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Freier Zugang zu den Quellen

Der Software-Riese Microsoft hat ein Monopol. Doch schön langsam bekommt er Konkurrenz: Entwickler auf der ganzen Welt basteln seit Jahren an allgemein zugänglichen Programmen.

Ein Problem ist aufgetreten. Das Programm musste beendet werden", informiert der Computer freundlich, bevor er das Fenster von Microsoft Word samt dem geschriebenen Text vor den Augen des Anwenders verschwinden lässt. Eine Erfahrung, die nicht nur beim Laien das Gefühl von Hilflosigkeit auslöst. Auch fachkundige Informatiker stehen kommerzieller Software mit gebundenen Händen gegenüber: Sie können Fehler, die unvermeidlich in jedem größeren Programm vorkommen, nur beheben, wenn sie Zugang zum Quellcode, dem in Programmiersprache geschriebenen und für den Menschen lesbaren Text eines Programms, haben. Proprietäre Software wird jedoch von den Herstellern nur in Form eines maschinenlesbaren Binärcodes ausgeliefert. Restriktive Lizenzmodelle gewähren außerdem nur ein eingeschränktes Nutzungsrecht. Lange Zeit gab es bedingt durch die Monopolstellung Microsofts zumindest für Laien keine Alternative. Doch seit einigen Jahren macht nun schon die so genannte Open Source Software (oss) immer mehr von sich reden.

Freier Zugang

Open Source oder auch Freie Software definiert sich nicht etwa dadurch, dass sie nichts kostet, ganz nach dem Motto "Freibier für alle", sondern durch bestimmte Kriterien, denen sie zu entsprechen hat: Abgesehen vom freien Zugang zum Quellcode darf diese Software beliebig kopiert, weitergegeben und genutzt werden. Vor allem darf sie auch verändert und in dieser Form verbreitet werden. Um diese Freiheiten auch zu gewährleisten, gibt es eigene Lizenzmodelle unter denen oss vertrieben wird.

Das prominenteste Beispiel für oss ist mit Sicherheit Linux, eine Betriebsystem-Kern, in dem die Prozess- und Datenorganisation festgelegt sind und auf dem alle weiteren Softwarebestandteile aufbauen. Die erste Linux Version ist 1991 von dem finnischen Studenten Linus Torvalds herausgegeben worden.

Lizenzvertrag für Freiheit

Die Ursprünge von oss liegen allerdings schon weiter zurück. Als Mitte der 60er die kommerzielle Vermarktung von Software einsetzte, entwickelten sich die Quellcodes der Programme zu den best gehüteten Geheimnissen der Branche. Fehlerentfernung, Anpassung und Weiterentwicklung von Programmen hingen ab sofort ausschließlich vom Software-Produzenten ab. Mit dieser Entwicklung unzufrieden begann Richard Stallman, damals Mitarbeiter am mit (Massachusetts Institute of Technology), Anfang der 80er das freie Programmpaket gnu zu entwickeln, das heute noch mit Linux zusammen als Betriebssystem eingesetzt wird. Um zu verhindern, dass andere Entwickler seine Arbeit als proprietäre Produkte weiterverkaufen, stellte Stallman gnu unter die von ihm entwickelte General Public License (gpl). Abgesehen von dieser Lizenz, die in ihrer Radikalität nicht immer praktikabel ist, gibt es noch andere Modelle, wie die Berkeley Software Distribution (bsd), die auch in kommerzielle Systeme eingebunden werden kann.

Längst sind Open Source Programme keine bloße Spielerei von Informatik-Freaks mehr und gewinnen zusehends Anwender unter Privatleuten, Firmen und öffentlichen Verwaltungen. So beschloss vor einigen Jahren die Stadtverwaltung Münchens gänzlich auf Linux umzusteigen. In Wien arbeitet man sogar schon seit 1989 mit Open Source Produkten, allerdings zunächst nur im Server Bereich. Am Arbeitsplatz sei Linux bis vor kurzem aus Mangel an vernünftigen Programmalternativen zu Microsoft Office nicht praktikabel gewesen, so Erwin Gillich, Leiter der städtischen edv-Abteilung Wiens. Mittlerweile gibt es aber mit Programmen wie zum Beispiel OpenOffice.org, eine ernst zu nehmende Alternative. In Wien setzt man allerdings auf eine sanfte Migration und überlässt den Abteilungen die Wahl zwischen den Produkten.

