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Qualitätsjournalismus und Presseförderung

DISKURS
Presse - © Foto: Pixabay

Gerfried Sperl: „ Qualitätszeitungen müssen am Menschen bleiben“

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Ein Chefredakteur muß heute auch Diskussionen organisieren und im Fernsehen auftreten können: Gerfried Sperl über Zeitungen, Journalismus und (Medien-)Politik.

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Ein Chefredakteur muß heute auch Diskussionen organisieren und im Fernsehen auftreten können: Gerfried Sperl über Zeitungen, Journalismus und (Medien-)Politik.

Die Furche: In Norwegen, so ergab kürzlich eine Untersuchung, hat wegen des Internets das Zeitunglesen wieder zugenommen. Keine Rede davon, dass das Internet der Tod der Zeitung wäre. Teilen Sie diesen Befund?

Gerfried Sperl: Beides ist richtig. Das Internet erschließt einerseits neue Leserschichten. Nach unseren Erfahrungen müssen wir aber auch sagen, dass etwa auf dem Universitätssektor wegen des kostenlosen Internetzuganges Abonnements abbestellt werden. Eine Zeitung muss sich hier neu profilieren, indem sie einfach mehr und anderes bietet als das Internet. Außerdem entwickelt sich das Internet sich ja nicht in Richtung Zeitung, sondern es ist im Grunde eine Mixtur von Teletext und Fernsehen, die aber viel mehr kann: Die Bedrohung fürs Fernsehen durch das Internet ist viel größer als die Bedrohung für Printmedien.

Die Furche: Wie verändert das Internet eine Zeitung?

Sperl: Das Internet kreiert einen anderen Journalismus, über die Chats, über die schnellen Interventionen, die hier möglich sind, über die kurzen Meldungen. Ich glaube nicht, dass das Internet für ganz lange Texte geeignet ist - wiewohl man Dokumentationen herunterladen kann. Die Zeitung wird sich verändern müssen - stärker weg von der Aktualität: Die wird es zwar nach wie vor geben; aber dann muss eine Zeitung mit hoher Qualität - an Recherche, an Verständlichkeit - und journalistischen Varianten - Reportagen, Feuilletons, Analysen - versuchen, ihre Leser zu halten.

Die Furche: Ist das eine Abkehr vom langjährigen Trend, nach dem die Beiträge immer kürzer werden mussten und lange Artikel verpönt waren?

Sperl: Ja. Es wird weiterhin einen Mix geben von kurzen und längeren Beiträgen, aber der Trend geht wieder zu den längeren. Außerdem zeichnet sich eine stärkere Selektion bei den Printmedien ab. Die "Unterhaltungsmedien" werden sich auf dem Printsektor in Richtung Qualität entwickeln. Gleichzeitig werden die Boulevardmedien bei den sozial Schwächeren weiter einen großen Leserkreis erreichen, weil diese noch lange nicht großflächig aufs Internet umsteigen werden. Die Unterhaltungsmedien werden außerdem, solange es möglich ist, sich auf kommentierte Bildbotschaften konzentrieren und auf die Möglichkeiten des Wechsels von Text und Grafik.

Die Furche: Werden aber auch Qualitätszeitungen nicht immer "boulevardesker"?

Sperl: Nein. Doch auch Qualitätszeitungen müssen - was den Boulevardzeitungen oft gelingt - am Menschen bleiben. Qualitätsmedien, die glauben, Qualität entsteht dadurch, dass sie in die Theorie entschwinden, liegen falsch. Nehmen Sie die Geschichte ums kubanische Flüchtlingskind Elian: Hier ist es Aufgabe des Qualitätsmediums, zwar auch eine Reportage über den Buben zu bringen, aber dann sehr präzis die Hintergründe aufzuzählen. Ein Boulevardmedium würde vermutlich in der heißen Reportage verbleiben.

Die Furche: Und in Ihrer Internet-Ausgabe: Machen Sie da nicht doch viel Boulevard?

