Medien

Religion: Nicht genügend

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Religiöses Nichtwissen ist auch im Journalismus weit verbreitet. Leider.

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Religiöses Nichtwissen ist auch im Journalismus weit verbreitet. Leider.

Shit happens. So könnte man den Lapsus abtun, den sich jüngst ein ungenannter Tweeter in der ZDF-Redaktion leistete: „Am Feiertag #Fronleichnam gedenken viele ihrer Toten. Aber der Totenkult in Deutschland verändert sich: #Friedhöfe sterben langsam, das klassische Begräbnis ist nicht mehr immer gewollt. Mehr dazu im ZDFheute Update.“ So wurde dem staunenden Leser diese wahrhaft kolossale Umdeutung des Fronleichnamsfestes präsentiert.

Nun ist ja spätestens seit Karl Kraus notorisch, wie verbreitet Dummheit in den Medien respektive bei den in ihnen Tätigen ist. Aber zum einen wird das im Netz, wo sich alles im Nu global verbreitet und keine (Falsch-)Information wirklich zu löschen ist, noch prekärer. Journalistische Qualität wird also bis in die kleinsten Tweets noch wichtiger, und ob der aktuellen Arbeitsbedingungen in der Medienbranche aber erst recht praktisch unerreichbar.

Zum anderen zeigt das Beispiel zwar, dass mit verdunstender Religiosität auch das Religionswissen weiter schwindet. Aber das darf dennoch kein Grund sein, die Kompetenz in Sachen Religion im Journalismus gering zu achten. Im Gegenteil.

Als vor ein paar Tagen die Tiroler Grünen-Chefin Ingrid Felipe im Zuge der „Luder“-Diskussion um ihren türkisen Kollegen Josef Geisler mit der Wortspende auffiel, „Auge um Auge“ sei nicht ihr feministisches Verständnis, stieß sich niemand daran. Zur Verdeutlichung: Das biblische Zitat, das im Alten Testament die Begrenzung unverhältnismäßiger Strafmittel, also einen zivilisatorischen Fortschritt darstellt, wurde – aus dem Kontext gerissen – zu einem antijüdischen Stereotyp: Im Hinterkopf steigt das Bild vom jüdischen Rächergott auf (im Gegensatz zum christlich-barmherzigen Erlöser). Ein antisemitischer Code also, auch aus dem Mund der grünen Politikerin.

Einmal mehr: In keinem Medium wurde das angesprochen, geschweige denn kritisiert. Unser vermuteter Grund: religiöses Nichtwissen. Um nicht das Wort „Ahnungslosigkeit“ zu verwenden.