Onlinestreit - © Illustration: iStock / Johanna Svennberg
Medien

"Sch(m)utz im Netz" – Plädoyer für das "digitale Ich"

1945 1960 1980 2000 2020

Die Auseinandersetzung um die Debattenkultur im Netz läuft vornehmlich in Richtung Verbote. Das wird der Entwicklung digitaler Kommunikation aber ganz und gar nicht gerecht, kritisiert Community-Manager Christian Burger im Buch „Sch(m)utz im Netz“.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Auseinandersetzung um die Debattenkultur im Netz läuft vornehmlich in Richtung Verbote. Das wird der Entwicklung digitaler Kommunikation aber ganz und gar nicht gerecht, kritisiert Community-Manager Christian Burger im Buch „Sch(m)utz im Netz“.

Keine Frage: Der „Schmutz“ im Netz stellt ein großes und immer größeres Problem dar. Die Beispiele, wie Hetze und Menschenverachtung in der Anonymität von Postings und Social-Media-Nachrichten scheinbar sanktionslos in die Welt gesetzt werden können, wie die Erkenntnis, dass alles, was einmal ins World Wide Web entlassen wurde, nie mehr völlig daraus zu entfernen ist, dominieren die öffentliche Diskussion.

Clamoröse Fälle wie die unflätigen Beschimpfungen, welche die heutige Grünen-Klubobfrau Sigrid Maurer einem Bierwirt in der Wiener Josefstadt zuordnete, und der sich darob anschließende Prozess, den der behauptete Urheber der Beschimpfungen tief unter der Gürtellinie gegen Maurer anstrengte, weil er es nicht gewesen sei, steigerten den Ruf nach effektiven (Straf-)Maßnahmen gegen Hetzer und Beschimpfer, die sich hinter anonymen Postings verstecken.

Der genannte Prozess ging bekanntlich vor wenigen Wochen mit der Rücknahme der Klage zu Ende – das Problem bleibt natürlich weiter bestehen. Ob das von der derzeitigen Regierung auf den Weg gebrachte Gesetz gegen Hass im Netz da nachhaltig Abhilfe schaffen kann, wird sich erst weisen.

Der Fokus des aktuellen Diskurses ist aber – jedenfalls in der Anschauung von Christian Burger – mehr als einseitig. Denn natürlich müsse gegen Hass, Hetze und Verletzung der Menschenwürde vorgegangen werden. Aber, so Burger, das „Starren auf die negative Eskalation im Netz“ verstelle die „Sicht auf das komplexe Wesen von Onlinediskursen“. Daher macht sich Burger auch die positiven Aspekte derselben und insbesondere der Anonymität, die das Netz bietet, zu eigen.

Austarieren des öffentlichen Diskurses

Christian Burger ist in dieser Debatte nicht irgendwer. Denn seit 2011 leitet der Experte für Onlinekommunikation das Community-Management bei derstandard.at. Wer einmal in den Foren und Kommentarspalten dieses Qualitätsmediums unter- wegs war, kann ermessen, dass das Austarieren eines offenen Diskurses ohne Grenzüberschreitungen zu Hetze und verbaler Gewalt eine durchaus herausfordernde Aufgabe sein muss. Aber, und darauf insistiert Burger, es gibt auch die andere Seite, nämlich dass gerade die Anonymität einen Schutzraum für Diskurse ermöglicht.

„Warum wir digitale Masken brauchen“ ist der Untertitel des Büchleins, in dem sich Burger zum Anwalt der Anonymität im Netz emporschwingt: Und dem Titel – „Sch(m)utz im Netz“ – gelingt es sogar, die Ambivalenz des Unterfangens aufzunehmen. Erschienen ist der kleine Band in der Reihe „Leykam Streitschriften“, wobei die Argumente Burgers ganz und gar nicht „streitbar“ daherkommen. Vielmehr handelt es sich um nüchterne und nachvollziehbare Argumente dafür, mit den Forderungen nach Hassbekämpfung nicht auch gleich die Diskursvorzüge, die das Internet bereithält, mitzuentsorgen.