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Würdige Sieger

Beim Filmfestival in Cannes dominierten heuer Filme mit politischen, historischen oder gesellschaftlichen Anliegen.

Wer wie Marie Antoinette ein Faible für knallbunte Schuhkreationen und ausgefallene Tortenkunstwerke hat, sich aber im royalen Luftschloss Versailles eher verloren fühlt, für den ist "Marie Antoinette" der richtige Film. Eine etwas andere Filmbiografie der Österreicherin in Versailles. Im Vordergrund steht eine kleine, fadisierte Prinzessin, die von Regisseurin Sophia Coppola in einem farbenfrohen Bilderrausch aus nicht enden wollenden Festen und geheimen Liebschaften porträtiert wurde.

Zumindest an diesem Film schieden sich die Geister. Bei den anderen Wettbewerbsfilmen des 59. Filmfestivals von Cannes herrschte überwiegend Einigkeit, auch, was die von der Jury unter dem Vorsitz von Wong Kar-wai vergebenen Preise anbelangt.

Historische Aufarbeitung

Der Brite Ken Loach, ein Sozialkritiker des Kinos, bekam die Goldene Palme für die historische Aufarbeitung "The Wind That Shakes the Barley". Die britisch-irischen Beziehungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts stehen im Mittelpunkt, der "War of Independence" im Hintergrund. Die präzise Analyse eines bis heute schwelenden Konfliktes besticht durch ihr Porträt von Heroik und ihren tragischen Resultaten. Ein durchaus würdiger Sieger.

Zwischen all den von den Marketingexperten der großen Studios minutiös geplanten Showeinlagen zur Promotion großer Hollywood-Filme wie "X-Men" oder "Over the Hedge" punktete der diesjährige Wettbewerb mit einer Mischung aus politischen, historischen und gesellschaftlich engagierten Werken.

Bislang kaum Beachtetes

In "Flandres" von Bruno Dumont (Großer Preis) und in "Indigènes" von Rachid Bouchareb (Ensemblepreis für die Darsteller) stehen die Ungerechtigkeiten des Kriegführens im Mittelpunkt. Vor allem letzterer greift ein bislang kaum beachtetes Thema auf: Der Einsatz nordafrikanischer Soldaten zur Befreiung Frankreichs von den Nazis wurde niemals mit Dank belohnt. "Indigènes" plädiert für eine Anerkennung dieser historischen Leistungen, die man schon fast vergessen hatte. "Red Road", das Regiedebüt der Britin Andrea Arnold (Preis der Jury), kritisiert wiederum den modernen Überwachungsstaat: In Englands großen Städten gibt es so viele Videokameras wie nirgends sonst auf der Welt. Arnold erzählt von einer Beamtin, die sich im Kontrollraum durch unzählige Kameras zoomt - bis sie einen Mann entdeckt, den sie am liebsten nie wieder gesehen hätte. Die Bilderflut dient als Macht-Instrument, auch wenn die Protagonistin dieser Macht beinahe ohnmächtig ausgeliefert ist.

Das Ausgeliefertsein thematisiert auch das Drama "Babel" von Alejandro Gonzalez Inarritu (Beste Regie): Ein amerikanisches Paar (Bad Pitt, Cate Blanchett) erlebt in Marokko die Hölle auf Erden, als die Ehefrau aus heiterem Himmel angeschossen wird. Während sie in einem Dorf fast verblutet, versuchen andernorts die beiden Buben, die das Geschoß abfeuerten, dies zu vertuschen. Auf der anderen Seite der Erde gerät die mexikanische Haushälterin der Amerikaner in Schwierigkeiten, als sie ihre Pflegekinder mit nach Mexiko nimmt. Der Urheber des Problems sitzt allerdings in Japan. Inarritus verwirrende, aber letztlich geniale Montage, die keiner Linearität folgt, kennen wir bereits aus seinem Film "21 Gramm". Diesmal schildert Inarritu, wie sich Zusammenhänge auf der ganzen Welt zufällig beeinflussen können.

Schön und aufregend

Ganz anders dagegen Pedro Almodovars wunderschöner neuer Film "Volver" (Bestes Drehbuch, bestes Darstellerinnen-Ensemble): Frauen, die von den großen Sorgen der Welt unberührt sind und stattdessen ihre eigenen Probleme lösen. Erneut eine Mischung aus Almodovars Kindheitserinnerungen, voller Poesie, mit einer wunderbaren Penelope Cruz in der Hauptrolle.

Großes Aufsehen erregten in Cannes etliche Filme außerhalb des Wettbewerbs: Oliver Stone zeigte die ersten 20 Minuten seines 9/11-Dramas "World Trade Center". Im Gegensatz zu Paul Greengrass' "United 93" verfällt Stone schnell in ein gängiges Actionfilm-Muster, das schon im ersten Akt das amerikanische Heldentum abfeiert.

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