Einstieg in die Freiheit

Natürlich gibt es im Fall Natascha Kampusch ein öffentliches Informationsbedürfnis. Die Privatsphäre des Entführungsopfers ist aber das höhere Gut.

Die Welt ist eben so, wie sie ist. Sie will mit Sensation bedient werden, und die Medien besorgen ihr das. Das Publikum mag es so, es treibt die Medien; wer behauptet, er wäre gegen jedes Quäntchen Voyeurismus immun, lügt sich in die Tasche. Und die Medien treiben das Publikum mit immer dreisteren Grenzüberschreitungen weiter und weiter - wer etwa so mancher Talkshow beim Kommerz-TV als Zuschauer wie als Talk-"Gast" in die Hände fällt, weiß: Es gibt keine Intimität, keine Sexualpraktik, kein noch so verqueres Gefühl, das nicht an die Öffentlichkeit gezerrt wird.

Man muss ja nicht - wie einst Neil Postman - generell anzweifeln, dass Information ausschließlich Teil der Unterhaltung ist, die von der dazugehörigen Industrie in jedes Heim geliefert wird. Aber angesichts der Vermarktungskarawanen, die sich nach jedem markanten (Welt-)Ereignis auf die Protagonisten stürzen, kann man in Kulturpessimismus verfallen.

Es bleibt aber diese Welt, in die Natascha Kampusch nach acht Jahren erzwungener Absenz geworfen wird, und da hilft Kulturpessimismus schwerlich weiter. Außerdem gibt es keinen Zweifel, dass es legitim ist, neugierig zu sein und Information zu fordern. Grundsätzliche, in einer freiheitlichen Gesellschaft essenzielle Aufgabe von Medien ist es ja, Informationen zu beschaffen und zu vermitteln. Aber auch der Schutz der Privat-, noch mehr: der Intimsphäre gehört zu den Säulen dieser Gesellschaft; dieser Schutz scheint allerdings über Gebühr bedroht: Mit dem Terrorismus begründet der Staat immer dreistere Zugriffe auf die Privatsphäre, und unter dem Siegel des Informationsbedürfnisses balgen sich Medien um Verbrechenstäter und-opfer, Familienangehörige und "Experten", die dem Publikum erklären, was Sache ist.

Der Fall Kampusch ist zweifelsohne exzeptionell, was die Umstände des Verbrechens betrifft. Von daher befindet sich auch die Berichterstattung darüber in einer außergewöhnlichen Situation. Dass es bis dato gelang, das Opfer direktem Voyeurismus zu entziehen, ist aber bemerkenswert: Zumindest zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen gab es kein Foto und kein Interview mit Natascha Kampusch. Das ist gut so. Denn nicht die Befriedigung des Informationsbedürfnisses hat Priorität, sondern das Recht des Opfers auf Bewältigung seines künftigen Lebens. Das wird à la longue nicht durch Abschottung geschehen können, aber dass ein öffentliches Vorführen von Natascha Kampusch solcher Bewältigung abträglich wäre, wird kaum jemand bestreiten.

Natürlich ist in der Berichterstattung zum Fall einiges zu kritisieren. Die Kronen Zeitung ernannte den Entführer alsogleich zur "Sexbestie", bevor noch irgendwelche näheren Umstände bekannt waren; eine Polizistin schwadronierte im ORF-Magazin Thema und in der Krone über sexuellen Missbrauch, der dem Opfer "nicht bewusst" sei (ein Beispiel für die unprofessionelle Öffentlichkeitsarbeit und eklatante Missachtung der Intimsphäre durch die Polizei); der Kriminalpsychologe wurde in Deutschland aufgespürt und erstellte als Ferndiagnose ein allgemeines Täterprofil, das dann taxfrei medial auf Wolfgang P. angewandt wurde; und angebliche Sager des Opfers fanden sich in Boulevard-Titeln (Krone: "Ich musste ihn Gebieter nennen!") ebenso wie in Qualitätsmedien (Salzburger Nachrichten: "Entführer ließ sich von Natascha Gebieter nennen").

Die Beispiele und einige mehr sind mediale "Kollateralschäden", und angesichts der Summen, die für Fotos und Interviews mit der Entführten genannt werden, sind die Aussichten klein, dass der Schutzkordon lang halten wird. Dennoch: Es ist außergewöhnlich, wie weit der Privatheit des Opfers bis dato nachgekommen werden konnte. Man darf hoffen, dass Kampuschs Einstieg in die Freiheit professionell begleitet wird. Ihr am Montag veröffentlichter Brief, der jenen Medien, die in ihren Berichten geflunkert hatten, auch ordentlich am Zeug flickte, war schon ein Beispiel für professionelle (Medien-)Arbeit.

Natürlich gehörte dies auch zur Insze©`FFnierung: Der Star-Psychiater, der - den neckischen Zwicker auf der Nase - den Brief vorlas, ist öffentlichkeitswirksamen Auftritten nicht abgeneigt. Soll sein, und mag Kameras bedienen, die das Opfer ja immer noch nicht einfangen konnten. Dass letzteres eine notwendige Zeit lang auch so bleibt, kann man Natascha Kampusch nur wünschen.

otto.friedrich@furche.at

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