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Höher, schneller, weiter

1945 1960 1980 2000 2020

Goldgräberstimmung dominiert die Telekom-Branche: Kühnste Prognosen werden von der Realität übertroffen, ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar.

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Goldgräberstimmung dominiert die Telekom-Branche: Kühnste Prognosen werden von der Realität übertroffen, ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar.

Wie schnell sich die Zeiten ändern. Als im August 1968 der Prager Frühling mit dem Einmarsch der Sowjettruppen abrupt endete, war der österreichische Bundeskanzler Josef Klaus unerreichbar: Sein Ferienhaus in Wolfpassing bei Tulln war noch nicht ans Telefonnetz angeschlossen. Der damalige Kanzler-Sekretär Thomas Klestil mußte um ein Uhr früh ins Auto springen, um seinem Chef die Nachricht zu überbringen.

30 Jahre später sorgt diese Begebenheit nur mehr für ein müdes Lächeln. Denn die weltweite Erreichbarkeit mit dem Handy, die es bislang nur in Sciene Fiction-Filmen gibt, ist schon bald Realität: Am 1. November 1998 startet mit dem Satelliten-Netz Iridium eine neue Ära der Telekommunikation. Jeder, der sich um 40.000 Schilling ein 100 Gramm schweres Satelliten-Handy kauft, wird dann von jedem Punkt der Erde aus telefonieren können - egal, ob er sich in einer amerikanischen Großstadt, auf einem isländischen Gletscher oder in der Wüste befindet. Um 63 Milliarden Schilling schickte die Firma Iridium 66 Satelliten ins Weltall. Die Flugkörper decken in 780 Kilometer Höhe den gesamten Globus lückenlos ab.

Höher, schneller, weiter: Die olympische Maxime gilt auch für die Telekom-Branche. Längst genügt es nicht mehr, irgendein Handy zu besitzen. Die neuesten Modelle sehen bereits wie kleine Minicomputer aus. Mit ihnen kann man auch Faxe verschicken, Texte speichern, ein Adreßbuch führen, Termine eingeben und im Internet surfen. Doch das ist nicht alles. Der Schweizer Uhrenhersteller Swatch will im Frühjahr 1999 mit einem in einer Armbanduhr eingebauten Mobiltelefon auftrumpfen. Und im Jahr 2002 sollen die ersten Geräte auf den Markt kommen, die Ton, Daten und Bilder übertragen. Sie ermöglichen in Sekundenschnelle das weltweite Versenden von Fotos und das Abhalten von Videokonferenzen.

Revolutionen sind auch in der Computerindustrie angesagt: Der führende Chip-Hersteller Intel produziert alle zwei Jahre Geräte mit einer doppelt so großen Speicherleistung. 1996 war ein Pentium-Prozessor mit einer Kapazität von 200 MHz der letzte Schrei. Heute bewundern Computerfreaks Modelle mit einem 450-MHz-Chip, weil man mit ihnen noch mehr Datenmengen verarbeiten, anspruchsvollere Grafikprogramme verwenden und wesentlich schneller im Internet surfen kann. Für das Jahr 2000 ist der Giga-Hertz-Chip (1.000 MHz) angesagt. Und was geschieht dann? "Der Computer von morgen steht nicht mehr auf dem Schreibtisch. Er begleitet uns, wo immer wir hingehen", behauptet Intel-Chef Craig Barret. In seinen Labors tüfteln Wissenschafter bereits an einem Computer, der nur 1,2 Kilogramm wiegt. Ihn kann man in die Westentasche stecken. Der Flachbildschirm ist aufklappbar. Auch die Tastatur ist Schnee von gestern: Der Benutzer gibt die Befehle einfach über ein kleines Mikrofon ein.

Parallel dazu zeichnet sich in der Computerbranche ein weiterer Trend ab: Die Verschmelzung von PC und Fernseher. Auf diesem Weg soll das Internet seinen Weg in jedes Wohnzimmer finden. 93 Prozent der österreichischen Haushalte haben zwar ein TV-Gerät, aber nur 26 Prozent einen Computer. Klar, daß findige High-tech-Firmen ein Gerät entwickelten, das man an den Fernseher und die Telefonleitung anschließt. Ist der Benutzer bei einem Provider angemeldet, kann er sofort im Internet surfen. Die Box heißt "Web-TV". Sie kostet (inklusive Tastatur) 6.990 Schilling, ist seit Mitte September im Handel erhältlich und soll der Renner im heurigen Weihnachtsgeschäft werden. "Mit Web-TV wird Internet endlich zum Massenmedium. Im Jahr 2002 werden mindestens 50 bis 60 Prozent der Österreicher über einen Internet-Anschluß verfügen", hofft Dieter Haaker, Geschäftsführer des größten heimischen Internet-Providers "A-Online". (Siehe auch Seite 15.)

