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Gefährliche Liebschaft

"Gefahr und Begierde": Otto Friedrich über eine großartige Obsessionsgeschichte in Schanghai anno 1942. Interview mit Regisseur Ang Lee über den Film, mit dem er heuer in Venedig den Goldenen Löwen gewann.

Patriotismus gepaart mit epischer Breite: Solche Mischung kommt auch im heutigen Reich der Mitte gut an. Vielleicht war das der Grund dafür, dass der gebürtige Taiwanese Ang Lee, der mit seinem letzten Epos, dem schwulen Western "Brokeback Mountains", vor zwei Jahren den Goldenen Löwen und den Regie-Oscar einheimste, nun zu seinen Wurzeln zurückkehrt: "Gefahr und Begierde" thematisiert die japanische Besetzung Chinas und siedelt dort eine Obsessionsgeschichte zwischen Begehren und politischem Verrat an: Schanghai, anno 1942. Die Japaner sind die Herren Chinas. Herr Yi, Kollaborateur und Chef des Geheimdienstes, verguckt sich in die hübsche Wang Jiazhi. Sie geraten aneinander in fast unausweichlich scheinender Begierde - Liebe, Lust, Obsession, Schein und Wirklichkeit purzeln in dieser Beziehung nur so durcheinander.

Wang Jiazhi, die sich in den Zirkel gehobener Damen rund um Frau Yi, die Gattin des Geheimdienstchefs, Zugang verschafft hat, gehört einer Widerstandgruppe an. Sie soll Herrn Yi mit den sexuellen Waffen einer Frau in eine Falle locken. Aus dem erotischen Spiel wird bitterer politischer Ernst, doch wo die Liebe die Obsession durchdringt, gilt Agitation nicht mehr so viel, wie die Strategen der Widerstandsgruppe gerne hätten. Am Ende ist nicht nur eine tragische Beziehung gewaltsam zerbrochen, sondern muss der mächtige Geheimdienstchef erkennen, dass nicht er, sondern das System, auf das er sich eingelassen hat, über Sein und Nichtsein bestimmt.

"Gefahr und Begierde" ist die Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte der US-chinesischen Autorin Eileen Chang (1920-95), die Ang Lee als große und großartige Liebesgeschichte in den fernöstlichen Wirren des Zweiten Weltkriegs umgesetzt hat. Dafür gebührte ihm in Venedig zu Recht der zweite Goldene Löwe binnen zweier Jahre. Unterstützt wird er von der ersten Riege chinesischer Schauspielkunst: Tony Leung gibt die Rolle des Herrn Yi unübertrefflich, Tang Wei ist ihm als Wang Jiazhi ebenbürtig und auch Joan Chen als Frau Yi gebührt weit mehr als eine lobende Erwähnung.

GEFAHR UND BEGIERDE

Se Jie - Lust, Caution

China/USA/Taiwan/HK 2007. Regie: Ang Lee. Mit Tony Leung, Tang Wei, Joan Chenm. Verleih: Tobis. 156 Min.

Die Furche: Mister Lee, warum haben Sie sich dafür entschieden, einen Film über ein historisches Thema zu drehen?

Ang Lee: Ich bin in einer patriotischen Welt mit großen Illusionen aufgewachsen. In "Gefahr und Begierde" geht es um die sexuelle psychologische Sichtweise einer jungen Frau, die ich so zuvor noch nie in der chinesischen Literatur gesehen habe. Dem Film liegt eine kurze Geschichte zugrunde, die nur aus 28 Seiten besteht, aber in ihrer Kürze ist sie sehr kontroversiell. Im Zentrum steht ein gutes Mädchen, das den Job eines "Bad Girls" übernehmen muss. Die Zuschauer sollten sich allerdings überraschen lassen, denn in meinem Film ist nicht klar, wer der Gejagte ist, und wer der Jäger.

Die Furche: Nach Ihren Erfolgen in den USA - von "Mission Impossible" bis zu "Brokeback Mountain" - haben Sie diesen Film in China gedreht. Warum diese "Rückkehr"?

Lee: Ich sehe das nicht als Rückkehr, sondern folge bloß meinen Wünschen. Ich sehe mich ein bisschen als Außenseiter, egal, wo ich meine Filme drehe. Ob das nun in Taiwan ist oder in den USA. Außenseiter zu sein ist Teil meiner Identität. Mich hat an diesem Film interessiert, dadurch meine kulturellen Wurzeln wieder zu finden. Filmemachen berührt mich im Herzen, ich habe dabei niemals die Absicht, internationale Erfolge zu produzieren. Ich arbeite stets mit einem internationalen Team, bestehend aus Chinesen, Franzosen oder Mexikanern. Geschnitten wird der Film in New York. Meine Filme haben keine Nationalität, darüber denke ich nicht nach. Meine Arbeit kennt keine Heimat.

Die Furche: Warum haben Sie sich für explizite Sexszenen entschieden?

Lee: Bei Sexszenen könne Schauspieler zeigen, was sie wirklich können. Sexszenen sind der ultimative Job für Schauspieler. Hier dominiert die Körpersprache, und meine beiden Darsteller machen das unglaublich gut: Sehr sensibel, furchteinflößend und sehr real.

Die Furche: Wie ist die Stimmung am Set beim Dreh solcher Szenen? Wie schaffen Sie Vertrauen zu den Darstellern?

Lee: Die Charaktere, die meine Schauspieler spielen, und ihre Entwicklung im Film muss die ganze Zeit über in ihren Köpfen sein, auch während der Sexszenen. Das ist ein ernster Schauspieler-Job. Sie kommen mit einer ganz klaren Vorstellung der Szene zum Set und diskutieren diese dann mit mir. Während des Drehs achte ich darauf, dass nicht mehr als vier Crewmitglieder im Raum sind.

Die Furche: Wie wichtig war der realpolitische Hintergrund bei "Gefahr und Begierde"?

Lee: Natürlich hatte ich die Geschichte im Kopf, jedoch merkte ich schnell, dass die meisten Menschen außerhalb Chinas von der Geschichte nichts wussten. Deshalb versuchte ich nun, den geschichtlichen Hintergrund so einfach und reduziert wie möglich darzustellen, damit das westliche Publikum auch wirklich alles versteht, was da vor sich geht. Details würden das Publikum nur verwirren und dem Film schaden. Speziell die Amerikaner kapieren Dinge auch dann nicht, wenn man es ihnen schon dreimal erklärt hat. Ich weiß nicht, weshalb das so ist.

Das Gespräch führte Matthias Greuling beim Filmfestival in Venedig, wo Ang Lee für "Gefahr und Begierde" den diesjährigen Goldenen Löwen gewann.

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