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Jesus, mein Psychiater

Ulrich Seidls Film "Jesus, Du weißt", zu dessen Kinopremiere Furche und "Filmladen" geladen hatten, provozierte beim Publikum zwiespältige Gefühle.

Eine Ehefrau, die sich von ihrem muslimischen Mann entfremdet hat und ihre Sorgen nun auf Jesus wirft; ein junger Student, der in seinen Phantasien zu Old Shatterhand mutiert; ein Mittfünfziger, der die Misshandlungen in seiner Kindheit nicht vergessen kann; eine junge Lehrerin, die ihren Partner ans Kloster verliert; und eine Pensionistin, die ihren untreuen Gefährten observieren lässt und nächtens von Mord und Selbstmord träumt: Entsprechen die Menschen, die Ulrich Seidl in seinem Film "Jesus, Du weißt" bei der - lauten - Zwiesprache mit Gott beobachtet, dem Durchschnitt der Beterinnen und Beter? Zeigt der Film also tatsächlich "die Wahrheit", wie der vielfach ausgezeichnete Filmemacher ("Hundstage", "Tierische Liebe") behauptet? Oder perfektioniert Seidl nur das, was Elizabeth T. Spira oder Barbara Karlich vorgeworfen wird: Nämlich durch das Vorführen von Exoten das voyeuristische Bedürfnis des Publikums zu bedienen und die Dargestellten - nolens volens - lächerlich zu machen?

Blanker Voyeurismus?

Ein Vorwurf, gegen den sich Ulrich Seidl vergangenen Mittwoch im Rahmen der von Furche und "Filmladen" präsentierten Kinopremiere von "Jesus, Du weißt" scharf verwahrte: "Das ist ein sehr oberflächlicher Vergleich. Ich mache ganz etwas anderes", empörte er sich vor dem zahlreich versammelten Premierenpublikum im Wiener Votivkino. Auch sei es nicht seine Intention gewesen, mit "Jesus, Du weißt" einen Tabubruch zu begehen oder sich über die Kirche lustig zu machen: "Es wäre ein Leichtes gewesen, das zu tun. Aber das war nie meine Absicht", meinte Seidl auf die Frage von Furche-Redakteur Otto Friedrich, der die Diskussion moderierte. "Ich wollte einfach einen Film zum Gebet machen, in einer Art, wie man es nie zuvor gesehen hat."

Ein Anliegen, dem Seidls Vis-à-Vis am Podium, der Wiener Universitätsseelsorger Helmut Schüller, grundsätzlich einiges abgewinnen konnte: "Ich halte es nicht für illegitim, Menschen beim Beten zu filmen. Für mich ist aber Gebet etwas Jenseits-Sprachliches. Das Problem bei diesem Film ist: Was geschieht mit dem Gebet, wenn man es rückversprachlicht?"

Eine weitere Frage, die Seidls Film aufwerfe, sei nach Schüller der Umgang mit den Laiendarstellern. Wurden sie ausreichend darauf vorbereitet, mit ihren intimen Geständnissen, Bitten und Klagen auf Celluloid gebannt zu sein? "Es gehört zu meiner Arbeitsmethode, den Film gemeinsam mit den Darstellern vorzubereiten", konterte Ulrich Seidl. Hunderte Kandidaten habe er gecastet. Übrig blieben jene sechs Personen, die nun in "Jesus, Du weißt" ihr Innerstes nach außen kehren - und nicht selten auch das Innerste ihrer Partner. Waren diese in das Geschehen eingebunden? Ja, betonte Seidl: "Nach anfänglichem Zögern haben die Partner mitgespielt. Man kann ja die Menschen zu nichts zwingen."

Dennoch hinterließ der Film bei vielen im Publikum einen schalen Nachgeschmack: Warum wurden die Betenden ausschließlich in Kirchen - und nicht an anderen Plätzen - gefilmt? "Jeder Film braucht eine Fokussierung - für mich war das der sakrale Raum und ein einzelner Mensch darin", erklärte Seidl. Warum wurden ausgerechnet neugotische HerzjesuBilder leinwandfüllend präsentiert - und nicht etwa moderne Jesus-Darstellungen? "Das waren rein optische Überlegungen", beteuerte der Regisseur.

Therapie statt Gebet?

Vor allem aber: Wurden hier nicht bewusst "religiöse Spinner" vorgeführt, die besser zum Psychiater gehen als ins Gebet flüchten sollten? Seidl - selbst in einem "sehr katholischen Elternhaus" aufgewachsen und heute ein "Gottsuchender" - entgegnete erneut: "Diese Menschen verkörpern den Durchschnitt, man will es nur nicht wahr haben. Sie trauen sich eben zu sagen, was andere denken."

Einer dieser Mutigen - der als Kind misshandelte Hans-Jürgen Eder - erklärte der Furche den Grund seiner Selbstentäußerung: "Ich wollte Zeugnis ablegen: Geht mein Glaube so weit, dass ich auch schlimme Dinge sagen kann?" Dass ein Premierengast den Darstellern indirekt nahelegte, doch besser den Psychiater aufzusuchen, quittierte er mit einem Schmunzeln: "Teilweise ist das richtig. Aber dann bräuchten wahrscheinlich alle Menschen einen."

Und noch etwas verriet der evangelische Christ Eder, der in Seidls Film auch seine Beziehungsprobleme vor Jesus bringt: "Ich werde wieder heiraten. Meine Freundin war auch schon bei Barbara Karlich: Sie ist 48 Jahre alt - und noch immer Jungfrau."

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