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Guter, böser Cyberspace

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Die Suche nach ethischen Leitlinien und Rechtsnormen fürs Internet geht weiter

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Die Suche nach ethischen Leitlinien und Rechtsnormen fürs Internet geht weiter

Du sollst deinen Computer nicht dazu benützen, anderen zu schaden. Du sollst keine Software kopieren, für die du nicht bezahlt hast. Und: Du sollst über die Konsequenzen derjenigen Programme nachdenken, die du schreibst. - Diese drei von insgesamt zehn Geboten des Instituts für Computer-Ethik in Washington sprechen die eine, die Realität eine andere Sprache: Computer-Kriminalität nimmt rapide zu. Allein im Vorjahr waren zweistellige Zuwachsraten bei Kreditkarten-Betrügereien zu verzeichnen, die Zahl rechtsextremer Homepages stieg von 400 auf mehr als 800. Auch die Interpol-Meldestelle für Kinderpornographie schlägt Alarm: So erhielt man im vergangenen Jahr 1.700 einschlägige Hinweise, rekapituliert Markus Bauer, einer der drei Mitarbeiter der Meldestelle. Selbstmorde nach dem Besuch von Suizid-Chatrooms und die (inzwischen untersagte) Internet-Übertragung der Hinrichtung von Oklahoma-Attentäter Timothy McVeigh sorgen zudem für Aufregung.

Ist es überhaupt möglich, in der virtuellen Welt Grenzen zu setzen? Schwerlich, gesteht Bauer: "Das ist einfach nicht kontrollierbar. Wenn man einen illegalen Inhalt findet und der Server sitzt in China, stehe ich an." Während das Expertenkomitee "Verbrechen im Cyberspace" an einer Europarats-Konvention tüftelt, die Straftatbestände wie Kinderpornographie und Hacking vereinheitlichen oder Computerüberwachung erleichtern soll, beklagen Datenschützer einen Verstoß gegen die Menschenrechte. Internetkritiker wie Anton Kolb, emeritierter Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz, sehen dagegen in solchen Vorhaben ihre Forderung nach einem Ende des "rechtsfreien Raumes" im Internet bestätigt. Im Buch "Die Fluchtgesellschaft im Netz. Neuer Ethik-Kodex für das Internet" (LIT Verlag, Münster/Hamburg/London 2001) fordert Kolb "ordnungspolitische Vorkehrungen, um unsere Freiheit zu retten". Filterprogramme müssten installiert, Selbstregulierungsmaßnahmen von Seiten der Provider verstärkt werden. Forderungen, die teilweise realisiert sind. So hat "ISPA", ein freiwilliger Zusammenschluss von 184 österreichischen Internet-Anbietern, seine Mitglieder zur Einhaltung von Verhaltensrichtlinien verpflichtet. Dazu gehört auch die Meldung illegaler Seiten. "Eine völlige Kontrolle kann ein Provider über seine Inhalte aber nie haben", gibt ISPA-Generalsekretär Kurt Einzinger zu bedenken. Man sei auf Hinweise von außen angewiesen, etwa an die Meldestelle www.stopline.at.

Ein Grundproblem in der Begegnung mit Cyberkriminalität sei "fehlendes Unrechtsbewusstsein", ist Christoph Kaindel von Netbridge, der Koordinierungsstelle für Informations- und Kommunikationstechnologien in der außerschulischen Jugendarbeit, überzeugt. Computer-Hacking oder illegales Herunterladen kostenpflichtiger Files werde von den Jugendlichen selten als Verbrechen empfunden. Im Umgang mit neonazistischen Seiten sei zudem Aufklärungsarbeit nötig. Fordert nun Anton Kolb angesichts der Fülle illegaler Inhalte zusätzliche ethische Kriterien für das Internet, so sieht der Grazer Fundamentaltheologe und Medientheoretiker Christian Wessely in Homepages mit strafbarem Inhalt nur einen "kleinen, gefährlichen Teilaspekt". "Die Frage ist nicht: Was sehen wir in den neuen Medien, sondern: Was machen sie mit uns?" Wesselys Vermutung: "Wir werden in eine ritualisierte Verhaltensweise zurückgedrängt, die natürlich dem menschlichen Bedürfnis nach Einfachheit entspricht. Doch sie geht auf Kosten dessen, was das spezifisch Menschliche ausmacht - die Individualität."

Indes erwartet man in nächster Zeit ein päpstliches Dokument zum Umgang mit dem Internet, stellt Thomas Böhm vom Institut für Praktische Theologie der Universität Innsbruck in Aussicht: "Die Frage ist nur, was kirchlicherseits ,in nächster Zeit' bedeutet."

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