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"Provokation genügt nicht"

Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl mit "Hundstage" bei den Filmfestspielen Venedig.

Von Matthias Greuling, Venedig

Die Erfolgsserie für heimische Filme reißt nicht ab: Hatte Michael Haneke mit "Die Klavierspielerin" im Mai gleich drei Preise in Cannes abgeräumt, so ist es nun Dokumentarfilmer Ulrich Seidl ("Models", "Tierische Liebe"), der dieser Tage bei den Filmfestspielen in Venedig sein Spielfilmdebüt "Hundstage" präsentieren kann. In dem Streifen, der bei der Pressevorführung sehr gut aufgenommen wurde, porträtiert der Wiener Regisseur Menschen in der heißesten Jahreszeit, den sogenannten Hundstagen, am Stadtrand von Wien, zwischen Megamärkten, Schrebergärten und Autobahnzubringern. Dabei gelingt Seidl ein Stimmungsbild jenseits verkitschter "Kaisermühlenblues"-Atmosphäre. Was er zeigt, schockiert. Schockiert wirklich. Die furche traf Seidl, dessen Film voraussichtlich ab Anfang 2002 in den österreichischen Kinos zu sehen sein wird, zum Interview.

die furche: In "Hundstage" geht es um die heißesten Tage des Jahres. Bei welchen Temperaturen fühlen Sie sich am wohlsten?

Ulrich Seidl: Ich hab's gern kalt.

die furche: Warum spielt "Hundstage" dann nicht im Winter?

Seidl: Alle meine bisherigen Filme spielten im Winter oder bei schlechtem Wetter, bewölktem Himmel. Diesmal musste Sonne sein, ganz ohne Wolken oder trübem Wetter.

die furche: Sie porträtieren in Ihrem Film Menschen, die in der Freizeit in der heißesten Zeit eigentlich nichts zu tun haben.

Seidl: Die meisten Ehe-Zerwürfnisse passieren in der Freizeit. Auch die meisten Selbstmorde. Weil die Menschen da ihrem normalen Ablauf enthoben sind.

die furche: Der Alltag, den Sie schildern, ist überwiegend bekannt, schockiert aber trotzdem.

Seidl: Man kennt ihn, verdrängt ihn aber vielleicht. Der Alltag den ich zeige, ist recht unangenehm. Jeder weiß zwar, dass es so ist, aber man will nicht so genau hinschauen.

die furche: In einer Szene muss ein nackter Zuhälter, der eine brennende Kerze im Hinterteil stecken hat, unter Androhung von Waffengewalt die österreichische Bundeshymne singen. Wie wichtig ist Provokation für Sie?

Seidl: Grundsätzlich denke ich nicht darüber nach, was man tun könnte, um mit einem Film zu provozieren. Wenn es Provokation gibt, schadet das auch nicht. Wenn man sich provoziert fühlt, dann hat man sich schon mit dem Thema beschäftigt. Das ist gut. In vielerlei Hinsicht hat Kunst immer provoziert, was heute zunehmend schwieriger wird. Heute darf alles sein, es gibt kaum noch gesellschaftliche Konventionen. Doch ein Film muss auch andere Inhalte, andere Stärken haben, als die Provokation. Sie allein genügt nicht.

die furche: Sie haben bisher Dokumentarfilme gedreht. Ist die Bezeichnung Spielfilm für "Hundstage" zulässig?

Seidl: Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm. "Hundstage" gilt als Spielfilm, weil es ein Drehbuch gegeben hat, was bei meinen früheren Filmen nicht der Fall war. Meine früheren Filme, besonders "Models", waren auch nahe an der Grenze zur Fiktion.

die furche: Bleibt Ulrich Seidl nach "Hundstage" noch ein Dokumentarfilmer?

Seidl: Das nächste Projekt wird wieder ein reiner Spielfilm. Ich wollte ja nie Dokumentarfilme machen. Ich habe sie deshalb gemacht, weil sie für mich schneller und eher erreichbar waren. Als ich von der Filmakademie abgegangen bin, musste ich sieben Jahre lang warten, bis ich mein erstes Filmprojekt finanzieren konnte. Das war "Good News". Eine Doku war leichter durchzubringen als ein Spielfilm. Ich sage mir nicht: Ich mache nur Dokus oder nur Spielfilme, sondern: ich mache einen Film. Ich will über das, was mich beschäftigt, einen Film machen. Ich wollte immer schon Spielfilme machen.

die furche: Sind die Festspiele von Venedig eine Chance, schneller einen neuen Film zu finanzieren?

Seidl: Sollte man meinen. Aber die herrschenden politischen Kräfte in Österreich reagieren so, als wollten sie den österreichischen Film abschaffen. Man sagt sich: Der bringt nichts und ist unbequem und spielt eh nichts ein. Das ist paradox, jetzt, wo sich die Filme international sehen lassen können. Daran arbeitet die Branche schon seit 20 Jahren. Just jetzt kürzt man die Mittel.

die furche: Welchen Stellenwert hat eine solche Festivalteilnahme für Sie?

Seidl: Mich ehrt es sehr, in den Wettbewerb von Venedig aufgenommen worden zu sein. Das ist mein bisher größter Erfolg. Und das genügt mir. Mein persönlicher Wunsch war immer, dass "Hundstage" mein bester Film werden sollte. Ich glaube, das ist gelungen.

Mit meinen Dokumentarfilmen bin ich in den letzten Jahren an Grenzen in der Verbreitung gestoßen. Der Dokumentarfilm gilt irgendwie als minderwertige Kategorie, während der Spielfilm die Königsdisziplin ist. Als Dokumentarfilmer habe ich alles erreicht, habe alle Preise bekommen, die es gibt, auch das Publikum. Mit "Hundstage" messe ich mich da in einer ganz anderen Kategorie. Das reizt mich sehr.

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