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Esmas Geheimnis

Überraschung! Die bosnisch-österreichische Koproduktion "Grbavica" wurde auf der diesjährigen Berlinale mit dem Goldenen Bären bedacht.

Kein Wort über den Siegerfilm "Grbavica" verlor der Kritiker der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Sein Beitrag zur Berlinale befasste sich mit den Favoriten, die bis zur Preisverleihung am Samstagabend beinahe als sichere Sieger gegolten hatten - und "Grbavica" gehörte definitiv nicht dazu. So können manche Zeitungsmacher böse überrascht werden, wenn die Preisverleihung haarscharf am Redaktionsschluss liegt und man Berichte schon vorschreiben muss.

In "Grbavica" (koproduziert von Barbara Alberts Firma "Coop99") erzählt Regisseurin Jasmila ÇZbani´c von einer bedrückenden Mutter-Tochter-Beziehung: Esma war Anfang der 90er Jahre das Opfer zahlloser Vergewaltigungen im Stadtteil Grbavica in Sarajewo, wo es ein Lager gab, in dem Frauen systematisch missbraucht wurden. Ihre heute zwölfjährige Tochter Sara glaubt fest daran, dass ihr Vater als Held im Krieg gefallen ist, muss aber nun von den wahren Umständen ihrer Zeugung erfahren.

Preis für Exorzismus-Drama

Die Jury der 56. Berlinale, angeführt von Charlotte Rampling, sorgte auch anderswo für Überraschungen: Zwei Preise gingen an die beiden deutschen Schauspieler Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu, ein anderer deutscher Film, das stille, eindringliche und in der Provinz spielende Ehedrama "Sehnsucht" von Valeska Griesebach, blieb überraschend preislos. Weniger überraschend hingegen der Preis für Newcomerin Sandra Hüller, die in Hans-Christian Schmids Exorzismus-Drama "Requiem" jene junge Frau darstellt, deren innere Dämonen über ihren starken katholischen Glauben die Überhand gewinnen, und die während Dutzender Exorzismen an Entkräftung starb. Der Fall basiert auf der wahren Geschichte der Studentin Annelies Michel und besticht durch seine Simplizität. Wo Hollywood mit Tricktechnik die Dämonen der jungen Frau abbilden würde, setzt Regisseur Schmid allein auf Hüllers Spiel. Effekte jeder Art würden dieses detailgetreue Abbild der provinziellen Glaubensfanatiker im Tübingen der 70er Jahre bloß verwässern.

Insgesamt ist der übertriebene Preisregen für deutsche Filme vor dem Hintergrund eines eher durchschnittlichen Wettbewerbsprogramms zwar verständlich, auch, weil es in Berlin heuer um die Wiederauferstehung des deutschen Films ging. Doch sind derlei lokale Preise dem Status der Berlinale als internationales Festival nicht gerade zuträglich. Mit George Clooney, Natalie Portman, Heath Ledger, Philip Seymour Hoffman und Sigourney Weaver verirrten sich heuer nur eine Handvoll Stars nach Berlin. Der Rest fährt lieber nach Cannes, dort ist das Programm weniger provinziell.

Und auch, wenn das Festival in einer politischen Tradition steht, so hat man letztlich nur zwei der Preise wirklich aus offenbar politischen Motiven vergeben: Den großen Preis der Jury mussten sich der dänische Film "En Soap" von Pernille Fischer Christensen und der iranische Beitrag "Offside" von Jafar Panahi teilen. Zwei Filme, deren Qualität unstrittig, aber nicht herausragend ist. Ist hier gar ein Exempel statuiert worden - den Preis gerade zwischen Filmen aus jenen Ländern aufzuteilen, die sich über die Karikaturendebatte in die Haare gerieten? Soll das heißen: Die Kunst überwindet jede Glaubens-und Ideologie-Diskussion?

Noch mehr Politik: Der große Favorit für den Goldenen Bären wurde "lediglich" mit dem Regiepreis belohnt. Michael Winterbottom erhielt die Auszeichnung für den offenkundig politischsten Film des Festivals, "The Road to Guantanamo". Winterbottom zeichnet in seinem Dokudrama die Geschichte dreier ehemaliger Insassen dieses US-Horrorgefängnisses auf Kuba nach.

Verfehlter "Regie"-Preis

Die Briten Ruhel, Asif und Shafiq stammen zwar aus muslimischen Familien, sind aber nicht sehr gläubig. Ein Trip in den Iran und ins benachbarte Afghanistan, den sie eher aus einer Laune heraus unternehmen, gerät zum Fiasko. Denn es ist die Zeit, als George Bush während seines Rachefeldzuges gegen Osama Bin Laden ganz Afghanistan bombardieren ließ. Sie geraten in Gefangenschaft und werden nach Guantánamo gebracht, wo man ihnen eine Zugehörigkeit zu Al Kaida unterstellen will. Folter, die Missachtung der Menschenrechte seitens der US-Soldaten und eine menschenunwürdige "Käfighaltung" beherrschen den Alltag der Unschuldigen.

Michael Winterbottom, der schon vor drei Jahren mit "In this World" den Goldenen Bären in Berlin gewann, unterschneidet seine penible, aber einseitige Rekonstruktion der wahren Ereignisse mit Interviews mit den drei britischen Muslime, die nach zwei Jahren Haft frei kamen. Vorzuwerfen ist diesem Pamphlet gegen Guantánamo, dass Winterbottom nur die eine Seite der Geschichte erzählt. Noch dazu ist der Regiepreis für "The Road to Guantanamo" nicht gerechtfertigt, da hier vielleicht das politische Motiv für den Film preiswürdig ist, nicht aber die eher schlampige, unspektakuläre Inszenierung.

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