Digital In Arbeit
Medien

Ein Déjà-vu-Buch

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Rudolf Augsteins Kommentare, Gespräche und Vorträge.Querschnitt durch ein journalistisches Lebenswerk.

Konrad Adenauer hat den Batzen, den ein Vogel auf dem Fenster seiner Toilette im Bonner Bundeshaus hinterlassen hat, höchstpersönlich weggemacht, nachdem ihm mitgeteilt worden war, dies sei kein Fall für die Putzfrau, sondern für den Fensterputzer, der nur alle 14 Tage komme. Nach dieser Schnurre erwähnt er eine geplante Reise nach Portugal und Rudolf Augstein seine nach Mexiko. Dann möge ihm Augstein "man die Inkas grüßen", meint der Altbundeskanzler.

Nachzulesen in Augsteins Gedächtnisprotokoll seines letzten Besuches bei Adenauer am 9. Dezember 1966. Es liest sich wie das Gespräch zweier abgeklärter Männer. Die Spiegel-Affäre (Adenauer 1961: "Ein Abgrund von Landesverrat") lag bei der vierten Begegnung zwischen Adenauer und dem Herausgeber, der dritten unter vier Augen, fünf Jahre zurück. Der alte Adenauer verwechselt Time mit der Times, meint, der Karl Marx sei ja "ein joldener Junge" gewesen "gegen das, was jetzt ist", der jetzige Kanzler Erhard sei kein politischer Mensch. Und natürlich lüge er. Lügen dürfe man nicht, "aber man muss den Leuten nicht immer alles sagen. So habe ich es gehalten..."

Adenauer starb vier Monate nach diesem Gespräch, der Spiegel druckte es in seiner nächsten Nummer, nun lesen wir es wieder in einem Augstein-Auswahlband "Schreiben was ist - Kommentare, Gespräche, Vorträge". Für Augsteins Zeitgenossen ein echtes Déjà-vu-Buch. Man hat ja den Großteil dessen, was da steht, schon einmal gelesen, aber inzwischen wieder vergessen. Was wenig mit der Bedeutung dieser Texte, aber viel mit unserem Gedächtnis zu tun hat.

Von der gewaltigen Menge des Beiläufigen unterscheidet sie, wie sich in 40 Jahren - regelmäßig lese ich den Spiegel erst seit der Spiegel-Affäre - das Gelesene zum Gesamteindruck einer überlebensgroßen Gestalt mit gewaltigen inneren Widersprüchen verdichtete: "Der Journalist des Jahrhunderts" (seltener Fall, dass ein solcher Superlativ angebracht ist) war nicht nur ein Mann mit Weitblick und ein unbeugsamer Kämpfer für Demokratie und Freiheit, sondern er hatte auch manches Brett vor dem Kopf. Seine nationale Grundhaltung ging mehr als einmal mit ihm durch, und über Österreich hat er manchen Unsinn von sich gegeben. 1998, schon als alter Mann, ließ er sich im Hemd mit Hosenträgern im Spiegelsaal von Schloss Versailles fotografieren: Ein Bild, das Bände spricht, auch wenn es ein Augusttag war.

Augstein beeindruckte nicht nur durch die Schärfe seines Denkens und die Brillanz seines Stils, sondern auch durch seine Lernfähigkeit und die Konsequenz seiner Entwicklung. Nicht zuletzt dadurch wurde er vorbildhaft. Auch dadurch, wie er zu Gegnerschaften stand, aber die zugehörigen Feindschaften begrub. Adenauer begegnete er mit tiefem persönlichem Respekt, zu Franz Joseph Strauß fand er menschlich einigermaßen ein Verhältnis, aber mit dem, was er noch 1993 in einem Interview mit André Müller für die Zeit sagte, könnte er sehr recht gehabt haben: "Hätten Adenauer und Strauß einander nicht so gehaßt, wären sie wirklich gefährlich gewesen."

So manche vom Spiegel aufgebrachte oder aufgegriffene Affäre ist vergessen. Wer erinnert sich noch an den "größten Skandal der letzten 50 Jahre" des Jahres 1950, als der Versuch ruchbar wurde, Abgeordnete durch Bestechung zur Stimmabgabe für Bonn statt für Frankfurt als Regierungssitz zu veranlassen? Zum ersten Mal wurde der Spiegel zum "Hahn im (Maul-)korb der öffentlichen Meinung" (Augstein). Viel von dem, was er seither geschrieben hat, ist längst historisch. Etwa das Gespräch mit Martin Heidegger, das 1966 stattfand, aber, Heideggers Bedingung, erst nach dessen Tod 1976 veröffentlicht wurde.

Der Auswahlband kann nur einen schmalen Querschnitt durch dieses Lebenswerk eines großen Journalisten bieten, aber er belegt überzeugend, was man schon nach Augsteins Tod am 7. November 2002 lesen konnte: Der Spiegel hat die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland in entscheidenden Phasen der Nachkriegszeit tatsächlich beeinflusst, und immer im demokratischen und verfassungsmäßigen Sinn.

Rudolf Augstein. Schreiben was ist - Kommentare, Gespräche, Vorträge

Herausgeber: Jochen Bölsche, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart / Spiegel Buchverlag, Hamburg, 2003

352 Seiten, Fotos, geb., e 25,60

Rudolf Augsteins Kommentare, Gespräche und Vorträge.Querschnitt durch ein journalistisches Lebenswerk.

