Politiker und Botschafter des Friedens

Tibet ist seit 1949 (wieder) in chinesischer Hand. Er selbst hat 1959 das Land verlassen und lebt seither in Dharamsala, dem indischen Exil: Trotz politischer Ohnmacht genießt der Dalai Lama weltweites Ansehen.

Es gibt nicht viele geistliche Oberhäupter, die weltweite Anerkennung finden und ebenso politisch von großer Bedeutung sind. Der Papst und der Dalai Lama haben dies erreicht. Obwohl im indischen Exil in Dharamsala lebend gilt er für die Tibeter bis heute als Oberhaupt Tibets.

Die Bezeichnung "geistliches Oberhaupt Tibets" ist nicht ganz korrekt, da die vier großen Ordensschulen Gelugpa, Kagyüpa, Nyingmapa und Sakyapa ihre eigenen Oberhäupter besitzen. Der v. Dalai Lama hat im 17. Jahrhundert erstmals die dominierende politische Position in Tibet übernommen, wodurch ihm auch eine hohe religiöse Autorität zukam, die jedoch nicht die Ausmaße erreichte, wie das Papsttum der katholischen Kirche.

Politisch einigende Kraft

Die Ordensschulen konnten ihre Lehrmeinungen und Philosophien selbst weiter entwickeln, ohne das Einverständnis des Dalai Lama einzuholen. Umso wichtiger war der Dalai Lama daher als die politisch einigende Kraft für Tibet. Er wird jedoch nicht von einem Gremium gewählt. Stirbt ein Dalai Lama, hinterlässt er Hinweise darauf, wo er wiedergeboren wird.

Hohe Würdenträger erhalten als Aufgabe, die Inkarnation mittels verschiedener Methoden und Prüfungen ausfindig zu machen. Die Auswahl verhindert, dass eine Herrscherfamilie über lange Zeit eine besondere Machtfülle anhäuft. Diese Auffindungsmethode ist nur im tibetischen Buddhismus zu finden.

Düstere Prognosen

Am 6. Juli 1935 wurde der amtierende Dalai Lama als Sohn einer Bauernfamilie in Taktster in der nordosttibetischen Provinz Amdo geboren und zwei Jahre später vom Suchtrupp entdeckt. Es war eine Zeit des außenpolitischen Vakuums in Tibet, das schon unter seinem Vorgänger begann. 1913 wurden die letzten chinesischen Truppen und Beamten aus Tibet vertrieben. Obwohl sich Tibet immer als unabhängig sah, hatte der xiii. Dalai Lama erst 1913 offiziell die Unabhängigkeit Tibets erklärt. Gleichzeitig wurden vorsichtige Reformen im Schul-, Post-, Steuer- und Militärwesen im "Mönchsstaat" auf den Weg gebracht.

Der Widerstand konservativer Kreise war jedoch groß. Die zaghaften Reformen scheiterten, Tibet kapselte sich von der Welt ab. Als der xiii. Dalai Lama starb, hinterließ er ein düsteres Testament, das die Verwüstung der Kultur Tibets durch die "rote Ideologie" prophezeite.

In den späten vierziger Jahren verstärkte sich der chinesische Druck auf Tibet, so dass Tenzin Gyatso, der xiv. Dalai Lama, noch nicht volljährig, den Thron bestieg und die Regierungsgeschäfte übernahm.

Am 1. Oktober 1949 rief Mao Zedong in Beijing die Volksrepublik China aus. Eine seiner ersten Forderungen war die "Heimkehr Tibets in das chinesische Mutterland". So marschierte die Volksbefreiungsarmee 1949 in Tibet ein.

Die internationale Staatengemeinschaft kümmerte sich nicht um den Gewaltakt. Mittels eines erzwungenen "17-Punkte-Abkommens zur friedlichen Befreiung Tibets" wurde die Eigenständigkeit des Landes aufgehoben. Eine Phase der "friedlichen Koexistenz" von traditioneller tibetischer Verwaltung und chinesischem Militär begann.

1959 kam es zu großen Spannungen, die am 10. März in einem Volksaufstand gipfelten. Im Laufe der Ereignisse floh der Dalai Lama nach Indien, wo er heute noch lebt. Für das tibetische Volk begannen die schmerzlichsten Jahre seiner Geschichte. Mehr als 1,2 Millionen Tibeter sind infolge der Besetzung gestorben. Nahezu alle Klöster und Baudenkmäler wurden zerstört, die geistige Elite Tibets getötet, verhaftet oder zur Flucht gezwungen.

