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HIV Russland Kondom - © Foto: Benedikt Geyer / Unsplash
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HIV in Russland: Gegen die Scham

1945 1960 1980 2000 2020

HIV-Infizierte fallen in Russland durch alle Raster. Oft werden sie wegen ihrer Krankheit stigmatisiert. Wer es sich leisten kann, sucht eigene Wege in die Normalität - wie die 23-jährige Nadja.

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HIV-Infizierte fallen in Russland durch alle Raster. Oft werden sie wegen ihrer Krankheit stigmatisiert. Wer es sich leisten kann, sucht eigene Wege in die Normalität - wie die 23-jährige Nadja.

Nadja wiederholt es unentwegt: "Ich habe einfach Glück." Denn wer der 23 Jahre alten Frau nahe steht, akzeptiert sie so, wie sie ist: als Tochter, Schwester, Ehefrau. Infiziert mit dem HI-Virus. Das ist keine Selbstverständlichkeit in Russland. Die meisten HIV-Infizierten müssen sich verstellen und immer neue Notlügen erfinden, um die Krankheit selbst im engsten Familienkreis geheim zu halten.

"HIV gilt in Russland immer noch als die Krankheit der Aussätzigen", sagt Nadja. Viele Menschen verbinden damit Drogenmissbrauch und Prostitution. An Nadjas Arbeitsplatz, einem Vertrieb für Baustoffe, weiß niemand, dass sie HIV-positiv ist. "Man will die Leute ja nicht damit überrumpeln. Aber wenn mich einer fragt, werde ich nicht lügen", sagt die junge Frau. Sie hat ihre Infektion längst akzeptiert.

Das Virus ist in Russland längst ein Problem der Mehrheitsgesellschaft: Allein bei den staatlichen Anti-AIDS-Zentren ist eine Million HIV-positiver Menschen registriert. Im vergangenen Jahr meldete die Regierung 93.000 Neuinfektionen - also mehr als 250 pro Tag. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Zum Vergleich: In Deutschland gab es im vergangenen Jahr etwa 3000 Neuinfektionen.

HIV als verkannte Epidemie

"Niemand glaubt, dass es ihn treffen kann. Und niemand macht freiwillig einen HIV-Test", sagt Nadja. Sie selbst steckte sich bei ihrem ersten Freund an, obwohl sie von seiner Infektion wusste und über die Gefahren bestens informiert war. Nadja ist ausgebildete Sozialpädagogin, sie arbeitete damals mit HIV-positiven Menschen. "Das Kondom riss und ich war zu faul, Notfallmedikamente zu besorgen", erinnert sie sich. "Es waren Maifeiertage, alles hatte zu. Ich dachte, ich komme schon davon." Anfangs habe ihr diese Fehleinschätzung sehr zu schaffen gemacht. Heute weiß sie: "Man kann auch mit HIV ein normales Leben führen."

Nadja wiederholt es unentwegt: "Ich habe einfach Glück." Denn wer der 23 Jahre alten Frau nahe steht, akzeptiert sie so, wie sie ist: als Tochter, Schwester, Ehefrau. Infiziert mit dem HI-Virus. Das ist keine Selbstverständlichkeit in Russland. Die meisten HIV-Infizierten müssen sich verstellen und immer neue Notlügen erfinden, um die Krankheit selbst im engsten Familienkreis geheim zu halten.

"HIV gilt in Russland immer noch als die Krankheit der Aussätzigen", sagt Nadja. Viele Menschen verbinden damit Drogenmissbrauch und Prostitution. An Nadjas Arbeitsplatz, einem Vertrieb für Baustoffe, weiß niemand, dass sie HIV-positiv ist. "Man will die Leute ja nicht damit überrumpeln. Aber wenn mich einer fragt, werde ich nicht lügen", sagt die junge Frau. Sie hat ihre Infektion längst akzeptiert.

Das Virus ist in Russland längst ein Problem der Mehrheitsgesellschaft: Allein bei den staatlichen Anti-AIDS-Zentren ist eine Million HIV-positiver Menschen registriert. Im vergangenen Jahr meldete die Regierung 93.000 Neuinfektionen - also mehr als 250 pro Tag. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Zum Vergleich: In Deutschland gab es im vergangenen Jahr etwa 3000 Neuinfektionen.

