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Lehrstücke

Böhmisches Lehrstück übertitelte der von der Wiener Presse ins Prager Büro der Frankfurter Allgemeinen übersiedelte Karl-Peter Schwarz seinen Kommentar zur Lage rund um Tschechiens öffentlich-rechtlichen TV-Sender CT. Schwarz wiederholte in seinem Leitartikel die Einschätzung, die er am Vortag im ORF-Europa-Studio bei Paul Lendvai formuliert hatte: Auch wenn die Ziele der streikenden Journalisten und deren Sympathisanten "respektabel und sympathisch" wären, stünde ihr Protest außerhalb der Legalität. Insbesondere nahm Schwarz in der FAZ gegen die "Bürgergesellschaft" Stellung; dieser sei vor allem eines gemeinsam: "der Wunsch, sich sowohl dem Markt als auch dem demokratischen Verfahren zu entziehen".

In der - weltanschaulich wenig entfernten - Berliner Tageszeitung Die Welt verbreitete am gleichen Tag Karl Schwarzenberg, Fürst und Vertrauter des tschechischen Präsidenten Vaclav Havel, eine andere Sicht der Dinge (auch er hatte selbige zuvor im ORF - in der ZIB 3 - kundgetan): Eine Bürgergesellschaft habe ihre Probe bestanden, so der adlige Berater. Es gebe in Tschechien eine "Wachsamkeit gegenüber der Arroganz der Macht und des Geldes".

Karl-Peter Schwarz und Karl Schwarzenberg eint - zwar mit umgekehrten Vorzeichen - die Einschätzung, dass es sich bei den tschechischen Fernseh-Vorgängen um eine Lehre handelt - auch für hiesige Verhältnisse: Korrespondent Schwarz beschwört in der Frankfurter Allgemeinen das Gespenst der - undemokratischen - Bürgergesellschaft und verweist aufs Beispiel der EU-Sanktionen gegen Österreich. Gastautor Schwarzenberg weist in der Welt darauf hin, dass auch im Westen der vorauseilende Gehorsam in den öffentlich-rechtlichen Medien gegenüber Mächtigen zu finden sei.

Doch Schwarz wie Schwarzenberg ahnten kaum, dass zeitgleich mit ihren konträren Analysen in Österreich der oberste Bürgergesellschafter auf den Plan trat: "Der ORF gehört in Bürgerhand!" - so zog die Kronen Zeitung auf der Titelseite ihre "Lehren aus den Massenprotesten in Tschechien". Und auf Seite 2 griff Cato dann höchstpersönlich zur Feder - um mit dem Drohszenario tschechischer Zustände wieder einmal sein Privat-TV herbeizuschreiben: Österreichische Lehrstücke - das wissen auch Schwarz und Schwarzenberg - werden zu einem Gutteil von einem Dramatiker namens Hans Dichand verfasst.

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