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"Es gibt gute Gründe, Angst zu haben"

Sig Hecker, von 1986 bis 1997 Direktor des Atomforschungslabors in Los Alamos (siehe Seite 4), über die Gefahr von Terroranschlägen, George W. Bushs Irak-Feldzug und atomare Abschreckung.

Die Furche: Beobachter orten derzeit in den USA eine "Politik der Angst". Es gibt etwa einen Cartoon, wo George W. Bush nach verlorener Präsidenten-Wahl zu einem Berater sagt: "Wir hätten auch noch Alarmstufe Rot geben sollen!"

Sig Hecker: Ich mache keine Politik. Ich bin nur ein Wissenschafter, der in den schwierigen Umgang mit Atomwaffen eingebunden ist...

Die Furche: Anders gefragt: Gibt es gute Gründe, mehr Angst vor terroristischen Anschlägen zu haben als etwa vor dem 11. September 2001?

Hecker: Ja, ich glaube, die gibt es. 9/11 war nicht der erste Terroranschlag. Aber es hat gezeigt, wie weit Terroristen mittlerweile gehen, um ein Massensterben auszulösen. In einer ähnlichen Weise hat das auch der 1. September 2004 in Beslan gezeigt: Der 1. September ist für russische Kinder der erste Schultag und damit ein großer Feiertag. Die Terroristen waren also bereit, Babys und Kinder als Geiseln zu nehmen oder in die Luft zu sprengen. Hier haben wir realisiert, mit welchen Leuten wir es zu tun haben: Diese Leute haben kein Herz. Deswegen glaube ich, dass die Gefahren heute viel größer sind.

Die Furche: Sind die Maßnahmen des US-Heimatschutzministeriums - darunter die Abnahme von Fingerprints bei Flugreisenden - geeignet, um Terroranschläge zu verhindern?

Hecker: Es ist zu früh zu sagen, ob diese Maßnahmen am Ende tatsächlich mehr Sicherheit bringen werden. Erst vor wenigen Jahren haben viele Länder den Drogen den Krieg erklärt. Und trotzdem hat man den Drogenschmuggel nicht stoppen können. Denn die finanziellen Benefits sind so enorm, dass Drogenschmuggler immer einen Weg gefunden haben. Und in gewissem Sinn sind auch die Terroristen Getriebene - wenn auch nicht von Geld. Deshalb wird es sehr schwierig sein, jeden Terroristen auszuforschen. Ich glaube jedenfalls, dass die USA einige sehr gute, scharfe Maßnahmen getroffen haben, um die Heimat zu schützen. In Russland, wo ich erst vor wenigen Wochen war, wünscht man sich jetzt, man hätte ähnliche Maßnahmen ergriffen.

Die Furche: Die Gefahr, dass dabei die persönlichen Freiheiten unter die Räder kommen, ist aber groß...

Hecker: Dieser Konflikt zwischen Sicherheit und persönlicher Freiheit ist sicher eine große Herausforderung. Für einige Zeit werden die Leute bereit sein, etwa auf Flughäfen einige persönliche Freiheiten zu opfern. Die US-Bürger sehen das derzeit noch unglaublich gelassen. Ich für meinen Teil akzeptiere diese vielen Detektoren, weil ich glaube, dass es etwas nützt.

Die Furche: Welches Bedrohungsszenario ängstigt Sie selbst am meisten?

Hecker: Jenes, dass Terroristen in den Besitz von Nuklearmaterial kommen - sei es, dass sie das Material auf "schmutzige Bomben" verteilen, die zwar nicht viele Menschen töten können, aber viel Angst erzeugen; oder sei es, dass sie sogar in den Besitz von Atomwaffen kommen. Wenn man diese Waffen über Wien oder New York einsetzt, kann man Hunderttausende Menschen umbringen.

Die Furche: Wie groß ist die Gefahr, dass terroristische Organisationen tatsächlich in den Besitz von Atomwaffen kommen könnten?

