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ORF blendet 3. Welt aus

1945 1960 1980 2000 2020

Studie: Nur ORF-Religionsmagazin Orientierung berichtet adäquat über die Entwicklungsländer.

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Studie: Nur ORF-Religionsmagazin Orientierung berichtet adäquat über die Entwicklungsländer.

Über die Länder der so genannten Dritten Welt wissen wir eigentlich recht wenig. Das Fernsehen bringt uns ab und zu farbenreiche Tierfilme aus den Steppen und Savannen dieser Regionen, die Nachrichten beschränken sich auf Krieg, Regierungskrisen oder Hungerkatastrophen.

Genau da setzt eine aktuelle Studie der Wiener "Informationsgruppe Lateinamerika" an, die mit Unterstützung der Länder Niederösterreich und Steiermark über mehrere Monate das ORF-Nachrichtenprogramm auf Beiträge über Dritte-Welt-Staaten untersuchte. Das Ergebnis markiert die Bedeutung dieser Regionen für den ORF ziemlich deutlich. Ralf Leonhard, Autor der Studie: "Im ORF findet zu den Ländern des Südens keine Informationspolitik statt. Berichtet wird nur über Krisen, Kriege und Katastrophen, Hintergrundinformationen über diese Länder fehlen völlig". Die Kriegs- und Krisenberichterstattung mache 70 Prozent aller Beiträge aus, die sich mit Entwicklungsstaaten beschäftigen.

Untersucht wurden in Leonhards Studie nicht nur die Zeit im Bild-Sendungen, sondern auch Nachrichtenmagazine wie Thema, Report International, Brennpunkt, Am Schauplatz, Orientierung oder Kreuz & Quer. Einzig die Orientierung, das halbstündiges Religionsmagazin am Sonntagmittag, bringe häufig Beiträge über die nichtindustrialisierte Welt. "Und zwar ebenso viele wie Report International und Thema zusammen", so Leonhard.

Grundsätzlich sei das mangelnde Engagement des ORF in Sachen Entwicklungspolitik deshalb verständlich, "weil Österreich keine koloniale Vergangenheit und daher kein Naheverhältnis zu bestimmten Staaten in Übersee" hat, meint Leonhard. In Frankreich ist die Lage beispielsweise ganz anders. TV5, das internationale französische Fernsehprogramm, fühlt sich der frankophonen Welt (und der eigenen kolonialen Vergangenheit) verpflichtet und berichtet dementsprechend häufig über Entwicklungsländer, vor allem über Afrika.

"Gibt es im ORF einmal einen Beitrag über Zimbabwe, so zeigt dieser einen österreichischen Bauern, der dorthin ausgewandert ist. Wenn der Österreichbezug nicht gegeben ist, wird nicht darüber berichtet", hat Leonhard herausgefunden. Diese Nicht-Information hat gravierende Folgen. Leonhard: "Die Österreicher sind geprägt von dem, was sie im Fernsehen über diese Länder vorgesetzt bekommen. Wenn dort immer nur von Krieg und Massakern die Rede ist, ist es logisch, dass sich die Österreicher vor den Menschen der Entwicklungsstaaten zu fürchten beginnen. So beginnt der Ausländerhass".

Im ORF kennt man diese Problematik. Anita Scheiner, verantwortlich für die außenpolitische Berichterstattung in den ZiB-Sendungen: "Der ORF spielt im Konzert der deutschsprachigen Sender und muss daher auf den Österreichbezug pochen. Das ist unsere Chance, uns von den anderen Sendern zu unterscheiden". Außerdem seien Berichte aus Übersee auch "eine Geldfrage". Die Personaldecke sei knapp, die Zeit im Bild-Sendungen würden ohnehin mit unzureichenden Mitteln arbeiten. "Die Ausnahme ist, wenn wir selbst ein Kamerateam zum Beispiel nach Afrika schicken können. Dann sieht man im Bild ein ORF-Mikrofon. Das sind die Dinge, die für die Sendungsverantwortlichen entscheidend sind", bedauert Scheiner. Kontinuierliche Berichterstattung über Entwicklungsländer sei derzeit auch sendezeitmäßig "eher ein Traum".

Unbeirrt davon fordert Ralf Leonhard baldige Abhilfe. "Anders als die öffentlich-rechtlichen Kanäle Deutschlands werden im ORF Ereignisse, zu denen es keine Bilder gibt, nicht gemeldet". Die Studie fordert den ORF daher auf, mehr Hintergrundinformationen in die Beiträge über Dritte-Welt-Staaten mit einfließen zu lassen. "Ein guter Hintergrundbericht sagt mehr als zehn Kurzmeldungen. Selbst ohne zusätzliche Sendezeit könnte gehaltvoller berichtet werden", meint Leonhard. Immerhin: Der ORF gründet aufgrund der Studie nun einen Arbeitskreis zum Thema.

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