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Der heimische Privat-TV-Sender ATV schenkt sich zum ersten Geburtstag eine Programmreform.

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Der heimische Privat-TV-Sender ATV schenkt sich zum ersten Geburtstag eine Programmreform.

So manches Menschenkind hat im Alter von einem Jahr bereits die Krabbelstube verlassen und stolziert munter auf den eigenen Beinchen umher. Selbigen Versuch unternimmt auch Österreichs junger Privatsender ATV. Nur, dass es in der harten TV-Branche länger als ein Jahr dauert, bis man auf eigenen Beinen stehen kann. Noch hätte es ATV ohne starke Gehhilfe schwer.

So meldet ATV, der am 17. Jänner 2000 erstmals auf Sendung ging, im abgelaufenen Jahr einen Verlust in dreistelliger Millionenhöhe, genaue Zahlen werden nicht genannt. Das ist zwar weit weniger, als die bunten Magazine aus dem News-Verlag noch vor wenigen Wochen konstatierten, schmerzt die Senderleitung aber dennoch. "Wir haben unser Erlösziel verfehlt, sind bei den Verlusten aber nur im einstelligen Prozentbereich vom Businessplan entfernt", stellt ATV-Geschäftsführer Tillmann Fuchs fest.

Den Münchener Filmhändler Herbert Kloiber, der 40 Prozent an ATV hält und damit rund 80 Millionen Schilling Verlust hinnehmen muss, belastet das Minus "nur unwesentlich". Kein Wunder, macht Kloibers Tele-München-Gruppe im Jahr 2000 doch rund 2,3 Milliarden Gewinn. Kloiber sieht die Entwicklung von ATV weiterhin positiv, vor allem "in Hinblick auf die sich abzeichnende Integration der österreichischen Medienpolitik in europäische Rahmenbedingungen", so Kloibers Presseabteilung.

Für Tillmann Fuchs fehlt bei der Regierung aber noch immer "der Super-Drive" in Richtung Privatfernsehen: "Mir fehlt ein klares Bekenntnis der Politik, momentan vermisse ich sogar Lippenbekenntnisse", klagt Fuchs. Die jüngste Überlegung, via Satellit statt terrestrisch zu senden, sei eine Reaktion darauf, dass man sich bei den verantwortlichen Stellen zu lange Zeit lasse, um etwa ein Frequenzgutachten zu erstellen. "Wir wollen damit zeigen, dass wir jetzt schon bundesweit [über Satellit] senden könnten, wenn wir wollten", heißt es aus der ATV-Pressestelle. Dass das aber mit enormen Kosten verbunden sein würde, steht auf einem anderen Blatt. Aber: "Fernsehen kostet halt Geld", so ATV.

Und dieses Geld sollte nicht nur von den Gesellschaftern, sondern auch aus Werbeeinnahmen kommen. Doch die gibt es nur, wenn die Quote stimmt. Der ATV-Quotenhit des ersten Jahres war die tägliche Jugend-Talkshow Speed (Spitzen-Marktanteile bis zu 20 Prozent) mit Hadschi Bankhofer als Moderator. Dieser aber steht bei der Produktionsfirma "Prassl & Stampf" unter Vertrag, die die Zusammenarbeit mit ATV Ende Dezember beendete - aus finanziellen Gründen, wie es heißt. "Prassl & Stampf" nahm Bankhofer gleich mit und entwickelt derzeit eine Talkshow für den ORF, in der Hadschi schließlich sein TV-Comeback feiern darf. Tillmann Fuchs nimmt's gelassen: "ATV verfügt über ein solches Potenzial an jungen TV-Persönlichkeiten, dass ein Abschied von Hadschi Bankhofer leicht verkraftet werden kann". Und: "Wir müssen im Gegensatz zum ORF nicht ständig auf Peter Rapp oder die hoch geschätzte Dagmar Koller zurückgreifen".

Bei ATV geht Speed indes mit einer neuen Moderatorin weiter: Newcomerin Sylvia Graf aus Oberösterreich versucht fortan ihr Glück. Die Beginnzeiten der ATV-Eigenproduktionen werden ab nun eine halbe Stunde nach hinten verschoben, an die Stelle des wegen Seherschwund eingestellten Headline-Talks tritt die "Reality-Dating-Show" Street Flirt, bei der das ATV-Team auf der Straße junge Leute miteinander verkuppeln will. Das Society-Format Hot Shots und die Comedy Knapp nach Ladenschluss werden ausgebaut.

"Wir bringen ab jetzt reine Unterhaltung. Die Reform soll helfen, den Marktanteil bei den 12- bis 49-Jährigen von derzeit 2,7 Prozent auf drei bis vier Prozent anzuheben", hofft Programmchef Roman Rinner. Dazu kommt ein neuer Internet-Auftritt und ein umfassendes Teletext-Angebot: All dies lässt die TV-Macher hoffen, dass ihr Fernseh-Kind ATV bald ohne Gehschule laufen kann.

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