Narrenfreiheit?

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Konrad P. Liessmann, Philosophieprofessor an der Universität Wien, sieht das Problem moderner Kunst darin, daß sie ihr Diesseits und Jenseits, Schein und Sein, vermengt hat.

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Konrad P. Liessmann, Philosophieprofessor an der Universität Wien, sieht das Problem moderner Kunst darin, daß sie ihr Diesseits und Jenseits, Schein und Sein, vermengt hat.

Kaum gelingt es dem notorisch kunstfeindlichen Boulevard im Verein mit den heroischen Verteidigern der Moderne einen "Kulturkampf" zu produzieren, der wie ein linder Sommerwind für ein paar Tage durch den Blätterwald rauscht, stellt sich auch schon die Frage nach der Verantwortung von Kunst. Natürlich ist dies die falsche Frage zur falschen Zeit, und man wäre geneigt, von einer schlichten Kategorienverwechslung als Ausdruck eines reduzierten Denkvermögens zu sprechen, wäre es nicht diese Verwechslung, die einzig den Kunstdiskurs in Österreich am Leben erhält. Das bedeutet, daß dieser lebt, gerade weil er falsch geführt wird.

Seit dem 18. Jahrhundert ist der Künstler frei zu schaffen, was er will. Er hat, in der Regel, keinen Auftraggeber und keine vorgegebenen Sujets mehr. So lange er einen Auftraggeber hatte, war auch die Frage nach der Verantwortlichkeit klar. Es war eine Sache zwischen dem Künstler und seinem Herren. Traf der Künstler nicht die Vorstellungen seines Auftraggebers, konnte dieser ihn zur Verantwortung ziehen - ein Sachverhalt, der bei jedem Dienstleistungsgeschäft üblich ist. Seit der Auftraggeber aber verschwunden und ein anonymes, sich über den Markt immer erst definierendes Publikum an seine Stelle getreten ist, trägt der Künstler keine Verantwortung mehr.

Denn das Publikum erteilt keine Aufträge, es wählt, je nach Geschmack, aus dem Angebotenen aus. Was ihm nicht gefällt, weist es zurück. So wird der Künstler in seiner Kunst souverän. Natürlich ist dies ein romantischer Gedanke, der in dieser Schärfe erstmals von Friedrich Schlegel formuliert wurde, und er prägt unser Bild vom Künstler bis heute.

Die Pointe dieser Vorstellung ist, daß sie nur in bezug auf das künstlerische Schaffen zutrifft. Ausschließlich die Produktion von Kunstwerken unterliegt keinem anderen Gesetz als der Willkür des Künstlers. Diesen Gedanken versucht die Verfassungsbestimmung von der Freiheit der Kunst festzuhalten. Seine Voraussetzung ist, daß zwischen Kunst und Nichtkunst unterschieden werden kann. Genau diese Unterscheidungsmöglichkeit stellt die moderne Kunst jedoch in Frage. Erst daraus können jene Pikanterien entstehen, wie sie die erregten Kulturkampfdebatten auszeichnet. Erst aus der Tatsache, daß Gegenstände und Handlungen des alltäglichen Lebens (Pissoirs, Staubsauger, Exkremente, Defäkationen, Rinderschlachtungen, masturbatorische Akte) als Kunstwerke auftreten, beziehen diese Debatten ihr Motiv.

Wenn aber - und dies gehört zum Selbstverständnis der Moderne seit Duchamp - die äußere Ununterscheidbarkeit von Kunstwerk und Artefakt, von Kunst und Leben zum Kennzeichen dieser Kunst wird, ist die Frage, nach welchen Kriterien das Ununterscheidbare doch unterschieden wird, selbst ein Moment dieses kreativen Prozesses - denn erst diese Unterscheidung des Ununterscheidbaren generiert das moderne Kunstwerk. Wie aber kann diese Unterscheidung gelingen, und was bedeutet sie für die Verantwortung der Kunst?

Vor kurzem hat im Rahmen des "Philosophicum Lech" (vgl. Furche Nr. 40/1998, Anm. d. Red.), das sich die Frage nach der Sinnlichkeit der modernen Kunst gestellt hatte, der Kulturphilosoph Boris Groys die These vertreten, daß das moderne Kunstwerk eine ähnliche logische Struktur aufweist wie Jesus Christus in der Deutung Sören Kierkegaards. Denn Jesus als Mensch, so Kierkegaard, unterscheidet sich in nichts von Jesus als Gott. An ihm sind keinerlei Attribute mehr wahrnehmbar, die Hinweise auf seine Göttlichkeit darstellen. Ob Jesus Gott oder Mensch ist, ist an seiner Erscheinung nicht mehr feststellbar. Die Entscheidung wird einzig und allein gefällt durch einen Akt des Glaubens.

Nur Ungläubige wollen sichtbare Beweise. Genauso ist es bei der modernen Kunst, die viele ohnehin immer schon als säkularisierte Religion gedeutet haben. Ob etwas ein Kunstwerk ist oder nicht, muß, da es keine äußeren Anzeichen mehr dafür gibt, einzig durch einen Akt des Glaubens entschieden werden.

Wenn man daran glaubt, daß Andy Warhols Brillo-Boxes Kunst sind, dann sind sie es; wenn man nicht daran glaubt, dann sind sie es nicht - und der Ungläubige wird aus der Gemeinschaft der Kunstgläubigen sofort ausgeschlossen.

Und, um mit Kierkegaard weiterzudenken: auch der Kunstfreund glaubt, wie der religiöse Mensch, "in Kraft des Absurden". Das macht auch den aparten Charme von Kunstdebatten aus, bei denen Menschen gegen jede Vernunft und gegen jeden Augenschein behaupten, daß ein Flaschentrockner ein Kunstwerk sei.

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