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Sklaven kennen keinen UNGEHORSAM

1945 1960 1980 2000 2020

Seit mehr als 20 Jahren regiert Isayas Afewerki Eritrea als Diktator. In Asmara herrscht heute Ruhe. Wer Widerstand leistete, ist tot oder geflohen. Ein Report.

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Seit mehr als 20 Jahren regiert Isayas Afewerki Eritrea als Diktator. In Asmara herrscht heute Ruhe. Wer Widerstand leistete, ist tot oder geflohen. Ein Report.

"Damals, beim Roten Kreuz, war alles gut. 4700 Nakfa im Monat, pünktlich bezahlt, regelmäßige Arbeitszeiten". Yohannes, der gar nicht Yohannes heißt, ist heute Fahrer für eine der staatlichen Tourismusagenturen und verdient ein Drittel davon. "Sie haben sämtliche NGOs und die Vertreter der UNO des Landes verwiesen", weiß er seit seiner Kündigung dort. Und mehr als zweimal monatlich hat er nichts zu tun. Denn Fremde in Eritrea sind suspekt, ein Visum nur mit vierwöchiger Wartezeit zu bekommen, wenn es Asmara überhaupt genehmigt.

Asmara, die Hauptstadt Eritreas, liegt auf 2300 Metern. Eine leise Stadt, sauber, umgeben von grauen Hügeln mit Forts und vielen Senderanlagen, ohne glitzernde Wolkenkratzer. Ein charmantes, altitalienisches Zentrum in pastellfarbenem Art Nouveau, mit Brunnen und toskanischen Türmchen. Moscheen und Kathedralen in trauter, überreligiöser Eintracht. Viele Kinos wie das Impero mit seinen 1800 Plätzen, auch wenn die meisten heute oft Lagerhallen sind. Die Albergo Italia ist immer noch da, oder die Pensione Pisa, gleich neben dem kleinen Frisiersalon Gianni & Gina, dessen Schaufenstergestaltung aus Mussolinis Zeiten stammen muss. Der Latte Macchiato in der Pasticceria Moderna mundet hervorragend, und vor der Pizzeria Napoli stehen etliche Yuppies Schlange.

Die stille Stadt

Kein lautes Wort irgendwo, kein Hupen. Selbst die Fiat 600, die Fahrschulautos der "Africa Driving School", klingen gedämpft. Keine Uniform weit und breit, von einem eritreischen Carabinieri abgesehen, der unafrikanisch unaufgeregt Kaffee in den Arkaden der früher wohl prächtigen Oper der 1920er-Jahre trinkt, wo die letzte Aufführung schon lange her sein muss. Dass die nationale Stasi dort aus und ein geht, ganz in Zivil, ist kein Geheimnis.

Das Nationalmuseum ist den Sommer über wegen Renovierung geschlossen, auch wenn die Kassadame da ist, Dienst ist Dienst. Geschichtsbewältigung ist wieder einmal angesagt, wenn schon die Gegenwart totgeschwiegen werden muss. Man spricht leise, geht langsam und fällt am liebsten nicht auf.

Von 1890 bis 1941 italienische Kolonie, stand Eritrea danach unter britischer Verwaltung und wurde 1961 zur Provinz Eritrea des Äthiopischen Kaiserreiches von Haile Selassie. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1993 hat die Regierung unter Langzeitpräsident Isayas Afewerki, Amnesty International zufolge, mindestens 10.000 Menschen festgenommen, die meisten aus politischen Gründen. Meron Estephanos, Gründerin der Internationalen Kommission von Flüchtlingen aus Eritrea, gibt sich gegenüber BBC keinen Illusionen hin: "Wir haben eines der repressivsten Regime der Welt. Die Menschen haben einfach alle Hoffnung verloren".

Die Analphabetenrate beträgt 30 Prozent, auf der Liste des Human Development-Index nimmt Eritrea Platz 182 ein, die Lebenserwartung liegt bei 62 Jahren: Das Land ist heute eines der ärmsten der Welt. Dabei galt Eritrea einmal als Musterstaat Afrikas, mit einer vorbildlichen Verfassung. Das war kurz nach Ende des 30-jährigen Unabhängigkeitskrieges gegen Äthiopien. Heute gilt das Land als DDR oder Nordkorea Afrikas, isoliert von seinen Nachbarn Sudan und Äthiopien, abgeschottet und mit eiserner Hand regiert. Afewerki verlangt Kadavergehorsam und begründet das mit der immer noch schwelenden Feindschaft mit Big Brother Äthiopien, mit dem der Grenzkonflikt weiterhin nicht beigelegt ist, trotz der offiziellen Grenzfixierung 2002: Nach wie vor kann jeder Eritreer von der Schulbank bis zum Greisenalter jederzeit zum Militärdienst verpflichtet werden.

20 Jahre warten auf Fortschritt

Präsidentenberater Yemane Ghebreab findet eine Erklärung für die diffusen Ängste vor Opposition und Ausland: "20 Jahre sind eine kurze Zeit, um eine Nation aufzubauen. Wir haben durch den Krieg zwei Generationen verloren, die keine richtige Ausbildung bekommen konnten."

