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Eigenheim, Glück allein

Irwin Winkler erzählt in "Das Haus am Meer" die Geschichte eines Lethargikers, der kurz vor seinem Tod Wohngefühl, Familiensinn und sich selbst entdeckt.

Ich habe mich immer als Haus betrachtet, so wie ich gewohnt habe, so war ich." So zieht George Monroe (Kevin Kline) kurz vor seinem Tod Bilanz über sein Leben. Irwin Winklers Film "Das Haus am Meer" bezieht seine Kraft aus der Stärke dieser Metapher. Anfangs haust George in einer heruntergekommenen Garage. Die desolate Bruchbude bildet den Schandfleck in der schmucken Ansammlung mansardebedachter, neureicher Eigenheime an Kaliforniens Küste. Georges' morgendliches Ritual des Wasserlassens über den Klippen, sein Hund, der die Zeitung eines Nachbarn anpisst und ähnliche Gewohnheiten erregen das Missfallen der Nachbarn. Georges Lebensumstände sind ebenso katastrophal wie das Provisorium, in dem er lebt. Er hat sich selbst aufgegeben, vegetiert beziehungslos und gleichgültig vor sich hin.

Zwei Ereignisse beenden die Lethargie: er verliert seinen Job als Modellbauer in einem Architekturbüro und erfährt, dass er nur noch drei bis vier Monate zu leben hat. Mit letzter Energie und ungewohnter Bestimmtheit will er seinen Lebenstraum verwirklichen und dabei die Scherben seines Lebens kitten. Sohn Sam (Hayden Christensen) hat er schmählich vernachlässigt, der Sechzehnjährige ist für Ex-Frau Robin (Kristin Scott Thomas) zum schwererziehbaren Problemkind geworden. Gepierct, geschminkt, schwarz gekleidet beginnt er seinen Tag mit Klebstoffschnüffeln und liebäugelt mit der Karriere auf dem inoffiziellen Schwulenstrich. Robin, die mit ihrem emotional verarmten zweiten Ehemann Peter und zwei kleinen Kindern die Rolle der braven Hausfrau und Mutter erfüllt, ist mit Sam völlig überfordert. Erstmals lässt George die alte Gleichgültigkeit hinter sich und verdonnert Sam zum gemeinsamen Sommer auf der Baustelle. Der Abriss der Garage, das Bauen des neuen Hauses werden zum Sinnbild fürs Leben. George tritt wieder in Beziehung, übernimmt Verantwortung für sich und seinen Sohn. Die gemeinsame Arbeit wird zum Heilungsprozess für Robin, Sam und George, die schließlich wieder zueinander finden.

Wie es sich für Hollywood gehört, geht das alles viel zu rasch. Um von der Sucht wegzukommen, Frieden mit dem Vater zu schließen, sich in ein Mädchen zu verlieben und sein Outfit zu ändern, hat Sam einen Sommer lang Zeit. Robins Annäherungsversuche an ihn sind unbeholfen und gelingen trotzdem: sie bringt einfach seine Lieblingspizza auf die Baustelle. Selbst, dass George seinen tödlichen Krebs bis zuletzt verschwiegen und so das Vertrauen aller gebrochen hat, wird im Angesicht des Todes sofort ver ziehen. Glücklicherweise darf zwischendurch schauspielerisches Potenzial aufblitzen. Ganz konfliktfrei lässt sich Hayden Christensen nicht zähmen, ab und zu bietet er George ordentlich Paroli. Kevin Kline gelingt die glaubhafte Verkörperung der Wandlung vom lethargischen Versager zum praktischen Häuselbauer problemlos. Der liebevolle Detailreichtum, mit dem der faszinierende Bauprozess dargestellt wird, die Geradlinigkeit und Stärke der Haus-Metapher halten dem hollywood-typischen raschen Zug zum Happy End stand. Vom Sinn im Leben und der glücklichen Beziehung zu anderen träumt jeder. Das im Kino verwirklicht zu sehen, lässt Oberflächlichkeiten gern vergessen.

DAS HAUS AM MEER - Life as a House. USA 2001. Regie: Irwin Winkler. Drehbuch: Mark Andrus. Mit Kevin Kline, Kristin Scott Thomas, Hayden Christensen, Mary Steenburgen, Jena Malone. Verleih: Warner Bros. 125 Min.

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