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Kino, Kino, nur du allein

1945 1960 1980 2000 2020

Paul Rosdys Dokumentarfilm "Kino Wien Film" ist eine berührende und exzellent recherchierte Hommage ans Kino in der Wienerstadt.

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Paul Rosdys Dokumentarfilm "Kino Wien Film" ist eine berührende und exzellent recherchierte Hommage ans Kino in der Wienerstadt.

Eigentlich wirkt Paul Rosdys exzellent recherchierter und gestalteter Dokumentarfilm "Kino Wien Film" wie eine Antithese zum FURCHE -Schwerpunkt, der die aktuellen Herausforderungen für das Kino, die bis zur Existenzbedrohung reichen, thematisiert. Wie passt es da zusammen, dass am Ende des Films, Christoph Papousek, Geschäftsführer der Constantin, des größten Kinobetreibers in der Bundeshauptstadt, sagt: "Wir machen heute mehr Kinobesucher als Anfang der 1990er Jahre Es gibt mehr Filme denn je und es gibt mehr Besucher im Kino seit damals."?

Sechs Jahre -von 2012 bis 2018 -nahmen sich Rosdy und sein Team Zeit, um dem Kosmos namens Kino von seinen Wiener Anfängen bis in die nicht unbedingt rosige Gegenwart nachzuspüren. Anna Nitsch-Fitz, Prinzipalin des Vorstadtkinos Breitenseer Lichtspiele (vgl. das Titelbild dieser FUR-CHE-Ausgabe), leitet die berührende Hommage ans Kino in der Wienerstadt ein. Auch den Stummfilmpianisten Gerhard Gruber, aus nachvollziehbaren Gründen ein Solitär seiner Profession, kommt zu Wort -und vor allem zu Gehör. Dann wird der Zuschauer Zeuge eines Umbaus im Haydn-Kino in Mariahilf, das noch in Familienbesitz ist.

Von den Lumières bis Peter Kubelka

Daneben kann Horst Raimann, seit Jahrzehnten Vorführer im Gartenbaukino, zeigen, wie Kinoprojektion einst und die 70-Millimeter-Filmprojektion bis heute funktioniert. Das Gartenbaukino, "Jahrgang" 1960, ist auch architektonisch ein Zeitzeuge und firmiert bekanntlich nach wie vor als Hauptspielstätte der Viennale. Und natürlich darf der Altvordere der Filmphilosophie, Peter Kubelka, nicht fehlen, der seine Raum-und Kameravisionen ausbreitet.

Was Ende des 19. Jahrhunderts begann, als die Brüder Lumière auch in Wien ihre Kinematografie zeigten, kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Blüte -bis in die 1950er Jahre hinein, wo das Fernsehen zur großen Konkurrenz der Kinos geriet. Stefan Nehez, dessen Großvater 1906 das Zentralkino in Ottakring gründete, das bis 1966 in Betrieb war, erzählt, was ein Kino-Pendler war - ein skurriler Beruf, von dem heute niemand mehr etwas weiß: Benachbarte Kinos spielten denselben Film etwas zeitversetzt. Wenn in dem einen Kino eine Filmrolle fertig war, sauste der Kino-Pendler damit ins zweite, spannte sie ein und eilte ins erste Kino zurück. Bei einem Film mit drei Vorstellungen, der aus sechs Rollen besteht, "pendelte" der Filmpendler also 18mal am Tag hin und her

Wie in vielen anderen Fällen, war auch bei den Wiener Kinos die NS-Zeit eine markante Zäsur - und was nach dem Krieg folgte, war einmal mehr kein Ruhmesblatt für die junge Zweite Republik: Weil Kinos für die NS-Propaganda so wichtig waren, kam es praktisch zeitgleich mit dem "Anschluss" 1938 zur Arisierung der meisten Kinos in jüdischem Besitz -immerhin die Hälfte der Kinos in Wien.

Unrühmliche Nachkriegsrolle der Stadt

Nach 1945 bekamen die alten Besitzer die Kinos aber mitnichten zurück, unter anderem deswegen, weil die Stadt Wien beschlossen hatte, dass alle Kinokonzessionen neu beantragt werden mussten: Die jüdischen Vorbesitzer der Kinos wussten von dieser Regelung oft nichts oder konnten nicht rechtzeitig um eine neue Konzession einkommen. Auf diese Weise konnte sich die stadteigene Kiba den Gutteil der Kinos unter den Nagel reißen. So wurde bis in die 1980er Jahr die Kiba auch der größte Kinobetreiber der Stadt.

Besonders empörend, berichtet der Kinohistoriker Klaus Christian Vögl, war es beim Kolosseum-Kino in der Nußdorfer Straße, wo die beiden Arisieure gegen die alte Besitzerin prozessierten und das Kino zugesprochen bekamen. Der Sohn des jüdischen Besitzers des revitalisieren Admiral-Kinos in Neubau, der Engländer Henry Ebner, erinnert sich im Film an seine Flucht aus Wien sowie an den Vater und sein Kino. Die Familie Dörfler hingegen, Eigentümer des Haydn-Kinos, sind Verwandte aus dem Umfeld des ehemaligen jüdischen Eigentümers, der in die Schweiz emigrierte und dort Anfang der 1950er Jahre verstarb.

"Wien Kino Film" erinnert an die blühende Kinolandschaft der Stadt, er macht auch Vorzeigekinos oder Vorstadtspielstätten, die längst geschlossen sind, wieder einen Moment "lebendig" und zeigt, dass es in der Stadt noch einiges an ehemaligen Lichtspieltheatern zu entdecken gibt, denen noch nicht durch Immobilien-Entwickler, wie sie heute heißen, auch in der Bausubstanz der Garaus gemacht wurde.

Der Dokumentarfilm spricht auch die Entwicklungen rund um die Jahrtausendwende an, wo Multiplexe und eine unreguliert wuchernde Kinolandschaft entstanden. Aber auch das Neue ist längst nicht von Dauer: das Cineplexx bei der Reichsbrücke etwa wurde 2011 schon wieder zugesperrt

Und es wundert einen fast nicht mehr, wenn eine heutige Multiplex-Besuchern in "Kino Wien Film" meint, sie komme wegen der guten Nacho-Sauce in dieses Kino. Die Cineastin besonderer Art weiter: "Nicht wegen dem Film, sondern wegen dem Essen."

Kino Wien Film A 2018. Regie: Paul Rosdy. Rosdy Film. 96 Min.

An allen Ecken der Stadt In der Hochzeit zwischen den 1920er und 1950er Jahren gab es in Wien an jeder Straßenecke ein Kino. Heute konzentriert sich die diesbezügliche Landschaft auf wenige Großkinos.(Bild: Schweden Kino am Beginn der Taborstraße um 1930)