Immer weiter, öfter und billiger

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Die Reiselust der Österreicher ist ungebrochen. Vor allem Charterreisen haben in den letzten zehn Jahren enorm zugenommen.

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Die Reiselust der Österreicher ist ungebrochen. Vor allem Charterreisen haben in den letzten zehn Jahren enorm zugenommen.

Erstmals mehr als acht Millionen Passagiere." Mit dieser Schlagzeile feierte die Austrian Airlines Group (Austrian Airlines, Lauda Air und Tyrolean Airways) den neuen Beförderungsrekord im Linien- und Charterverkehr für 1999. Diese Zunahme entspricht einem Plus von über fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr, und das trotz der Belastungen für die österreichischen Fluglinien durch die Kosovo-Krise, den politischen Entwicklungen in der Türkei und die dadurch bedingte geringere Nachfrage.

Flugreisen liegen im Trend. Das ergab auch die jüngste Befragung des Österreichischen Statistischen Zentralamtes. Der Mikrozensus-Erhebung über die Reisegewohnheiten der Österreicher zufolge, war 1998 jeder zweite mindestens einmal im Urlaub. Insgesamt machen die Österreicher knapp sechs Millionen Urlaubsreisen pro Jahr. Zwei von drei fahren - oder fliegen - mittlerweile ins Ausland, Tendenz steigend. Immerhin 230.000 aller Auslandsreisen entfallen auf weit entfernte Destinationen wie die Malediven, Thailand und die Dominikanische Republik.

Die traditionellen Verkehrsmittel, das Auto und vor allem die Bahn, haben bei den Urlaubsreisen längst an Bedeutung eingebüßt. Fuhr vor 30 Jahren noch jeder vierte mit der Bahn in den Urlaub, so sind es heute nur noch sechs Prozent. Beim Fliegen verhält es sich genau umgekehrt. Mit vier Prozent lag dieses Verkehrsmittels damals weit abgeschlagen an letzter Stelle. Ein dermaßen geringes Flugaufkommen ist heute kaum mehr vorstellbar. Heute fliegt jeder vierte zu seinem Ferienziel. Das Flugzeug ist damit nach dem Auto zum zweitwichtigsten Transportmittel geworden.

Auch die Statistik des Flughafens Wien spricht eine deutliche Sprache. 1954 - das erste Jahr der statistischen Erhebung - starteten und landeten rund 3.000 Maschinen am Flughafen Schwechat, eine vergleichsweise beschauliche Ruhe. 1980 waren es bereits 54.300, 1990 knapp 80.000, heute sind es 170.000 - über 460 Maschinen pro Tag. Die Zahl der Passagiere stieg im selben Zeitraum um das 166fache von 64.200 Passagieren 1954, auf knapp drei Millionen 1980 und rund elf Millionen 1998. Verglichen mit den internationalen Flughäfen anderer Staaten nimmt sich der Flughafen Schwechat allerdings wie der eines Provinznestes aus. In Chicago beispielsweise Starten und Landen jährlich weit über 800.000 Maschinen, in Frankfurt sind es immerhin noch über 400.000.

Sehnsucht nach Ferne Beliebtestes Flugreiseziel der Österreicher ist Griechenland (siehe Graphik) mit rund 370.000 gebuchten Charterflügen pro Jahr. An zweiter Stelle liegt die Türkei, danach kommt von London, von wo auch viele Ferndestinationen (etwa in die USA und Australien) angeflogen werden. An vierter Stelle der beliebtesten Ferienziele rangieren die Kanarischen Inseln mit 130.000 Charterbuchungen, gefolgt von Mallorca, Tunesien, Spanien, Portugal, die Dominikanische Republik, Schweden und Ägypten.

Den Hauptgrund für die drastische Steigerung der Passagierzahlen, vor allem in den letzten zehn Jahren, sieht Karl-Heinz Tschanett, Besitzer eines Reisebüros in Mödling, in den immer billigeren Angeboten. "Heute muß man für eine Reise in die Karibik in etwa das bezahlen, was man vor zehn Jahren für einen Urlaub am Mittelmeer hinlegen mußte. Natürlich sind auch gleichzeitig die Preise für den Mittelmeerraum gesunken. Das spricht den Kunden an." Die Reiselust, so Tschanett, sei nach wie vor ungebrochen und werde sich in den kommenden Jahren weiter verstärken. "Beliebtestes Ferienziel ist zwar immer noch der Mittelmeerraum, doch Ferndestinationen sind immer mehr gefragt."