Hecker: Es ist nicht leicht, eine der modernen, hochentwickelten Bomben zu bauen. Deshalb gibt es auch so große Forschungseinrichtungen wie Los Alamos. Aber es ist beängstigend einfach, eine einfache, "schlechte" Bombe zu fabrizieren. Und selbst eine schlechte Bombe in der Hand von Terroristen ist ein erschreckender Gedanke.

Die Furche: Noch schrecklicher war für die Bush-Administration der Gedanke, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügen könnte. Man ist einmarschiert - und hat bis heute keine solchen Waffen gefunden. Haben Sie je an ihre Existenz geglaubt - oder dachten Sie an einen Bluff?

Hecker: Ich dachte nicht an einen Bluff. Der Irak hatte ein Atomprogramm, das war keine Frage. Die einzige Frage war, ob schon die internationalen Inspektionen dieses Programm effektiv ausgeschaltet haben oder nicht. Hans Blix, den ich gut kenne, hat fest daran geglaubt, dass die Inspektionen das Programm ausschalten konnten. Am Ende hat sich herausgestellt, dass auch die chemischen und biologischen Waffen ausgeschaltet werden konnten - wobei man diese Dinge nicht in einen Topf werfen darf: Chemische Waffen sind keine Massenvernichtungswaffen. Auch mit biologischen Waffen ist es - zumindest derzeit noch - schwer möglich, eine große Menschenmenge zu töten. Noch einmal: Ich denke nicht, dass 2003 eine nukleare Bedrohung bestanden hat. Doch Präsident Bush und seine Berater haben den Geheimdienstinformationen geglaubt - und die Waffen bis heute nicht gefunden.

Die Furche: Sie gehen also davon aus, dass die Geheimdienste schlampig recherchiert haben und Bush im guten Glauben gehandelt hat?

Hecker: Ich glaube nicht, dass die Geheimdienste schlampig recherchiert haben. Ich glaube auch nicht, dass sie absichtlich politisch gewünschte Informationen geliefert haben. Damals gab es einfach beträchtliche Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Geheimdienste, wie einige der Atomwaffen-Informationen interpretiert werden sollten. Leider haben sich dann die politischen Entscheidungsträger der Vereinigten Staaten und Großbritanniens dazu entschlossen, in den Krieg zu ziehen, ohne sich die Zeit zu nehmen, diese Meinungsverschiedenheiten auszuräumen.

Die Furche: Nach der "Befreiung" des Irak gilt heute Nordkorea für die USA als gefährlichster "Schurkenstaat". Sie haben im Jänner 2004 eine nordkoreanische Atomanlage besichtigt. Wie groß ist die Gefahr, die von diesem Staat ausgeht?

Hecker: Die Nordkoreaner verfügen zweifellos über Plutonium. Sie haben mir gegenüber auch plausibel gemacht, dass sie wissen, wie man dieses Plutonium extrahiert und in den metallischen Zustand überführt - was nötig ist, um zumindest einfache Kernwaffen, etwa von der Größe der Nagasaki-Bombe, zu bauen. Ob sie auch hoch entwickelte Waffen oder solche auf Raketenbasis anfertigen können, ist unklar. Das weiß niemand außerhalb von Nordkorea.

Die Furche: Im September hätte das nächste Sechs-Parteien-Gespräch zwischen Nordkorea, seinen vier Nachbarn und den USA über die Beendigung des Atomprogramms stattfinden sollen - doch Nordkorea hat es wegen der "unfairen und feindseligen amerikanischen Politik" abgesagt...

Hecker: Ja. Die Nordkoreaner haben sich durch einige Bemerkungen von Präsident Bush während des Wahlkampfs beleidigt gefühlt...

Die Furche: Wer will schon auf einer "Achse des Bösen" angesiedelt werden...

