Fernsehen wird interaktiv

Die Umsetzung einer modernen Medienpolitik trägt die ersten Früchte: Digitalisierung macht auch vor dem Fernsehen nicht halt. In Österreich sollen bis 2010 alle analogen Sender abgeschaltet sein.

Mit den Rundfunkgesetzen des Jahres 2001 haben die Regierung Schüssel I und der Medienstaats-sekretär Franz Morak die Grundlage für eine moderne und wettbewerbsfähige Medienpolitik geschaffen. Nach der Einrichtung eines "Digitalisierungsfonds" mit jährlich 7,5 Millionen Euro werden nun im kommenden Jahr für die Zukunft des Fernsehens in der steirischen Landeshauptstadt Graz nachhaltige Fakten geschaffen: Von April bis Juni 2004 kommt die Grazer Bevölkerung als erste in den Genuss digitalen Fernsehens via terrestrischer Verbreitung. 150 Testhaushalte werden ganz vorne dabei sein. Denn mit einem Pilotprojekt haben sich die RTR (Rundfunk & Telekom Regulierungs GmbH), Siemens, Telekom Austria und der ORF zusammen getan, um erstmals im digitalen Äther zu experimentieren. Der dreimonatige Probebetrieb des digitalen terrestrischen Fernsehens (DVB-T, für Digital Video Broadcasting auf terrestrischer Basis) wird vor allem einen Schwerpunkt haben: Die Erprobung von interaktiven Zusatzdiensten zum herkömmlichen Fernsehprogramm.

Fernseh-Zusatzdienste

150 Testhaushalte werden mit hochwertigen Empfangsgeräten, so genannten Set Top Boxen, ausgestattet. Auf dem ausgestrahlten Probekanal können dann gleich vier Programme gesendet werden. Zu sehen sein werden ORF 1, ORF 2 und ATVplus, der vierte Sendeplatz wird als offene Plattform auch von privaten Rundfunkanbietern zur Erprobung interaktiver Applikationen genutzt werden können. Genau in diesen Zusatzdiensten wird auch der hauptsächliche Vorteil des digitalen Fernsehens gesehen: Denn im Unterschied zum herkömmlichen Empfang wird es dann möglich sein, sendungsbegleitende Infos, interaktive Dienste (Votings, Bestellvorgänge, etc.) oder digitale Werbung gleich mit dem TV-Signal mitzuschicken und so dem Seher die Möglichkeit zu geben, nicht nur passiv zu konsumieren, sondern aktiv mitzumachen - in welcher Form auch immer.

"Im Zuge des Testbetriebs in Graz wird der ORF neue digitale Zusatzanwendungen bis hin zu Vollinteraktivität entwickeln und testen", kündigt ORF-Generaldirektorin Monika Lindner an. Der ORF arbeitet derzeit mit Hochdruck an der Realisierung solcher Zusatzangebote, die auch noch durch den Digitalen Daten Dienst (Nachfolger des jetzigen ORF-Teletextes) und einen elektronischen Programmführer ergänzt werden sollen.

Neuland in Europa

Noch klingt die Materie ein wenig theoretisch. Doch handelt es sich bei den geplanten Zusatzdiensten um "Neuland in Europa" (ORF) - Zukunftsarbeit sozusagen.

RTR-Geschäftsführer Alfred Grinschgl: "Die digitale Rundfunkübertragung ist ein für die technologische und medienpolitische Zukunft bedeutendes und gemeinsames europäisches Vorhaben. Mit dem Probebetrieb 2004 sichert sich Österreich die Chance, wertvolles Knowhow zu sammeln und an der Zukunft des Digital-TV teilzunehmen".

In Österreich nutzen bis heute immer noch rund zwei Millionen TV-Haushalte (63 Prozent) den terrestrischen Empfang über die Hausantenne. Zwar sind es nur mehr rund 500.000 Haushalte, die ausschließlich auf diese Verbreitung angewiesen sind (der Anteil von verkabelten und satellitenversorgten Haushalte beträgt mittlerweile mehr als 80 Prozent), doch von den insgesamt 1,4 Millionen Satelliten-Haushalten müssen die meisten auf den terrestrischen Empfang zurückgreifen, wenn sie ORF-Programme sehen wollen. Die gibt es zwar via Astra-Satellit bereits in digitaler Form, werden aber verschlüsselt gesendet. Fazit: Die Hausantenne bleibt hierzulande ein wesentlicher Versorgungsfaktor.