HIV als verkannte Epidemie

"Niemand glaubt, dass es ihn treffen kann. Und niemand macht freiwillig einen HIV-Test", sagt Nadja. Sie selbst steckte sich bei ihrem ersten Freund an, obwohl sie von seiner Infektion wusste und über die Gefahren bestens informiert war. Nadja ist ausgebildete Sozialpädagogin, sie arbeitete damals mit HIV-positiven Menschen. "Das Kondom riss und ich war zu faul, Notfallmedikamente zu besorgen", erinnert sie sich. "Es waren Maifeiertage, alles hatte zu. Ich dachte, ich komme schon davon." Anfangs habe ihr diese Fehleinschätzung sehr zu schaffen gemacht. Heute weiß sie: "Man kann auch mit HIV ein normales Leben führen."

Tatsächlich bekommt jedoch weniger als ein Drittel der gemeldeten HIV-Positiven antivirale Medikamente.

Viele Ansteckungen bei Frauen hätten durch Kondome verhindert werden können, sagt Swetlana Isambajewa, die als Sozialpädagogin in der russischen Provinzstadt Kasan gegen das Virus kämpft. Sie hilft HIV-positiven Müttern, eine Behandlung zu organisieren - auch für ihre infizierten Kinder. In russischen Schulen sei Sexualerziehung leider ein Tabuthema, klagt Isambajewa: "Über die Ausbreitungswege wird selten gesprochen, noch seltener über Verhütung."

In vielen Provinzregionen sprechen Experten bereits heute von einer HIV-Epidemie. In der südrussischen Oblast Samara an der Wolga oder in der Oblast Swerdlowsk am Ural hat die HIV-Ausbreitung laut Gesundheitsministerium das sogenannte "generalisierte Stadium" erreicht -mehr als zwei Prozent der Schwangeren sind infiziert. Die Bedrohung einer landesweiten Epidemie ist längst Realität, warnt Russlands Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa.

Der russische Staat bemüht sich spätestens seit der Präsidentschaft von Dmitri Medwedew um die Eindämmung der Epidemie. Wer HIV-positiv ist, bekommt kostenlos Medikamente. Nach einem Test und Besuchen bei Fachärzten kann die Behandlung theoretisch beginnen. Tatsächlich bekommt jedoch weniger als ein Drittel der gemeldeten HIV-Positiven antivirale Medikamente.

Es sei oft ungemein schwierig, Menschen für eine Therapie zu gewinnen, sagt Sozialpädagogin Isambajewa. "Bis Symptome sich bemerkbar machen, kann es manchmal Jahre dauern. Viele glauben, sie kommen ohne Therapie davon." Ein großes Problem sei das Stigma, das der Krankheit anhaftet. Diskriminierend wirkt dabei nicht nur die Mehrheitsgesellschaft, die Betroffenen setzen sich auch selbst unter Druck: "Die Menschen werden von Scham und Schuldgefühlen geplagt. Viele fühlen sich wertlos, und sehen einen Ausweg darin, einfach nicht an die Krankheit zu denken", sagt Isambajewa.

Die Menschen werden von Scham und Schuldgefühlen geplagt. Viele fühlen sich wertlos, und sehen einen Ausweg darin, einfach nicht an die Krankheit zu denken.

Swetlana Isambajewa

Sie hat schon erlebt, dass ein Mann seine HIV-Infektion verschwieg, auf die Therapie verzichtete und seine ahnungslose Frau schwängerte. Die beiden haben nun ein HIV-positives Kind. Und dann gebe es noch die AIDS-Leugner. "Sie lesen lauter Mythen und Verschwörungstheorien im Internet, und lassen sich aus Überzeugung nicht behandeln", sagt Isambajewa.