"Last minute" als Hit So billig wie derzeit, waren Charterreisen tatsächlich noch nie und dieser Trend hält weiter an, ist Tschanett überzeugt. Vor allem Sonder- und günstige "last-minute"-Angebote locken viele ins Reisebüro. "In der Reisebranche gibt es zahlreiche Fusionen. Dadurch ergibt sich ein enormer Wettbewerb, vieles wird nun über den Preis ausgefochten", erklärt Tschanett.

Noch vor 25 Jahren waren Flugreisen für die meisten Österreicher unerschwinglich. Damals konnte oder wollte sich überhaupt nur jeder vierte einen Urlaub leisten - und die Mehrzahl verbrachte diesen im eigenen Land. Die Zunahme der Reisefreudigkeit ging vor allem auf das Konto der Auslandsreisen. Neben den niedrigen Preisen ist dafür, meint Reisebüro-Chef Tschanett, auch das Fernsehen ausschlaggebend, das durch Reiseberichte aus exotischen Ländern Bedürfnisse weckt.

Diese Reisefreudigkeit trifft aber nicht nur auf die Österreicher zu. In den letzten zehn Jahren stieg die Zahl der Reisen weltweit um zehn Prozent. Eine Studie der Welttourismus-Organisation zufolge, werden die Urlaube in Zukunft kürzer, dafür umso intensiver, nach dem Motto: "In möglichst kurzer Zeit möglichst viel erleben."

Obwohl Baden beim Reisezweck immer noch an oberster Stelle steht, sind Abenteuer-Reisen zunehmend gefragt. Besonders beliebt sind etwa Dschungelwanderungen oder Nepalrundreisen. "Es gibt hier eine parallele Bewegung zu den billigen Charterreisen. In jedem Club wird in etwa das gleiche geboten, egal in welchem Land. Das langweilt bereits viele Menschen. Daher entwickelt sich das Bedürfnis nach Individualität", erklärt Tschanett.

Und noch ein Trend zeichnet sich deutlich ab: Das schnelle und bequeme Buchen der Flüge mittels Internet. Zur Zeit sind die Umsätze, die in Österreich über das Internet gemacht werden, noch gering. Aber das Internetgeschäft wächst unaufhaltsam. Bereits im ersten Jahr erwartet etwa Lauda Air einen Anteil am Umsatz von einem Prozent.

Das Internet wird die Reisefreudigkeit vermutlich weiter ankurbeln, da das Buchen vom Wohnzimmer aus den veränderten Reisegewohnheiten entgegenkommt. Denn die schönsten Wochen des Jahres werden - meist aus Zeitmangel - immer flexibler und kurzfristiger gebucht.

Traumurlaub per Mausklick Die erste österreichische Fluglinie im Internet war Lauda Air. Seit April können alle Flüge online gebucht werden. Billiger sind die Flüge dennoch nicht, sieht man einmal von diversen Sonderangeboten ab, die ausschließlich über das Internet angeboten werden und tatsächlich sehr preisgünstig sind. Kurz nach Lauda Air baute auch die AUA das Internetangebot aus. Daß die heimischen Fluglinien damit den internationalen Trends entsprechen, zeigt das Beispiel USA. Dort werden Flüge seit längerem online angeboten. Die vier größten amerikanischen Fluglinien planen jetzt eine gemeinsame Internetseite. Das geschätzte Investitionsvolumen: eine Milliarde Schilling. "Daran kann man sehen, welch enormes Entwicklungspotential im Internet steckt", lautet dazu die Auskunft der Lauda Air Zentrale.

Auch Reisebüro-Chef Tschanett ist überzeugt, daß das Buchen per Mausklick die Zukunft ist: "Ich rechne damit, daß in den nächsten fünf Jahren der Großteil der einfachen Pauschalreisen über das Internet abgewickelt werden."

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