Hecker: Ich selbst würde diese Terminologie nicht verwenden, denn sie ist nicht sehr hilfreich. Es ist natürlich nicht leicht, mit den Nordkoreanern zu kooperieren: Das ist ein repressiver kommunistischer Staat, der bisher jedes Abkommen gebrochen hat. Und die Aussage von Bush hat es noch schwieriger gemacht, eine Lösung zu finden. Aber während man sie auf dieser "Achse des Bösen" platziert hat, haben sie heimlich ein Uran-Programm entwickelt - im Gegensatz zu ihren Verpflichtungen aus dem Atomsperrvertrag und dem Abkommen mit Südkorea, eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel zu schaffen. Ich glaube, dass die Nordkoreaner sehr schlau mit dem politischen System in den USA umgehen. Derzeit warten sie - wie alle anderen - auf den Ausgang der Wahlen.

Die Furche: Welches Land ist ganz oben auf Ihrer Bedenkenliste?

Hecker: Pakistan. Dort ist es keine Frage mehr, ob sie Plutonium oder Uran besitzen: Sie haben beides - und eine Bombe, die sie bereits getestet haben. Pakistan ist ein Land mit 160 Millionen Menschen, einer instabilen Regierung und Terroristen, die sich irgendwo in den Bergen im Norden verschanzen. Die Regierung macht zwar alles, was sie kann, um ihre Atomwaffen zu schützen, aber zweifellos ist das eine bedenkliche Situation.

Die Furche: Für manche ist mittlerweile Los Alamos selbst zum Sicherheitsrisiko geworden: Zuletzt sind zwei geheime Datenträger verschwunden. Wie konnte das passieren?

Hecker: Aus meiner persönlichen Sicht als Wissenschafter möchte ich nur so viel sagen: Die Leute in diesem Labor nehmen Sicherheit sehr, sehr ernst. Das ist kein Haufen von Wissenschaftern, die mit Geheimnissen herumspielen. Wir haben die Geheimnisse in unseren Köpfen und gehen tagtäglich mit ihnen nach Hause - wohl wissend, dass wir sie schützen müssen. Durch die Erfindung von Kopierer, Computer und E-Mail sind wir natürlich verwundbarer geworden. Außerdem müssen wir ja trotz aller Geheimhaltung noch arbeiten und miteinander kommunizieren. Ich glaube jedenfalls nicht, dass sich unsere Leute nicht um Geheimhaltung bemühen. Ich würde nie im Leben auch nur ein Stück einer geheimen Seite von meinem Büro nach außen tragen.

Die Furche: Los Alamos wurde durch den Bau jener Atombomben weltbekannt, die 1945 in Japan mehr als 240.000 Menschen getötet haben. Wie gehen Sie mit dieser Bürde um?

Hecker: Zu jener Zeit war ich noch ein kleines Kind auf der anderen politischen Seite. Tatsache ist: Die Atombombe wurde wegen Hitler gebaut. Sie wurde gegen Japan eingesetzt - und hielt dann die Sowjetunion während der ganzen Zeit des Kalten Krieges in Schach. Ich persönlich glaube nicht nur, dass uns die Atomwaffen dabei geholfen haben, den Dritten Weltkrieg zu verhindern, sondern dass sie tatsächlich die Welt sicherer gemacht haben. Wenn man zurückblickt, dann hat es natürlich nicht viel Sinn gemacht, diese enormen Atomwaffenarsenale aufzubauen. Erst vor wenigen Wochen habe ich in der Geschlossenen Stadt in Russland, dem Pendant von Los Alamos, ein Foto von der großen Bombe gesehen, die Andrej Sacharow entwickelt hat. Sie hatte eine Sprengkraft von 100 Megatonnen, das ist 5.000-mal mehr als die Bomben von Hiroshima und Nagasaki! Eine solche Bombe wird sicher nie angewendet werden - weil sie nur in den USA oder Russland hergestellt werden kann. Die Frage ist aber: Könnte eine Bombe von der Größe jener in Hiroshima oder Nagaski von Terroristen eingesetzt werden? Vielleicht. Und das ist der Grund, warum ich die letzten Jahre damit verbracht habe, mich dafür einzusetzen, dass so etwas nie passiert.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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