Digital In Arbeit

Feindbild Google

Online-Nachrichten machen den Printmedien vor allem junge Leser streitig. Die klassische Zeitung entwickelt langsam Gegenkonzepte.

Immer häufiger ist der "Klick mit der Maus" dem "Nachblättern in der Zeitung" offensichtlich einen Schritt voraus, besonders bei jüngeren Generationen. Kommen den (Tages-)Zeitungen die jungen Leser Schritt für Schritt abhanden? Haben Printmedien überhaupt noch eine Chance bei jenen, die ihre Informationen primär aus interaktiven Medien beziehen (wollen)?

Diverse Studien scheinen es zu belegen: Die Aufmerksamkeit jüngerer Menschen gegenüber Printmedien ist international betrachtet in den letzten Jahren gesunken. Das berichtet Hannes Preßl, Hauptschullehrer und Mitarbeiter von "Zeitung in der Schu- le" (ZiS), dem öster- reichischen Verein zur Förderung der Nutzung von Zeitungen in der schulischen Ausbildung. Dem jungen Leser wird jedoch kein generelles Desinteresse an lokalen oder internationalen Nachrichten nachgesagt, sondern vielmehr ein einfach größeres Interesse an interaktiver Berichterstattung durch das Internet. Denn via Google oder Yahoo lassen sich tagespolitische Ereignisse differenzierter mitverfolgen. Diverse Internet-Foren ermöglichen es in einem weiteren Schritt, rasch über aktuelle Nachrichten mit anderen zu diskutieren. Das, so Preßl im Zuge einer Podiumsdiskussion des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ), kennzeichne die heutige "Young Reader DNA", die Charakteristika junger Leser.

Erste Gegenmaßnahmen

Um diesem Trend entgegenzuwirken, bemühen sich einige Tageszeitungen, bereits jüngste Leser frühzeitig an das Lesen der Zeitung zu gewöhnen und an die eigene Blattlinie zu binden, wie ein Blick nach Deutschland und in die Niederlande beweist. Die deutsche Tageszeitung Hellweger Anzeiger begann - laut Chefredakteur Volker Stennei als erste deutsche Tageszeitung überhaupt - bereits im April 2006 damit, täglich eine Kinderseite zu erstellen. Sie wird in jeder Ausgabe als "Kinderzeitung" bezeichnet und ist für die Zielgruppe zwischen 8 und 12 Jahren konzipiert. Das Credo lautet: Kinder sind nicht die Leser von morgen, sondern von heute. Jene Redakteure, die den Hellweger Anzeiger Tag für Tag mit Informationen aus aller Welt füllen, sind auch für die Berichterstattung auf der Kinderseite zuständig. Denn es werde über dieselben Geschehnisse berichtet wie im Rest der Zeitung, nur in der Sprache der Kinder, so der Chefredakteur. Weltnachrichten, lokale Neuigkeiten, Sportereignisse und die tägliche Beantwortung einer "W-Frage" (Was ist …? Wie funktioniert …?) füllen die Seite. Das Ziel des Projektes ist es, jungen Lesern erst gar nicht die Möglichkeit zu bieten, Berührungsängste gegenüber Zeitungen zu entwickeln. Deshalb, so Stennei, ist die Kinderseite auch im Hellweger Anzeiger integriert und nicht in einer eigenen Zeitung ausgelagert. Der angenehme Nebeneffekt: Eltern und Kinder widmen sich gemeinsam derselben Zeitung.

Jugendzeitung in Holland

Das niederländische NRC Handelsblad ist im Vergleich zum deutschen Hellweger Anzeiger einen Schritt weiter gegangen. Angesichts des Problems einer rasch alternden Leserstruktur hat man sich dazu entschlossen, neben dem Stammblatt auch eine eigene Tageszeitung für junge Erwachsene mit dem Namen nrc.next herauszugeben. Heute hat diese speziell entwickelte Jugendzeitung eine Auflage von 80.000 Stück, so der Chief Designer von nrc.next und NRC Handelsblad, Jan Paul van der Wijk.

Für den jugendlichen Ableger werden 60 Prozent des Hauptblattes wieder verwendet und mit weiteren ergänzenden Hintergrundinformationen aufgestockt. Der restliche Platz wird speziell mit jugendspezifischen Inhalten aus Musik, Sport und Lifestyle aufgefüllt. Ein Träger des Erfolgs, so van der Wijk, ist die Möglichkeit des "Two-speed-reading": Diverse Kurzartikel geben zunächst einen umfassenden Überblick über nationale und internationale Entwicklungen. Wer eine dieser Kurznachrichten für besonders interessant hält, kann in einem längeren Artikel weitere Informationen erhalten. (Ähnlich dem Leseverhalten Jugendlicher im Internet.)

Sowohl das deutsche als auch das holländische Projekt zeigen Wege auf, wie sich Printmedien bei ganz jungen und jüngeren Lesern präsentieren können. Neben dem edlen Motiv, Kinder und Jugendliche zum Zeitung Lesen und zur eigenen Meinungsbildung anzuspornen, steht aber freilich auch der Wunsch nach einem Anwachsen der Auflagezahlen.

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