Konrad Adenauer hat den Batzen, den ein Vogel auf dem Fenster seiner Toilette im Bonner Bundeshaus hinterlassen hat, höchstpersönlich weggemacht, nachdem ihm mitgeteilt worden war, dies sei kein Fall für die Putzfrau, sondern für den Fensterputzer, der nur alle 14 Tage komme. Nach dieser Schnurre erwähnt er eine geplante Reise nach Portugal und Rudolf Augstein seine nach Mexiko. Dann möge ihm Augstein "man die Inkas grüßen", meint der Altbundeskanzler.

Nachzulesen in Augsteins Gedächtnisprotokoll seines letzten Besuches bei Adenauer am 9. Dezember 1966. Es liest sich wie das Gespräch zweier abgeklärter Männer. Die Spiegel-Affäre (Adenauer 1961: "Ein Abgrund von Landesverrat") lag bei der vierten Begegnung zwischen Adenauer und dem Herausgeber, der dritten unter vier Augen, fünf Jahre zurück. Der alte Adenauer verwechselt Time mit der Times, meint, der Karl Marx sei ja "ein joldener Junge" gewesen "gegen das, was jetzt ist", der jetzige Kanzler Erhard sei kein politischer Mensch. Und natürlich lüge er. Lügen dürfe man nicht, "aber man muss den Leuten nicht immer alles sagen. So habe ich es gehalten..."

Adenauer starb vier Monate nach diesem Gespräch, der Spiegel druckte es in seiner nächsten Nummer, nun lesen wir es wieder in einem Augstein-Auswahlband "Schreiben was ist - Kommentare, Gespräche, Vorträge". Für Augsteins Zeitgenossen ein echtes Déjà-vu-Buch. Man hat ja den Großteil dessen, was da steht, schon einmal gelesen, aber inzwischen wieder vergessen. Was wenig mit der Bedeutung dieser Texte, aber viel mit unserem Gedächtnis zu tun hat.

Von der gewaltigen Menge des Beiläufigen unterscheidet sie, wie sich in 40 Jahren - regelmäßig lese ich den Spiegel erst seit der Spiegel-Affäre - das Gelesene zum Gesamteindruck einer überlebensgroßen Gestalt mit gewaltigen inneren Widersprüchen verdichtete: "Der Journalist des Jahrhunderts" (seltener Fall, dass ein solcher Superlativ angebracht ist) war nicht nur ein Mann mit Weitblick und ein unbeugsamer Kämpfer für Demokratie und Freiheit, sondern er hatte auch manches Brett vor dem Kopf. Seine nationale Grundhaltung ging mehr als einmal mit ihm durch, und über Österreich hat er manchen Unsinn von sich gegeben. 1998, schon als alter Mann, ließ er sich im Hemd mit Hosenträgern im Spiegelsaal von Schloss Versailles fotografieren: Ein Bild, das Bände spricht, auch wenn es ein Augusttag war.

Augstein beeindruckte nicht nur durch die Schärfe seines Denkens und die Brillanz seines Stils, sondern auch durch seine Lernfähigkeit und die Konsequenz seiner Entwicklung. Nicht zuletzt dadurch wurde er vorbildhaft. Auch dadurch, wie er zu Gegnerschaften stand, aber die zugehörigen Feindschaften begrub. Adenauer begegnete er mit tiefem persönlichem Respekt, zu Franz Joseph Strauß fand er menschlich einigermaßen ein Verhältnis, aber mit dem, was er noch 1993 in einem Interview mit André Müller für die Zeit sagte, könnte er sehr recht gehabt haben: "Hätten Adenauer und Strauß einander nicht so gehaßt, wären sie wirklich gefährlich gewesen."

So manche vom Spiegel aufgebrachte oder aufgegriffene Affäre ist vergessen. Wer erinnert sich noch an den "größten Skandal der letzten 50 Jahre" des Jahres 1950, als der Versuch ruchbar wurde, Abgeordnete durch Bestechung zur Stimmabgabe für Bonn statt für Frankfurt als Regierungssitz zu veranlassen? Zum ersten Mal wurde der Spiegel zum "Hahn im (Maul-)korb der öffentlichen Meinung" (Augstein). Viel von dem, was er seither geschrieben hat, ist längst historisch. Etwa das Gespräch mit Martin Heidegger, das 1966 stattfand, aber, Heideggers Bedingung, erst nach dessen Tod 1976 veröffentlicht wurde.

Der Auswahlband kann nur einen schmalen Querschnitt durch dieses Lebenswerk eines großen Journalisten bieten, aber er belegt überzeugend, was man schon nach Augsteins Tod am 7. November 2002 lesen konnte: Der Spiegel hat die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland in entscheidenden Phasen der Nachkriegszeit tatsächlich beeinflusst, und immer im demokratischen und verfassungsmäßigen Sinn.

Rudolf Augstein. Schreiben was ist - Kommentare, Gespräche, Vorträge

Herausgeber: Jochen Bölsche, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart / Spiegel Buchverlag, Hamburg, 2003

352 Seiten, Fotos, geb., e 25,60