Ein Gott will nicht mehr König sein

Seit Jahren hat er es angekündigt, jetzt macht er tatsächlich Ernst: Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama - 72-jähriger Gottkönig im Exil und Friedensnobelpreisträger - verabschiedet sich demnächst formal von seiner politischen Verantwortung. Geistig-geistlicher Führer des tibetischen Volkes bleibt er selbstverständlich - als Inkarnation von Tschenresi, dem Buddha des großen Mitgefühls. Es ist ein Dienst auf Lebenszeit.

Zunehmend waren dem alternden "Kundün“ - wie ihn sein gequältes Volk in Verehrung nennt - die Grenzen und Risken seiner "Alleinvertretung“ Tibets bewusst geworden: als Liebling des Westens und einer zunehmend entchristlichten spirituellen Sehnsucht, als etablierter Erzfeind der chinesischen KP-Führung - und im eigenen Exil-Volk durch seine Monopolstellung als ungewollter Bremser einer Demokratisierung. Tibets (Exil-)Führung müsse endlich selbstständig denken und agieren, verkündete er wiederholt, denn "der Kampf um Tibets Zukunft ist ja nicht nur der Kampf des Dalai Lama“.

Natürlich weiß der in fünf Jahrzehnten globaler Diplomatie Erfahrene, dass er auch künftig wie kein Zweiter das tibetische Volk samt seiner Kultur und seiner religiösen Tradition repräsentieren wird. Mit seiner Entscheidung aber erzwingt er jetzt den Aufbau von politischen Strukturen, die eines Tage seine physische Präsenz überdauern werden - unabhängig davon, ob dann noch nach seiner Wiedergeburt gesucht werden kann.

Also schreiben rund 600.000 Tibeter rund um den Globus am kommenden Sonntag (20. März) ein neues Kapitel tibetischer Geschichte: Sie küren nicht nur ein 44-köpfiges Exilparlament, sondern auch einen frei und direkt gewählten Ministerpräsidenten.

Vorwahlen haben das Ringen um den künftigen Premier auf drei Kandidaten reduziert - zwei von ihnen sind noch aus der alten Heimat geflüchtet und längst erfahrene tibetische Diplomaten. Ein Dritter, schon im indischen Exil geboren, ist Harvard-Absolvent und populistischer Quereinsteiger.

Wie immer es kommt - das zerstreute Volk wird künftig mit zwei starken Stimmen sprechen. Die zentrale Botschaft - "Selbstbestimmung für Tibet!“ - bleibt dieselbe. Durchaus möglich aber, dass eine frei gewählte Führung mehr auf die Stimmung des tibetischen Volkes achten und schärfere Töne gegenüber Chinas Unterdrückungspolitik und politische Unnachgiebigkeit anschlagen wird.

Dem 1959 ins indische Exil geflohenen Dalai Lama galt schon bisher - bei aller Kontinuität im hohen Amt - kein Tabu als unübersteigbar. Wiederholt hatte er sich nicht nur selbst infrage gestellt, sondern auch die Zwangsläufigkeit, künftig eine Wiedergeburt auffinden zu müssen: "Die Dalai Lamas wird es so lange geben, so lange sie für Tibet nützlich sind“, sagte er wiederholt. Umso leichter scheint ihm jetzt der Abschied von der politischen Verantwortung zu fallen. Gott und König - was in Theorie und Tibets Tradition untrennbar verbunden zu sein scheint, ist de facto nur von zwei seiner Vorgänger - dem 5. und 13. Dalai Lama - wirklich mit Leben erfüllt worden.

Trennung von Politik und Religion: In vielen Weltregionen, der muslimischen vor allem, ist der Weg dorthin noch weit und mühsam. Bemerkenswert, dass gerade der Dalai Lama, bisher Symbolfigur allen Staatskirchentums, diesen Schritt jetzt mit beispielhafter Konsequenz vorantreibt.

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