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Kino-Epiker, Filmmagier und Traumfänger

1945 1960 1980 2000 2020
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Ein ganz Großer des Kinos ist nicht mehr: Bernardo Bertolucci erlag am 26. November einem langjährigen Krebsleiden. Der aus Parma stammende Filmregisseur wurde 77 Jahre alt. Bertolucci startete seine Karriere nach wenig erfolgreichen Versuchen als Dichter 1962 mit seinem Regiedebüt "La commare secca", einem Stoff, den er bei seiner Arbeit als Regieassistent von Pasolini entwickelte. Stilistisch hat sich Bertolucci von Pasolini aber nicht inspirieren lassen, da gefiel ihm anderes: etwa das ungestüme Kino der Nouvelle Vague, vor allem das experimentierfreudige Werk Jean-Luc Godards. "Als ich jung war, faszinierte mich die Nouvelle Vague ungemein. Damals war das Kino Mittelpunkt des Lebens und nicht das Leben Mittelpunkt des Kinos", so Bertolucci 2003 im Interview mit der FURCHE. "Damals gab ich Interviews nur auf Französisch, denn die Sprache des Kinos war Französisch!" Bertolucci drehte einige Filme, die Godards Stil nacheiferten, ehe er 1972 seinen Durchbruch mit "Der letzte Tango in Paris" schaffte, in dem Marlon Brando und Maria Schneider in einer Spirale aus Sex und Lust versanken, wie es für damalige Zeiten unvorstellbar war. Der Film wurde in Italien verboten und Bertolucci mit einer Bewährungsstrafe belegt. Später widmete er sich dem großen Kino-Epos, mit dem er in den USA reüssierte: Er drehte "1900"(1976), "Der letzte Kaiser"(1987) oder "Little Buddha"(1993), wobei nur "Der letzte Kaiser" über den letzten chinesischen Imperator ein richtiger Erfolg wurde: Er brachte neun Oscars ein, zwei davon für Bertoluccis Regie und Drehbucharbeit. Seine16 Spielfilme ordnen sich gerne seiner Liebe zum Kino an sich unter: Besonders augenfällig wird das im Spätwerk "Die Träumer"(2003), in denen zwei junge Männer und eine Frau sich 1968 in eine Pariser Wohnung zurückziehen, um dort Sex und Lust auszuloten, während draußen die Revolution stattfindet. Es ist ein Film mit unzähligen Referenzen an Bertoluccis Vorbilder, aber auch eine weise Verknüpfung seiner filmischen Lebensthemen, sozusagen ein zugängliches Substrat seiner Kunst. Für Bertolucci war der Diskurs über Kino immer mindestens so wichtig wie die Filme selbst -doch all das habe sich verändert: "In der Vergangenheit konnten wir mit den Produzenten und Financiers über das Kino diskutieren. Heute sind diese Leute nur mehr langweilig, und du weißt nicht, ob sie das überhaupt verstehen, was du ihnen erzählst", sagte er. "Dabei ist es das Wichtigste, dass du für deine Ideen brennst."