumente belegen die Ansichten Dutschkes, seine Wandlungen, seine drei fundamentalen Irrtümer. Daß seine Meinung, Deutschland sei reif für eine Revolution, auf einer Fehleinschätzung beruht hatte, hielt er noch selbst schriftlich fest. Von der Überzeugung, daß die menschliche Gesellschaft autoritätsfrei organisiert werden könne, und daß sie die dafür nötige Entwicklungsstufe erreicht habe, dürfte er sich niemals verabschiedet haben, obwohl er immer wieder die Vehemenz beobachten konnte, mit der stets sofort versucht wurde, ein entstandenes Machtvakuum zu besetzen. Auch die grundsätzliche Planbarkeit der Zukunft durch den Menschen gehörte zu den Illusionen, an denen er wahrscheinlich bis zum Tod festhielt.

Die bedeutende englische Nationalökonomin Joan Robinson, eine Mitarbeiterin von John Maynard Keynes, hatte sich bereit erklärt, den Dissertanten Dutschke in Cambridge zu betreuen. Er wurde jedoch aus England ausgewiesen, verbrachte den größten Teil seines Lebens nach dem Attentat in Dänemark, promovierte aber in Deutschland. Er starb genau in dem Moment, als er als Grüner in der Politik wieder hatte Fuß fassen können.

Ein tragikomisches Dokument in Gretchen Dutschkes Buch ist die wortgetreue Mitschrift einer Diskussion zwischen Dutschke und Wolf Biermann vor Biermanns Ausbürgerung in dessen Ostberliner Wohnung. Dutschke wollte Biermann zu entschiedenerem Widerstand veranlassen. Biermann: "Von diesen Leuten kann ich mich so lange nicht trennen, wie ich davon bedroht bin, daß die Leute mich auch einsperren können." Biermann verdeutlicht Dutschke aber die Breite der DDR-Opposition: Sie sei "ein Tausendfüßler. Das Dumme ist bloß, daß der Westen und die westlichen Medien diesen Tausendfüßler immer nur von vorn sehen. Sie erblicken immer nur seine vordersten zwei Beine." Das Gespräch blieb der Nachwelt dank einer Wanze der Stasi erhalten, die Mitschrift wurde nach der Wende gefunden.