Bis dahin ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig: Nicht wenige Menschen begegnen dem weltweiten Datennetz mit Skepsis. Verwunderlich ist das nicht, schließlich gelten gerade die Europäer als kritisch, wenn es um neue technische Entwicklungen geht. In den USA kursiert folgender Witz: Ein Amerikaner, ein Japaner und ein Europäer bekommen eine brandneue Technologie erklärt. Der Amerikaner ist begeistert und sagt: "Klasse, das kann uns wirklich helfen." Der Japaner zeigt sich ebenfalls euphorisch: "Toll, damit können wir mächtig viel Umsatz machen." Der Europäer dagegen meint: "Großer Gott, das wird uns alle umbringen. Warum ist das Ganze nicht längst verboten?"

Hinter diesem Witz steckt ein Körnchen Wahrheit: Während in den USA bereits 38 Prozent der Bevölkerung am Internet hängen, sind es in Japan 43 Prozent, innerhalb der Europäischen Union aber nur 18 Prozent.

Sind an der skeptischen Haltung der Europäer die Meldungen über die Verbreitung von Kinderpornographie im Internet Schuld? Leider existieren im Cyberspace wirklich abscheuliche Schmuddelbilder, verwerfliche Naziparolen und anderer Müll. Doch das ist nur ein winziger Teil. Die positiven Anbieter überwiegen bei weitem. In der modernen Bürowelt verschickt man Nachrichten nicht mehr per Fax (im Kuvert sowieso nicht), sondern als elektronische Botschaft (als E-Mail) übers Internet. Im weltweiten Datennetz können die Benutzer miteinander live kommunizieren, sich über Suchmaschinen Informationen zu allen möglichen Themen beschaffen, sich mit Behörden, Banken und anderen Institutionen in Verbindung setzen.

Wie sich das Internet künftig entwickeln wird, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: * Das Internet wird so richtig durchstarten, wenn es sich auch als Medium fürs Telefonieren eignet. Bei Auslandsgesprächen reduziert sich dann die Telefonrechnung um bis zu 70 Prozent. Theoretisch können schon jetzt zwei Teilnehmer im Internet über die im Computer eingebauten Mikrofone miteinander reden. Doch die Verbindung bricht ständig ab, und die Tonqualität ist miserabel. Softwarefirmen arbeiten fieberhaft an einer Verbesserung.

* Im Internet kann man auch Geschäfte abwickeln. Voraussetzung dafür ist ein sicheres und allgemein akzeptiertes Zahlungssystem. Und daran hapert es bislang. Ist diese Frage einmal geklärt, steht dem elektronischen Geldverkehr im Cyberspace nichts mehr im Weg. Die deutsche Kaufhauskette "Karstadt" eröffnete vor einem Jahr einen Online-Shop. 1,6 Millionen Besucher spazierten bereits durch die nur am Computer existierenden Läden des digitalen Kaufhauses, wo sie zwischen 100.000 Waren gustieren können - bequem, per Mausklick und zu Hause an. Geliefert wurde allerdings nur an diejenigen, die im voraus bezahlt haben. Auch in Österreich gibt es erste zaghafte Ansätze. Seit Jahresbeginn können Bankkunden ihre Kontogeschäfte kostenlos übers Internet abwickeln. Reisebüros haben ihre Kataloge ebenfalls ins weltweite Datennetz gestellt und bieten Online-Buchungen an.

Vor allzu großem Optimismus sei allerdings gewarnt: Alle stürzen sich aufs Internet, dehnen und strecken es in allen Richtungen aus, schicken Daten aller Art herum und überfordern die Leitungen. Kein Wunder, daß das WWW (die Abkürzung für das englische Wort "World Wide Web") auch gerne mit "weltweites Warten" übersetzt wird. Je mehr Menschen ins Internet drängen, um so langsamer fließen die Daten. Doch auch für dieses Problem bahnt sich eine Lösung an: Amerikanische Wissenschafter basteln bereits am "Internet Nummer Zwei".

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