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Grizzly & Co drängen in den Äther

1945 1960 1980 2000 2020

Seit 1. April können in Österreich 43 Lokalradios auf Sendung gehen. Wieviele Stationen aber wirklich den Betrieb aufnehmen, war auch knapp vor dem Stichtag noch unklar. Und fraglich ist, ob die neuen Radios wirtschaftlich überleben können.

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Seit 1. April können in Österreich 43 Lokalradios auf Sendung gehen. Wieviele Stationen aber wirklich den Betrieb aufnehmen, war auch knapp vor dem Stichtag noch unklar. Und fraglich ist, ob die neuen Radios wirtschaftlich überleben können.

Im vergangenen November war das spannende Tauziehen um die Vergabe der ersten österreichischen Privatradiolizenzen zu Ende. Mehr als 400 Anbieter hatten sich, vom kleinen Lokalzeitungsmacher bis zu finanzkräftigen Medienkonzernen, um die begehrten Radiofrequenzen beworben, und seit 1. April können neben den zehn bundeslandweiten Regionalsendern auch die in der technischen Reichweite schwächeren 43 Lokalstationen auf Sendung gehen. Während im Vorfeld der Lizenzenvergabe der Konkurrenzkampf besonders zwischen den regionalen Anbietern schon auf Hochtouren lief, wird für die kleineren Lokalanbieter der Ernst des Radiolebens und der wirtschaftliche Überlebenskampf erst beginnen.

In Deutschland waren nach der Radioliberalisierung Anfang der achtziger Jahre zahlreiche Studios gezwungen, aufgrund finanzieller Probleme wieder zu schließen. Nun stellt sich auch in Österreich die Frage, ob der Betrieb für die Privatsender zum Erfolg oder zum halsbrecherischen Abenteuer wird. Vorläufig ist der Optimismus der Radiomacher jedoch noch ungetrübt. Mit dem Erfolgsrezept des Regionalsenders "Antenne Steiermark", seit 1995 bereits auf Sendung, hoffen auch die zukünftigen Lokalradio-Betreiber positiv zu bilanzieren, da die österreichweite oder bundeslandweite Hörfunkwerbung gerade für lokale Kunden unerschwinglich ist.

Gemüsehändler, Bäcker, Fleischhauer usw. hätten jetzt die Möglichkeit, neben den Bezirksblättern, auch in den Lokalsendern zu werben, und manche Betreiber erhoffen sich von den lokalen Werbeeinschaltungen das große Geld. Allgemein spekuliert man damit, dem ORF ein großes Stück vom Werbekuchen abschneiden zu können. So sind fürs erste die Motivationen unter den lokalen Anbietern sehr groß, und die, die nicht schon auf Sendung sind, arbeiten an der Inbetriebnahme ihrer Stationen.

Seit gestern ist beispielsweise "Radio Grizzly Osttirol", Lizenzinhaber ist zu 50 Prozent der ehemalige Schistar Werner Grissmann, auf Sendung. Das Studio ist im "Dolomitencenter" in Lienz beheimatet. Grissmanns Motivationen ein Radio zu betreiben, haben ihren Ursprung in der mangelnden allgemeinen Information über die Gegend. "Mir war ,Ö3' zu wenig", meinte er dazu.

Buntes Radiotreiben Das Programm wird im Lienzer Talboden/Sillian und im Iseltal zu hören sein. Probleme hatten die Betreiber vor allem mit der topographischen Lage, für die zehn bis zwölf Sendeanlagen nötig sein werden, und von denen sich noch einige im Bau befinden. Im Programm wird man den Schwerpunkt in erster Linie auf Osttirol setzen und mit einem "anderen Programmformat als ,Ö3'" starten: volkstümlich und modern für alle Bevölkerungsschichten - vormittags für die Hausfrau, nachmittags für die Kids, mit selbst produzierten und zugekauften Lokalnachrichten und Comedy. Bei der Werbung hofft die "Radio Grizzly"-Mannschaft mit zunächst 45 Minuten pro Tag auszukommen. Erlaubt sind 90 Minuten. In Planung befindet sich auch ein Hörerservice, der Wetterbericht, Lawinen- und Radarwarnungen beinhalten wird.

Währenddessen bereiten sich auch in der Steiermark sieben Lokalanbieter auf den Sendebetrieb vor. Ein über die Landesgrenzen hinaus bekannnter Kulturveranstalter in Stainach, das "CulturCentrum Wolkenstein", versucht mit einem Kunst- und Künstlerradio eine Alternative zu den übrigen lokalen Popradios zu bieten. Unklar soll die Finanzierung des Senders sein, der sich der Werbung nicht verschließen wird können und politisch unabhängig sein möchte. Man rechnet damit, Mitte des Jahres oder im Herbst auf Sendung gehen zu können. Dagegen hat das nicht weit entfernte "Mur-Mürz-Radio" andere Probleme. War die Antragstellerin zu 100 Prozent die Sparkasse Bruck/Mur-Kapfenberg, so wurde nach der Lizenzerteilung die Beteiligung der Raiffeisenbank Bruck zu 49 Prozent bekanntgegeben. Näheres wußte man über diesen merkwürdigen Zusammenschluß nicht, da die Verantwortlichen zu keiner Stellungnahme bereit gewesen waren.

Von derlei Betriebsamkeit ist bei den lokalen Betreibern im benachbarten Bundesland Kärnten noch nicht viel zu spüren. Die "Radiofreunde Radenthein" wissen zwar, daß sie auf Sendung gehen möchten, bisher soll man sich aber noch nicht einmal über den Namen des Senders im klaren sein. Alleiniger Gesellschafter ist der Verein Radiofreunde Radenthein. Für den Vereinsobmann Oswald Wieser war die Lizenzvergabe eine große Überraschung, und er fühlte sich damit überrumpelt. Das Programm der Radiofreunde wird voraussichtlich nur im Gegendtal zu hören sein. Das dazugehörige Studio und die Sendeanlage dürften aber noch nicht vorhanden sein. Jedenfalls möchten die Betreiber ein Kommunikationszentrum, so wie es früher der Dorfplatz war, schaffen.

Weniger erfreut soll der in der gleichen Stadt ansässige Elektrohändler Gerhard Reiner sein, der, wie soviele andere erboste Bewerber in ganz Österreich, Einspruch gegen seine Lizenzablehnung erhoben hat. Angeblich ist Reiner in Bad Kleinkirchheim an der Bad Kleinkirchheimer SAT-Kabelfernsehen GesmbH beteiligt: er hätte auch im Kabelradio Programm machen können. Für ihn ist der Kampf um die Radio-Frequenz noch nicht entschieden, denn der Verfassungsgerichtshof hat im März den Dutzenden Einsprüchen gegen die Radio-Lizenzvergabe zwar keine "aufschiebende Wirkung" eingeräumt, die Aufhebung von Lizenzentscheidungen ist dennoch nicht ausgeschlossen.

Wenigstens können die Sender, zwar um Jahre verzögert, engültig starten. Und wenn die einzelnen Radioanbieter - was Größe, Wirtschaftskraft und Programm betrifft - kaum vergleichbar scheinen, so wird sich in den nächsten Monaten ein, je nach Ort unterschiedliches, buntes Radiotreiben breitmachen. Ob die publizistische Vielfalt, die durch die Radioliberalisierung, wie sie in Österreich jetzt endlich stattfindet, möglich ist, nach dem Abflauen des Anfangselans der Radiogründer weiter anhalten wird, steht auf einem anderen Blatt.

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