Die Unterdrückung des Selbstbestimmungsrechts der Tibeter und die Verletzung der Menschenrechte halten bis heute an. Angesichts der vielen weltweiten Konflikte der vergangenen Jahre, vom Vietnamkrieg bis zu Afghanistan und Irak, wäre Tibet längst aus dem Blickfeld der Politik verschwunden, wäre da nicht der Dalai Lama im Exil, der die Aufmerksamkeit immer wieder auf das noch ungelöste Tibetproblem lenkt.

Globaler Weisheitslehrer

Durch seine zahlreichen Buchveröffentlichungen und Vorträge wird er immer mehr zu einem Weisheitslehrer für die gesamte Welt. Sogar beim ersten großen Ökumenischen Kirchentag in Deutschland war er der Ehrengast, und er sprach vor 20.000 Menschen. In all dem steckt die Gefahr, dass er zu einem spirituellen Popstar mutiert, der auf alles und jedes eine Antwort geben kann.

Es darf aber nicht übersehen werden, dass seine Reisen und Empfänge bei den Politikern eine politische Dimension haben, ja, dass er der Schlüssel zur Lösung des Tibetproblems ist. Gerade sein Eintreten für eine gewaltfreie Lösung dieses Konflikts hebt ihn und Tibet von vielen Freiheitskämpfern und Krisenherden der Welt ab. Waren die Tibeter in ihrer Geschichte nicht immer nur das friedliche Volk, wie es so viele Anhänger des Dalai Lama gerne glauben möchten, so vertritt er seine Friedenspolitik mit äußerster Konsequenz.

Der "Mittlere Weg"

1988 verzichtete er in einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg erstmals auf die Forderung nach einer staatlichen Unabhängigkeit. Mit dem "Mittleren Weg" zur Lösung der Tibet-Frage unterbreitete er der chinesischen Regierung ein sehr weitreichendes Angebot.

Dieses wurde im Laufe der Jahre immer wieder modifiziert, doch der Kern blieb derselbe: Das Zugeständnis der völkerrechtlichen Hoheit über Tibet, wenn im Gegenzug echte Autonomie gewährt und die Ansiedlung von Chinesen gestoppt wird.

Die Tibeter folgen in der Mehrheit seiner Politik des Mittleren Weges, wenngleich nicht alle diese verstehen oder akzeptieren wollen. Besonders die jungen Tibeter können sich mit diesem großzügigen Angebot nicht anfreunden. Aber gerade diese Versöhnungspolitik hat das Nobelpreis-Komitee veranlasst, ihn 1989 mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen: "Es wäre schwierig, irgendein historisches Beispiel für das Ringen einer Minderheit (...) zu finden, in der eine versöhnlichere Haltung dem Gegner gegenüber eingenommen wurde", hieß es in der Begründung.

Ausnahme Václav Havel

Der Dalai Lama erreicht mit seinen Positionen die Sympathien vieler Menschen, jedoch scheinen sie politisch wirkungslos zu bleiben. Die chinesische Regierung kommt ihm "keinen Millimeter" entgegen.

Sie bezeichnet ihn als Spalter Chinas und die Regierung im Exil als "Dalai Clique". Gebetsmühlenartig erklärt sie, der Dalai Lama müsse Tibet als integralen Bestandteil Chinas anerkennen, und außerdem besitze Tibet bereits Autonomie.

Und der Westen? Kein Staat der Welt hat Tibet anerkannt, kein Staat der Welt bezeichnet den Dalai Lama als weltliches Oberhaupt. Václav Havel war als tschechischer Staatspräsident die rühmliche Ausnahme.

Noch hat die Staatengemeinschaft die Chance, weltweit ein Lösungs-Modell für Tibet zu unterstützen, das Vorbildcharakter für viele Konflikte haben könnte. Papst Johannes Paul ii. blieb die ersehnte Reise nach China verwehrt. Die Rückkehr in ein freies Tibet wäre wohl das größte Geburtstagsgeschenk für den Dalai Lama.

Der Autor, Dipl.-Theologe und Lehrer in Bamberg, ist Vorsitzender der Tibet Initiative Deutschland e.V.

Weitere Informationen:

www.tibet.at

www.tibet-initiative.de

www.tibet.org

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