Auf der jährlich erscheinenden Rangliste der Pressefreiheit, die von der Pressefreiheitsorganisation Reporter ohne Grenzen veröffentlicht wird, nimmt das Land 2015 den 180. und letzten Platz ein. Zumindest die digitale Zensur übernimmt die miserable Infrastruktur der vielen Internet-Cafès, wo der Download von Websites Stunden dauert, falls der Generator überhaupt Strom produziert.

Nächtens geht in der Regel das Licht ohnedies bald aus, und oft auch der Ventilator, was bei 35 Grad Nachttemperatur am Roten Meer unerfreulich ist.

Yohannes war sieben Jahre Soldat, zeigt unaufgefordert seinen Armee-Ausweis und hat in dieser Zeit jedes Fahrzeug steuern gelernt: Vom Motorboot am Roten Meer bis zum Panzer in den staubigen Terrassen an der äthiopischen Grenze - 90 Prozent des Landes, das etwa eineinhalb Mal die Größe Österreichs hat, weist Hangneigungen über 35 Prozent auf, was kaum weltmarkttaugliche Ernten zulässt. "Mein Sohn ist in der Armee und verdient 500 Nakfa", sagt er in gebrochenem Englisch. Leise. Italienisch kann er besser.

Damit kommt man in Downtown Asmara nicht weit - eine Pizza Cardinale ist dort um 160 Nakfa, ein Asmara Coke made in Eritrea um 15 zu haben, das entspricht nach offiziellem Kurs einem US-Dollar. Preise sind so eine Sache hier: Der Schwarzmarkt bietet für Devisen das Vierfache, bloß riskieren Beteiligte langjährige Gefängnisstrafen und Geldbußen in Millionenhöhe. Und so kostet ein simpler Snack für Ausländer mehr als doppelt so viel wie ein Touristenmenü im Herzen von Florenz, denn ohne gute Freunde ist es lebensgefährlich, Geld zu wechseln, und Agents Provocateurs der Staatspartei "Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit" lauern überall, sagt Wanda, 22, die gegen harte US-Dollar für staatliche Reiseagenturen Travel Permits organisieren kann.

Ausgewählte Exkursionen

Die braucht es, um Asmara überhaupt verlassen zu dürfen. Es gibt sie nur in Asmaras Tourismusministerium, je nach tagespolitischer Stimmung, und nur für ausgewählte Gebiete wie Keren oder Massawa, die nicht im Grenzbereich liegen. Die Straßen zumindest dorthin sind gut und kaum befahren, Hauptverkehrsweg für Ziegenherden, Iveco-Tanklastzüge und Paradies für zahlreiche afrikanische Radprofis, die hier für die jährliche Tour d'Eritrea trainieren. Bloß ab und zu durchbricht ein ausgebranntes Panzerwrack in einem Kakteenbusch die staubige Monotonie, bisweilen blockiert eine schwer beladene Kamel-Karawane die Überholspur. Dicht wird der Verkehr nur Freitagabend im Küstenbereich von Massawa am Roten Meer, zwei Fahrstunden oder 110 km und 2300 Höhenmeter tiefer als Asmara, wo die politische Nomenklatura ihre Wochenenden im Gurgussum Beach Hotel verbringt, Sonnenuntergangsritte auf prächtig geschmückten Kamelen zelebriert und die zerschossenen Prunkbauten von Massawa Island nicht vor sich haben muss.

Dort leben nur mehr ein paar Hundert Menschen. Viele davon schlafen auf Betten im Freien, weil sie den brüchigen Gemäuern neben Eritreas Haupthafen nicht mehr trauen. Alle anderen sind längst weg. Ohne den blutigen Bürgerkrieg im Nahen Osten würde Eritrea einen traurigen Rekord halten: Nach den Syrern haben Flüchtlinge aus Eritrea mit 80 Prozent die höchste Anerkennungsrate in der EU. 47.000 Eritreer sind 2014 nach Europa gekommen, viele in maroden Booten über das Mittelmeer - eine gewaltige Menge für ein Land von weniger als sechs Millionen Einwohnern.

Dabei ist der Krieg vorbei, anders als in Syrien oder Somalia, einem weiteren Spitzenreiter in der Flüchtlingsstatistik. Christian Manahl, EU-Botschafter in Eritrea, nennt vor allem zwei Ursachen: hohe Arbeitslosigkeit und einen unbegrenzten "nationalen Dienst" (siehe auch Geschichte rechts). Pässe und Reispapiere zu bekommen, ist für die meisten Bürger unmöglich.

Dabei ist fehlende Reisefreiheit nur ein Mosaikstein in der aktuellen Menschenrechtsdebatte. Zumindest offizielle Ausreisesteuern für Touristen gibt es keine mehr. Dafür mehrseitige Fragebögen des nationalen Tourismusamtes, "um künftig noch besser auf die Wünsche der Urlauber eingehen zu können", wie der nette Herr im Maßanzug in der Ausreisehalle am Airport betont. Wie er das tut? Leise. Wie sonst.

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