Selbsttherapie für Frau Kampusch

Natascha Kampusch und ihre Beziehung zu den Medien: Zuerst wollte sie nicht, doch alle wollten sie. Dann wollte sie, und ließ sich somit auf ein gefährliches Spiel ein. Sie, die unwissende, gequälte Person, gab Interviews, für die viel Geld bezahlt wurde und die nicht immer in ihrem Sinn verwertet wurden. Doch Natascha Kampusch hat gelernt. Sie will nicht mehr nur ein Opfer der Medien sein, denn einmal Opfer im Verlies ist schon genug. Kampusch selbst tritt jetzt vor die Kamera.

"Natascha Kampusch trifft" ist nun also eine Talk-Sendung, die der Klein-Sender "Puls 4" pietätvoll zu vermarkten versucht - wobei er aber nicht aus seiner eigenen Haut kann. Schon Tage vor der ersten Sendung streute das Marketing des Senders in ewig gleichen Werbebotschaften die Kunde von Kampuschs TV-Debüt in die Welt. Kampusch selbst gab ein Interview nach dem anderen und brachte sich in eine eigentümliche Situation: Mit ihrem ersten Talk-Gast Niki Lauda sprach sie nicht nur über dessen Schicksale - von Unfall bis Nierenspende - sondern in ein paar Ansätzen auch von sich selbst. Das ist das Konzept: Hier gestaltet erstmals ein Opfer in den Medien seine eigene Sendung, um der Mediengeilheit um die eigene Person etwas den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Könnte ein interessantes Experiment werden, geriet zum Auftakt allerdings lau. Diese Sendung hätte Potenzial, wenn hier wirklich neue Geschichten erzählt würden und Kampusch andere Persönlichkeitsaspekte von sich zeigte. Gegenwärtig mutet der TV-Talk eher wie eine Selbsttherapie für Frau Kampusch an - natürlich vor großem Publikum, passend zum bisherigen Verlauf ihres Falles. Frau Kampusch muss jetzt aufpassen, dass sie nicht selbst zu einem aktiven Teil jener Medien-Maschinerie wird, die ihren Mythos überhaupt erst geboren hat.

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