Sperl: Das Internet geht sicher mehr in die "Breite" als die Zeitung selbst, etwa wenn wir Chats mit Fußballtrainern oder ähnliches anbieten. Aber auch im Internet finden unsere "traditionellen" Chats zu Themen wie Raubkunst oder Rechtsradikalismus statt. Generell gilt, dass das Internet einfach viel flexibler ist. Der "Content" unserer Internet-Ausgabe besteht nur mehr zu einem Viertel aus dem Inhalt der Zeitung.

Die Furche: Auch Ihre Zeitung steht in Konkurrenz zu anderen Medien: Das Wettrennen um Aktualität und Exklusivität betrifft auch Sie. Hat diese Entwicklung Einfluss auf die Qualität?

Sperl: Schon. Aber das ist auch ein Wechselspiel mit der wirtschaftlichen Situation: Seit dem EU-Beitritt und der wirtschaftlichen Konjunktur haben wir ein größeres Anzeigenaufkommen, sodass wir mehr Leute beschäftigen können. Um aber die Qualität europäischer Tageszeitungen zu erreichen, würden wir ein Dutzend mehr Leute brauchen. Und die können wir nur dann beschäftigen, wenn wir wirtschaftlich stärker werden. Also auch davon hängt die Qualität der Recherche und der Beiträge ab. Und schließlich: Die Qualität der Zeitungen ist auch davon bestimmt, ob Demokratie und Wirtschaft funktionieren.

Die Furche: Hat Österreich zu viele Qualitätszeitungen?

Sperl: Im Grunde sind wir ja auf zwei Qualitätszeitungen konzentriert: den "Standard" und die "Presse". Wenn ich vergleiche, so orientieren wir uns mehr an Zeitungen wie dem englischen "Guardian", während die "Presse" eher den französischen "Figaro" im Blick hat - wenn auch munterer gemacht. Wenn die wirtschaftliche Entwicklung in Österreich weiter so bleibt, so können wir uns zwei Qualitätszeitungen locker leisten. Natürlich enthält auch der "Kurier" Qualitätselemente, und die "Salzburger Nachrichten" gehören ebenfalls zu den qualitätsvollen Zeitungen.

Die Furche: Armin Thurnher, der Chefredakteur des "Falter", charakterisiert den medialen Strukturwandel, indem er sagt, dass Medien heute zwar noch aussähen wie Medien, sie hätten sich aber in Geschäftsunternehmen verwandelt. Und an die Stelle des politisch-kulturell denkenden Chefredakteurs träte heute ein "Redaktionsmanager" ...

Sperl: Wenn Sie den Ehrgeiz, gemeinsam mit der Hamburger "Zeit" und der polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" eine Diskussion über Rechtsextremismus in Europa zu veranstalten (wie wir das im Juni tun), als "Redaktionsmanagement" bezeichnen, dann bekenne ich mich dazu. Vor 50 Jahren hat halt noch kein Chefredakteur Diskussionen organisiert, das Anforderungsprofil ist da über gutes Schreiben und relativ passable Menschenführung nicht hinausgegangen. Jetzt muss man in der Öffentlichkeit auftreten können, man muss auch das Image einer Zeitung so managen können, dass es international relevant ist. Was unter den Chefredakteuren zunimmt, ist "Networking" - sich international umzutun: Nur dann, wenn man jene Leute kennt, die etwas zu sagen haben, kann man sie zu einer Diskussion nach Wien einladen.

Die Furche: Printmedien wird vorgeworfen, sie hätten nicht mehr den Leser im Blick, sondern ihre Anzeigenkunden. Insofern ein Medium viele Inserate will, schreibt es dann so, dass es viele Leser hat ...