Die Vorteile von oss sieht Gillich vor allem in der Unabhängigkeit vom Hersteller, wenn es um den Preis oder darum geht, Fehler zu beheben und Anpassungen an spezielle Bedürfnisse vorzunehmen. oss zeichnet sich außerdem durch ihre hohe Qualität und Sicherheit aus: Da der Quellcode offen liegt, können die Programme nicht wie proprietäre Software auf Sicherheit durch Geheimhaltung bauen. Der offene Quellcode ermöglicht auch, dass Fehler dank der großen Entwicklergemeinde, dieweltweit durch das Internet verbunden ist, sehr rasch aufgespürt und behoben werden können. Ein starkes politisches Argument für oss ist in den Augen Gillichs auch der volkswirtschaftliche Aspekt: "Es gibt keinen Kapitalabfluss aus dem eu-Wirtschaftsraum in Form von Lizenz-Gebühren bei gleichzeitiger Förderung der lokalen Wertschöpfung", denn profitieren würden vor allem kleine und mittlere Betriebe, die vor Ort Dienstleistungen übernehmen können.

Kein Kapitalabfluss

Dass bei all diesen Vorteilen Linux und Co nicht schon längst Microsoft seine Vormachtstellung streitig gemacht haben, liegt sicher auch daran, dass in vielen Bereichen nach wie vor ausgereifte Produkte fehlen. Nicht von der Hand zu weisen ist auch, dass oss, bedingt durch ihre Entwicklungsmechanismen, oft nicht benutzerfreundlich genug ist. Wozu sollte zum Beispiel ein Informatiker, der in seiner Freizeit ein Programm bastelt, drei Wochen Arbeit für das Programmieren einer grafischen Benutzeroberfläche verschwenden, wenn er diese selber nicht benötigt, fragt Bernd Petrovitsch, Obmann des Vereins luga (Linux User Group Austria): "Die meisten Techniker wollen ein System, das funktioniert und keine bunten herumhüpfenden Maskottchen". Allerdings gibt es mittlerweile auch im Bereich der grafischen Benutzeroberfläche Produkte, die eine einfache Handhabung ermöglichen.

Hohe Einstiegshürden

Um in Zeiten, als es noch keine graphisch perfekten Installations cds für Linux gab, Anfängern den Einstieg zu erleichtern, gab es bis vor einigen Jahren in den meisten Linux Communitys so genannte Install-Partys, bei denen Neulingen Hilfe bei der Installation der Systeme erteilt wurde. Seitdem Linux mehr Breitenwirkung erzielt, gibt es auch kommerzielle Distributionen, wie zum Beispiel Red Hat, die ganze Softwarepakete zusammenstellen und mit einer Anleitung ausgestattet verkaufen. Auch Computer-Hersteller wie ibm setzten immer mehr auf Open Source Lösungen und bieten bereits Geräte mit vorinstalliertem Linux an.

Die Konkurrenz in der Software-Branche ist für den Konsumenten sicher gut. Aber trotz aller Zuversicht kann man angesichts mancher Einschätzungen, die oss in Zukunft einen maximalen Marktanteil von 10 Prozent voraussagen, kaum von einer ernstzunehmenden Bedrohung des Giganten Microsoft sprechen. Und dennoch: Gänzlich in Sicherheit scheint man sich dort nicht zu wiegen, sonst würde wohl kaum Microsoft-Chef Steve Ballmer Linux als ein alles befallendes "Krebsgeschwür" bezeichnen und Bill Gates es nicht der Mühe wert empfinden, sich auf Lobyying-Tour durch Europa zu begeben.

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