Der ORF hat sich eine Programmreform verordnet. Nicht alle freuen sich darüber: Proteste - auch im Haus selbst - gibt es gegen das Kulturprogramm.

Alles bleibt besser", verkünden seit vergangener Woche Plakate im ganzen Land. Der ORF startete zeitgleich mit seiner Programmreform auch eine neue Image-Kampagne. ORF-Generaldirektorin Monika Lindner spricht gerne von der "größten Reform" seit der Ära Zeiler (Lindner: "Ich will nicht sagen: rühmen, aber ich glaube, wir können alle zufrieden sein"), gleichzeitig werde am Küniglberg künftig massiv gespart. Die Devise: Mehr Programm, weniger Ausgaben. Wie Lindner das finanziert, wollte sie bei der Präsentation des Programms allerdings nicht verraten. "Für die Zuschauer ist es irrelevant, was wir uns leisten können. Geldfragen sind nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt", meinte Lindner, die seit rund 300 Tagen den ORF führt, der freilich zu etwa 50 Prozent aus Rundfunkgebühren finanziert wird, die die Zuschauer brav zu überweisen haben. Einzig ORF-Informations-Chefredakteur Werner Mück verrät im Branchenblatt Der Österreichische Journalist, was hinter der "Sparexpansion" des ORF steckt: "Wir liegen bei einem Sparziel von Minus 25 Prozent. Um einen Vergleich aus dem Sport zu bemühen: Wir müssen das Formel-Eins-Rennen gewinnen und mit weniger Sprit schneller fahren".

"Affront!"-Schrei der Kultur

Gegen diesen Radikalkurs regten sich in der Öffentlichkeit schnell scharfe Proteste. Vor allem die Änderungen im Bereich der Kultur (Motto: "Comedy statt Kunst-Stücke") zogen nachhaltige Proteste nach sich. Zunächst stellte sich die gesamte Kulturredaktion des ORF in einer Resolution gegen die ORF-Führung, der man mangelnde Einbindung der Kulturredaktion in die Arbeit an neuen Programmen sowie die Hintanstellung österreichischen Kulturprogramms vorwarf. ORF-Chefin Monika Lindner konterte: "Wir machen unser Programm für das Publikum, und nicht, um die Damen und Herren irgendeiner Abteilung zufrieden zu stellen."

Doch die Proteste ziehen weit größere Kreise als lediglich in der ORF-Kultur: Schon vor Bekanntwerden der neuen Programmpläne protestierten Filmschaffende und Künstler gegen die Einstellung der Kunst-Stücke, und nach der Resolution der Kulturabteilung meldete sich Burgtheater-Chef Klaus Bachler zu Wort: Er warnte vor einem ORF als "Verdummungsinstrument". Sowohl der Regie-Verband-TV als auch die IG Bildende Kunst erklärten ihre Solidarität mit der ORF-Kultur: Das Nachfolge-Sendungskonzept für die Kunst-Stücke - am Donnerstag-Spätabend gibt es künftig eine Jugendschiene - sei "ein Affront gegenüber allen kunstinteressierten ORF-Sehern", so Daniela Koweidl von der IG Bildende Kunst, die der ORF-Reform "mit allergrößter Skepsis" begegnet. "Massiver Kritikpunkt ist die schon seit Jahren anhaltende Eliminierung von Sendetypen für Kunst." Die IG Bildende Kunst ist der Meinung, der ORF komme seinem Programmauftrag nicht mehr nach und kritisiert auch "die nicht existente Kommunikationsbereitschaft der ORF-Verantwortlichen mit Kunst- und Kulturschaffenden".

Immerhin: Obwohl die ORF-Programmreform primär darauf abzielt, das Programm reichweitenstärker zu gestalten, konnte sich die ORF-Führung dazu durchringen, einen Sendeplatz für den Dokumentar- und Spielfilm zu schaffen: Jeden Sonntag um 23.10 wird es künftig Dokus geben, gefolgt von Spielfilmen aus Österreich. Andreas Gruber, Regisseur und Vorsitzender des Dachverbandes Österreichischer Filmschaffender: "Prinzipiell ist das zu begrüßen, aber die späte Uhrzeit am Sonntagabend ist nicht gerade ein Ausweis für die Verösterreicherung des Programms." Gruber, der seit Jahren darum kämpft, "dass Kultur außerhalb der demoskopischen Mehrheiten seine Berechtigung haben muss", schlägt einen Montag-Sendeplatz (22.30 Uhr) für österreichische Filme vor. "Ich wünsche mir eine Diskussion über den Kulturbegriff im ORF. Denn zwischen einer Opernübertragung und Kommissar Rex gibt es noch so viel, das zu verschwinden droht." Auch kann sich Gruber vorstellen, dass der ORF diese Themen in der Öffentlichkeit im Rahmen einer eigenen Sendung diskutiert. Reinhard Scolik, ORF-Programmdirektor, hat Gespräche über die Kultur im ORF in Aussicht gestellt und will 2003 weitere Änderungen vornehmen. Haken: Diese sollen auf einer Studie basieren, die zur Zeit durchgeführt wird, und die abtesten soll, was die Zuschauer sehen wollen. Die Gefahr dabei: Erneut könnte der Kultur durch die Mehrheitsmeinung Grenzen gesetzt werden.

Leichter wird's auch nicht ...

Die Reaktionen aus der Werbewirtschaft zum neuen ORF-Programm sind dagegen überwiegend positiv. Eine Verjüngung des ORF, so der Tenor, sei der richtige Weg. "Man merkt, dass sich was tut", freute sich der Chef einer großen Agentur. Nötig hat der ORF die Imagekorrektur bei der Werbung allemal. Alexander Wrabetz, Kaufmännischer Direktor des ORF: "Ich rechne für 2002 mit einem Rückgang des ORF-Werbemarktes um etwa fünf Prozent." Das sei zwar immer noch besser als der achtprozentige Einbruch in Deutschland, dennoch hätten dem ORF die auferlegten Werbebeschränkungen - etwa die eingeschränkt erlaubte Werbung für Printmedien - geschadet: "Diese Kunden sind alle in die Werbefenster der Privaten geflüchtet." Für das kommende Jahr hofft Wrabetz, dass es mit dem Werbemarkt "nicht noch weiter nach unten geht".

Für die heimische Kultur im Fernsehen und den Werbemarkt wäre es sinnvoll, das neue ORF-Motto "Alles bleibt besser" zu erweitern. Vielleicht um den Slogan: "Leichter wird's auch nicht."

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