Fallschirm-Journalist

Journalisten kommen in Regionen, über die sie nichts wissen, und berichten über Kriege, von denen sie nichts verstehen - und fahren dann nach fünf Tagen wieder nach Hause ...

Senad Kamenica, bosnischer Journalist, leitete und koordinierte in den letzten Jahren ein in elf Ländern Südosteuropas tätiges Medien-Netzwerk für den Austausch von Nachrichtenbeiträgen. Im Gespräch beurteilt er die Lage des Journalismus in dieser Region:

Die Furche: Wie hat sich im ehemaligen Jugoslawien die Lage für Journalisten in den letzten Jahren verändert?

Senad Kamenica: In Serbien und Montenegro ist kaum ein Unterschied zu früher. Journalisten können heute zwar freier berichten, sie wissen aber nicht, was sie mit dieser Freiheit anfangen sollen. So verhalten sie sich wie zu MiloÇsevi´cs Zeiten.

Die Furche: Die Journalisten in Südosteuropa sind im Vergleich zum Westen aber sehr jung. Hat das nicht einen erneuernden Einfluss auf die Medien?

Kamenica: Die meisten Journalisten haben sich in den Kriegen entweder auf eine Seite geschlagen oder mussten ihr Land verlassen. Deshalb hat es ein großes Loch gegeben, das mit neuen Journalisten aufgefüllt wurde. Wer begabt war, hatte so die Gelegenheit, schnell populär zu werden. In den großen Krisen in der Region war keine Zeit, um den Redakteuren die Grundlagen des Berufs beizubringen. Als dann die internationale Gemeinschaft kam, war es zu spät, denn all diese jungen Leute waren schon populär und wollten nicht mehr einsehen, dass sie eigentlich eine Ausbildung benötigten.

Die Furche: Welche Rolle spielt die internationale Gemeinschaft?

Kamenica: Eine große. Unglücklicherweise versteht sie die Bedürfnisse der Journalisten in der Region immer noch nicht. Beinahe alle Projekte sind nach den Standards hochentwickelter Länder ausgerichtet.

Die Furche: Diese Bedürfnisse ...

Kamenica: ... unserer Journalisten sind Bildung und Ausbildung. Es ist aber wichtig, diese zu Hause zu erhalten. Es nützt wenig, Journalisten in die USA oder nach Österreich zu schicken, wo alles digitalisiert ist, wo man mit einem Tastendruck alles machen kann, wofür wir mit analoger Technologie zwei Stunden brauchen. Training vor Ort - das ist das erste. Zweitens sollte die internationale Gemeinschaft nicht in neue, parallele Medien-Infrastrukturen investieren. Denn dafür gibt es keinen Markt. Wir sprechen über eine Region, in der die Wirtschaft nicht funktioniert. Bosnien zum Beispiel ist ja nicht einmal ein Staat, sondern ein politisches Experiment. Wir sprechen über eine Region ohne Grundlagen für Meinungsfreiheit. Wichtig wäre also die Investition in vorhandene Medien-Infrastrukturen, um deren Professionalität zu verbessern.

Die Furche: Sie treten für einen "ethischen" Journalismus ein, der sich auch an der Konfliktlösung beteiligt ...

Kamenica: Absolut. Nachdem der Hass in Ex-Jugoslawien gesät war, nachdem wir sahen, was in Ruanda passierte (in 100 Tagen wurden dort 800.000 Menschen getötet!), kann man als Reporter doch nicht unbewegt zuschauen, was da passiert! Auch Journalisten müssen etwas für Veränderung tun. Der Großteil der Welt kämpft immer noch um ganz grundlegende Dinge: Mehr als 55 Prozent der Weltbevölkerung haben nie ein Telefon gesehen. Und im Westen redet man über die Megafusionen der Medienmogule ...

Die Furche: Aber man muss sich mit diesen Megafusionen auseinandersetzen: Denn die neuen Mediengiganten berichten in der Ersten Welt ja auch darüber, was in der Dritten vorgeht ...

Kamenica: ... doch sie berichten - etwa aus Südosteuropa - auf der Basis von: Wenn ihr euch umbringt, dann kommt ihr in die Schlagzeilen. Aber eine Geschichte über den Erfolg beim Wiederaufbau ist für die Weltmedien nicht mehr interessiert.

Die Furche: Was kann man da tun?

Kamenica: Man muss über die positiven Prozesse berichten, die in der Region passieren.

Die Furche: Das verstehen Sie also unter Konfliktminderung ...

Kamenica: ... ja, das kann helfen, die Konflikt zu vermindern. Ein Beispiel aus meiner Zeit als Chef vom Dienst beim bosnischen Fernsehen: Es war Ostern und das Team, das ich zur Osterfeier geschickt hatte, hatte einen Autounfall und kam zu spät. Doch der Journalist kam mit einer Reportage über den örtlichen Priester und seinen Nachbarn, der Muslim war, und die den Friedhof gemeinsam pflegten, zurück - in einem Land, wo kurz zuvor noch Krieg zwischen den bosnischen Muslimen und den bosnischen Kroaten geherrscht hatte. Diese Geschichte hatte ein sehr starkes Echo im Land. Solches zu berichten kann viel Gutes tun.

Die Furche: Wenn ich Ihre Forderung auf Österreich anwende: Medien wie die Furche oder das Radioprogramm Ö1 fühlen sich diesem Anspruch verpflichtet. Doch handelt es sich dabei um kleine Medien, nicht um die Massen-Medien.

Kamenica: Das Ganze ist ein langer Prozess. Ich beziehe mich auf den früheren BBC-Kriegsreporter Martin Bell, der vom "Journalism of attachment" spricht: Wenn ich die Chance habe, etwas zur positiven Veränderung des Landes, über das ich berichte, beizutragen, dann tue ich das.

Die Furche: Das ist aber gegen dasjournalistische Prinzip, in einem Konflikt nicht Partei zu ergreifen.

Kamenica: Es geht darum, alles zu berichten, was über einen Konflikt herauszufinden ist. Man kann da Gemeinsamkeiten zwischen den Parteien herausarbeiten: Wenn man so berichtet, erfährt eine Konfliktpartei vielleicht etwas Neues über die andere. Da ergreift man nicht Partei für eine Seite. In den letzten Jahrzehnten gesehen gab es aber bloß Fallschirm-Journalismus: Journalisten kommen in Regionen, über die sie nichts wissen, und berichten über Kriege, von denen sie nichts verstehen, sie bleiben fünf Tage lang und fahren dann wieder nach Hause. Die Kriegsparteien benutzen diese Journalisten natürlich für ihre Zwecke. Ein Beispiel: Da gestaltete eine kanadische Journalistin im Kosovo eine Serie von Reportagen über ein albanisches Mädchen, das von den Serben vertrieben und deren Schwester getötet worden war. Das Mädchen schloss sich der Kosovo-Befreiungsarmee an. Nach dem Krieg begleitete die Reporterin das Mädchen in ihr Dorf für eine Schluss-Story. Doch dort stellte sich heraus: Das Haus des Mädchens war nicht zerstört, die Eltern lebten ebenso wie die Schwester. Als die Reporterin das Mädchen fragte: "Warum hast du erzählt, dass deine Schwester getötet wurde?", kam die Antwort: "Wenn diese Lüge beigetragen hat, dass gegen Serbien Bombenangriffe geflogen wurde, bin ich froh, dass ich gelogen habe."

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

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