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Tränen ausgegangen

"Das Meer in mir", Alejandro Amenábars Oscar-prämiertes Drama, macht Sterbehilfe zum Thema und berührt jenseits des Kitsch.

Ramon Sampedro liebte das Meer. Wie gerne tauchte sein gestählter, jugendlicher Körper in die Fluten ein und erfrischte sich an der Gischt der brausenden Wogen. Einmal, da sprang Ramon etwas ungeschickt und landete mit dem Kopf am Meeresboden. Unbeweglich trieb er im Wasser, ehe er von einem Freund gerettet wurde. Doch schnell stellte sich heraus: Ramon würde für den Rest seines Lebens vom Kopf abwärts gelähmt bleiben. Sein Schicksal als unlebbar empfindend ging Sampedro vor Gericht, um für sich die legale Sterbehilfe zu erstreiten - ohne Erfolg.

Auf dieser wahren Geschichte basiert Alejandro Amenábars neuer Film "Das Meer in mir", für den der Regisseur von "The Others" vergangene Woche einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film entgegennehmen durfte. In der Hauptrolle als gelähmter Ramon Sampedro glänzt einer der besten Schauspieler der Welt - Javier Bardem ("Before Night Falls"). Als bettlägriger alter Mann sehnt Ramon den Tod herbei. Er tut dies mit einem Lächeln, weil ihm irgendwann, nach all den Jahren, die Tränen ausgegangen sind. Ramon ist abhängig von den liebevollen Menschen, die ihn pflegen und umsorgen. 24 Stunden täglich braucht sein Körper Aufsicht, und seine Seele braucht Halt. Denn wenn Ramon allein im seinem Zimmer liegt, dann beginnt sein Blick aus dem Fenster zu gleiten, hinaus aufs geliebte Meer, das er immer noch in sich trägt. Und dann ist er - für Minuten - wieder glücklich.

Das erdrückende und von Regisseur Amenábar berührend, aber ohne Kitsch inszenierte Schicksal von Ramon Sampedro geht nahe - vor allem, weil Javier Bardem es wie kein anderer Schauspieler versteht, durch seine Mimik und Blicke, durch sein Lächeln tiefe Gefühle der Trauer beim Publikum auszulösen. Dass "Das Meer in mir" in seinem Herkunftsland Spanien für heftige Debatten um die Legalisierung von Sterbehilfe ausgelöst hat, scheint allerdings nicht das Ziel der Filmemacher gewesen zu sein. Amenábar verurteilt das Gericht nicht, das Sampedro einen Tod durch fremde Hand untersagt. "Das Meer in mir" erzählt lieber eine emotionale Geschichte ohne moralische Aussagen. Ein Ausschnitt aus dem Leben eines Mannes, der für seinen humanen Tod kämpfte. Wenn das Wort Held nach all der stupiden Meterware aus Hollywood eine neue Definition braucht, dann hat es diese in Ramon Sampedro gefunden.

DAS MEER IN MIR - Mar adentro

E/F/I 2004. Regie: Alejandro

Amenábar. Mit Javier Bardem,

Belen Rueda, Lola Duenas, Mabel

Rivera. Verleih: Tobisfilm. 126 Min.

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