Umso wichtiger für die Medienpolitik, auch die terrestrischen TV-Haushalte auf digitalen Empfang umzustellen. Die Einführung des Standards DVB-T soll nach dem "Digitalisierungskonzept" der Medienbehörde in vier Schritten erfolgen. Bis Ende 2004 wird in einer ersten Stufe geplant und getestet (siehe Graz). Bis Ende 2006 wird ein "sanfter Simulcast-Betrieb" in Ballungszentren angestrebt, das heißt, dass Fernsehprogramme gleichzeitig in digitaler und analoger Form ausgestrahlt werden. Ab 2006 soll dieser Betrieb deutlich ausgeweitet werden. Ab 2007 sollen die noch sendenden analogen Anlagen nach und nach abgeschaltet werden. Der Umstieg wäre dann vollbracht.

Aufholbedarf

Eine besondere Rolle soll dabei die RTR haben, die über die Arbeitsgemeinschaft "Digitale Plattform Austria" ein Digitalisierungskonzept erstellt hat. RTR-Chef Grinschgl: "In diesem Zusammenhang kommt der Errichtung eines Digitalisierungsfonds, der jährlich mit 7,5 Millionen Euro dotiert wird, eine besondere Bedeutung zu. Österreich findet dadurch Anschluss an das restliche Europa."

Dieses Aufholen ist dringend nötig: Denn in anderen EU-Ländern ist man bereits weiter. In Berlin läuft schon seit Ende Februar 2003 die flächendeckende digitale Übertragung sämtlicher Privat-sender auf terrestrischer Basis, die analoge Ausstrahlung wurde abgeschaltet. Großbritannien gilt als Vorreiter in der Digi-TV-Technik und auch die künftigen Beitrittsländer Ungarn und Tschechien arbeiten mit Hochdruck an der Umsetzung der neuen Technik. In den USA sollen übrigens bereits 2006 alle analogen Anlagen abgeschaltet sein - gut vier Jahre vor Europa. "In vielen Fällen richten sich die Mitgliedsstaaten der Union auf eine Abschaltung der analogen Anlagen für 2010 ein", so Grinschgl.

Zauberwort "Konvergenz"

In Österreich bereitet sich die RTR unterdessen auf eine noch viel komplexere Aufgabe vor. Als Regulierungseinrichtung muss sie nicht nur einen gesetzlichen Auftrag erfüllen, sondern auch die Basis für die Konvergenz der Dienste und Medien vorbereiten.

Konkret: Der Trend geht zum mobilen Empfang. Fernsehen war bisher eher eine passive Angelegenheit, die in einem kinoähnlichen Ambiente stattfand. In Zukunft wird Fernsehen ein Tagesbegleitmedium sein und an allen denkbaren Orten konsumiert werden können. Mittels kleiner Taschen-PCs (PDA) oder Handys kann dann auch unterwegs im Auto oder in der Bahn geschaut werden. "Portable Indoor" nennen das die Fachleute, die in der Mobilität einen entscheidenden Vorteil gegenüber Kabel und Sat sehen.

Für diese Mobilität benötigt man allerdings die erwähnten digitalen, terrestrischen Sendeanlagen. Mit der technischen Abwicklung sind die Firmen Siemens und Telekom Austria an vorderster Front dabei. Die Digitalisierungs-Offensive soll auch ein altes Problem lösen: "Die Kluft zwischen dem IT- und Internet-affinen Teil der Gesellschaft und jener Gruppe, die keinen Bezug zu den neuen Technologien hat, wird tendenziell größer", weiß Telekom-Austria-Generaldirektor Heinz Sundt. "Digitales Fernsehen, mit interaktiven Elementen und der Möglichkeit der Kommunikation mit anderen via E-Mail oder Chat, kann wesentlich zum Schließen dieser Lücke beitragen".

Ein wichtiger Faktor zur Verwirklichung der Interaktivität ist die Verfügbarkeit von Breitband-Kommunikationsnetzen: Erst letzte Woche wurde beim zweiten Österreichischen Breitband Symposium das Thema Infrastruktur im Spannungsfeld mit Applikationen und Diensten debattiert. Die EU wünscht sich schon seit längerem eine breitbandig vernetzte Informationsgesellschaft.

Nachhaltige Impulse

"Nachhaltige Impulse für Medieninhalte produzierende Unternehmen, für die technische Infrastruktur sowie für dem Rundfunkbereich vor- und nachgelagerte Wirtschaftszweige sind Teil der Gesamtstrategie, die Standortqualität Österreichs zu stärken. Dies ist angesichts unserer Lage als kleines Land im Schatten eines wesentlich größeren und gleichsprachigen Nachbarlandes und am Vorabend der weiteren Intensivierung des Wettbewerbs durch unsere nördlichen, östlichen und südlichen Nachbarn eine enorme Herausforderung", so Grinschgl.

Wenn in Graz im kommenden Jahr also der Testbetrieb für die TV- und Kommunikationszukunft beginnt, wird diese Herausforderung zum ersten Mal auch in der Praxis angenommen.

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