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Im Schneckenhaus

1945 1960 1980 2000 2020
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Soll i aus meim Hause raus? / Soll i aus meim Hause nit raus? / Einen Schritt raus? / Lieber nit raus? / Hausenitraus - / Hauseraus / Hauseritraus / Hausenaus/ Rauserauserauserause ...: Mit diesen Versen beschrieb Christian Morgenstern das Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst. Dem Morgensternschen Poem ist - in Klammern - folgender Nachsatz angefügt: Die Schnecke verfängt sich in ihren eigenen Gedanken oder vielmehr diese gehen mit ihr dermaßen durch, dass sie die weitere Entscheidung der Frage verschieben muss.

Morgensterns reimloses Gedicht wird unversehens konkret - wenn die wieder aufgeflammte Debatte um die neue Rechtschreibung in den Sinn kommt: Die Frankfurter Allgemeine kehrte nach einem Jahr der neumodischen Schreibung wieder zur guten alten Orthographie zurück. Und kaum ward das Sommerloch mit dieser Story gestopft, konnten auch heimische Politiker nicht an sich halten: SPÖ und Grünen ist die Reform zu wenig, die FPÖ will - wenig erstaunlich - zurück zur alten Schreibe. In selten trauter Gemeinsamkeit dazu sprechen sich auch allerlei Literaten - beim großen Nachbarn ebenso wie hierzulande - gegen das Regelwerk aus.

Es kann nicht oft genug wiederholt werden: Das Rechtschreibreförmchen ändert wenig an der Sprache; oft muss man einen Text mehrmals lesen, um draufzukommen, ob er der alten oder der neuen Orthographie verpflichtet ist. Außerdem - das öffentliche Gedächtnis ist bekanntlich sehr kurz - ging dem Reformbeschluss der deutschsprachigen Kultusminister eine jahrelange Debatte voraus, die aber vom vereinten Feuilleton und von den später so aufgebrachten Literaten verschlafen wurde: Widerstand kam erst post festum auf.

Das gewichtigste Argument für ein "Schluss der Debatte" ist der Schaden, den die Auseinandersetzung an den Schülern angerichtet hat: Wie kommen die Jungen in deutschsprachigen Landen dazu, sich wegen der uneinigen Alten mit deren Schreibproblemen herumschlagen zu müssen?

Ob PR-bedachte Medien, die in der Saure-Gurken-Zeit Themenführerschaft anstreben, ob unaufmerksame Dichter, die zwar zu spät, dafür aber laut Zeter und Mordio schreien, ob Politiker jedweder Couleur, die sich keinen Sager verkneifen können: Sie alle gebärden sich wie die Hausschnecke bei Morgenstern. Wenn sie wenigstens - was Hausschnecken ja zu tun pflegen - ihre Selbstgespräche im Stillen führten ... Otto Friedrich