Sperl: Das sehe ich nicht so. Wenn wir zum Beispiel eine Stärke bei den Job-Inseraten haben, dann kommt die aus einer bestimmten Kompetenz und aus der Verankerung der Zeitung in einer Topschicht des Landes. Und eine Zeitung hat einen Anspruch, etwa: die publizistische Realisierung der Menschenrechte. Dem ist zur Durchsetzung zu verhelfen. Ich muss jedoch darüber hinaus schauen, wie das Leben spielt: Da ist es auch wichtig, sich beispielsweise darum zu kümmern, welche Reste autoritären Denkens es in der österreichischen Bevölkerung gibt, oder wie sich religiöses Denken in einer Bevölkerung entwickelt.

Die Furche: Nun zur politischen Situation und der Rolle von Zeitungen - etwa beim Aufstieg des Jörg Haider. Ein Beispiel: Jörg Haider fordert, Österreich solle aus der EU austreten. Es liegt da durchaus im "Quoten"-Interesse oder wirtschaftlichen Interesse von Medien, dass sie solche Sager weiterverbreiten.

Sperl: Das überdimensionierte Interesse von Zeitgeist-Medien - aber in der Phase seines Aufstiegs auch der Tageszeitungen - an den Haider-Sagern haben ihm durchaus genützt. Gleichzeitig gibt es eine mediale Primärschuld: Jörg Haider hat einiges geleistet, er hat Skandale - die hohen Gehälter in der Nationalbank, die Privilegien in der Arbeiterkammer ... - aufgedeckt: Das hätten wir Journalisten tun sollen! Jörg Haider hat hier Fehler des Journalismus benützt, um sich in Szene zu setzen: Mit Recht! Daher gibt es hier eine gemischte Verantwortung. Aber Jörg Haider hat auch ein besonderes Talent, er ist - um Armin Thurnher zu zitieren - ein "Popstar" der österreichischen Politszene, an dem vor allem die Zeitgeistmedien nicht vorbeikommen ...

Die Furche: ... und ein Qualitätsmedium ...

Sperl: ... zum Teil auch nicht. Aber wir machen doch nicht jeden zweiten Tag mit Jörg Haider auf!

Die Furche: Inwieweit versuchen Anzeigenkunden, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen? Es gibt Klagen, dass die Grenze zwischen Redaktion und Public Relations immer mehr verschwimmt.

Sperl: Wenn man wirtschaftlich stark ist, kann man das aushalten. Wir haben erst kürzlich hohe Inseratenstornos einer Genussmittelfirma gehabt wegen des Ergebnisses eines unserer Tests im "Album": Qualitätsmedien lassen sich von den Wünschen der Inserenten nicht beeinflussen - und sind dabei immer wieder als Sieger hervorgegangen.

Die Furche: In den Qualitätsmedien findet diese Verwischung zwischen PR und Journalismus nicht statt?

Sperl: In den Qualitätstageszeitungen, die ich überblicke, ist diese Trennung einigermaßen sauber. Was wir tun, ist, "Umfelder" zu schaffen, um Inserenten anzulocken (aber das machen Sie ja auch in der furche!). Wer sagt, das sei Korruption, endet bei der wissenschaftlich-literarischen Monatszeitung.

Die Furche: Bleibt die Frage nach der Medienpolitik in Österreich: Was erwarten Sie da?

Sperl: Die Politik soll endlich die Presseförderung beenden und statt dessen eine gute Vertriebsförderung machen: Das Angebot soll fair an die Leute kommen. Daneben sollte es eine Korrespondentenförderung geben oder eine Förderung von Beilagen.

Die Furche: Müsste man nicht - angesichts der Medienkonzentration auf dem Printsektor, den ja die Mediaprint dominiert - endlich auch das Kartellrecht angehen?

Sperl: Da hätte man längst etwas tun müssen, aber man traut sich nicht - wegen der Macht des Herrn Dichand. Aber wenn die Politik in der Lage wäre, eine Vetriebsstruktur zu forcieren, die eine faire Form der Hauszustellung auch für kleinere Medien ermöglicht, dann wäre mir das Kartell eigentlich ziemlich egal.

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