Behandlung verwehrt

Solche Menschen bringen Nadja in Rage. "Wenn ihnen ihre eigene Gesundheit egal ist, schön und gut. Aber was ist mit den Kindern?" Sie und ihr Mann wollen Eltern werden. Nadja plant bereits ihre Schwangerschaft und nimmt vorsorglich Anti-HIV-Medikamente, obwohl sie im Moment wegen der geringen Konzentration der Viren im Blut noch keine braucht. Ihr Mann hat ebenfalls HIV, die beiden haben sich auf einer Online-Kontaktbörse für HIV-Positive kennengelernt. Anders als sie will er sein Foto und seinen Namen lieber nicht in der Zeitung sehen. "Er geht damit anders um als ich", sagt Nadja. Immerhin habe er sich nach der Infektion nicht von der Gesellschaft abgekapselt.

"Sehr viele Menschen suchen keinen Kontakt mit anderen Betroffenen, nicht einmal im Internet", sagt Nadja. Sie holten bestenfalls ihre Medikamente im HIV-Zentrum ab und schwiegen ansonsten über ihre Krankheit. Gerade solche Menschen bräuchten psychologische Betreuung, ist Nadja überzeugt. Doch die gebe es in Russland für HIV-Patienten kaum.

Die junge Frau engagiert sich in Moskau bei einer Selbsthilfegruppe für HIV-positive Frauen. Ein Dutzend von ihnen trifft sich jeden Freitag in den Räumen von "Schagi" ("Die Schritte"), einer HIV-Hilfsorganisation. Ein sicherer Ort für vertrauliche Gespräche. Selbst mit männlichen Medizinern oder Experten, die Nadja manchmal für Gastvorträge einlädt, tun sich die Frauen oft schwer. Viel Vertrauen haben sie nicht.

"Vor kurzem erzählte ein Mädchen in der Runde, dass sie keinen Gynäkologen findet. Die Ärzte lehnen die Behandlung ab, sobald sie von der HIV-Infektion erfahren", sagt Nadja. "Und wir reden hier von Moskau, nicht von irgendeinem Provinznest." In einer Studie der Selbsthilfeorganisation "Menschen mit HIV" berichteten 20 Prozent der Befragten, dass ihnen wegen ihrer Infektion der Zugang zur medizinischer Versorgung oder Beratung zur Familienplanung verwehrt wurde.

Fehlende Medikamente

Nadja selbst habe noch nie solche Diskriminierung erfahren, erzählt sie. "Aber ich habe eben Glück." Da ist es wieder, das Glück: Ihre HIV-Medikamente kann die 23-Jährige selbst bezahlen, genau wie die regelmäßigen Bluttests in einer Privatklinik. Etwa 50 Euro monatlich kostet die Therapie mit den aus Indien importierten Medikamenten im Moment. Die Summe entspricht einem Zehntel von Nadjas monatlichem Gehalt. Sie ist froh, nicht auf das staatliche Versorgungssystem angewiesen zu sein.

Dort gibt es nämlich seit Jahren immer wieder Engpässe und Versorgungslücken. So hat die NGO "Patientenkontrolle" seit Anfang des Jahres sechzig Beschwerden über fehlende Anti-HIV-Medikamente bekommen - allein aus der Region Moskau. Patienten werden zudem immer häufiger von teuren ausländischen Mitteln auf russische Medikamente umgestellt.

Die Folgen: neue Therapiepläne, neue Nebenwirkungen, und immer wieder die Gefahr von Medikamentenresistenzen durch häufige Umstellungen. Manche einheimischen Mittel seien einfach gefährlich, kritisierte unlängst Alexej Startschenko, Gesundheitsexperte und Mitglied des öffentlichen Beirats des Gesundheitsministeriums. So habe er Beschwerden von HIV-Patienten bekommen, die nach der Umstellung von ausländischen Medikamenten auf Produkte einer Pharmafabrik aus dem sibirischen Irkutsk Herpes bekamen.

Noch kann sich Nadja ihre Therapie leisten. Wenn ihr Körper nicht mehr in der Lage ist, die Infektion in Schach zu halten, wird sie neue, teurere Medikamente brauchen. Doch Nadja bleibt optimistisch: "Ich sage immer: Du hast HIV, nimm deine Tabletten, und werde hundert Jahre alt!"