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„Capriccio“ und Kammeroper

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„Ein Konversationsstück mit Musik“ nennt Richard' Strauss seine 15. und letzte Oper, die 1939 begonnen und im Oktober 1942 in München uraufgeführt wurde. Das geistvoll-amüsante Textbuch hatte Clemens Krauss für seinen verehrten Freund und Meister geschrieben. Es geht darin, wie man weiß, um die Rivalität zwischen Wort und Ton in der Oper, einen Wettstreit, der zwischen einem jungen Dichter und einem Komponisten ausgetragen wird. Aber nicht nur künstlerisch, sondern auch als Bewerber um die Hand der schönen, jungen Gräfin Madeleine. Diese bleibt unschlüssig, bis zum Schluß. Denn als Flamand das ihr von Olivier gewidmete Sonett komponiert, erkennt sie, daß Wort und Ton gemeinsam stärker wirken als jede der Künste für sich.

Daß daraus keine trockene musiktheoretische Abhandlung wird, dafür sorgte die ebenso sinnfällig wie geschickt ins Menschliche transportierte Konfliktsituation, sorgen die zahlreichen, mit sicherem Strich gezeichneten Nebenfiguren: der Bruder der Gräfin, der Theaterdirektor, eine Pariser Schauspielerin, ein Tänzer- und ein Sängerpaar und schließlich — von besonderer Aktualität: Mr. Taupe. der Souffleur. Eine Oper also über das Kernproblem der Oper, mit der geistreichsten und durchsichtigsten Musik ausgestattet, die Richard Strauss jemals geschrieben hat.

Die „Handlung“ wurde von den beiden Autoren in ein Schloß in der Nähe von Paris, etwa um 1775, verlegt. Rudolf Hartmann inszenierte in den noblen, pastellfarbenen Bühnenbildern von Robert Kautsky ganz im Stil der galanten Zeit. Sämtliche Haupt- und Nebenpartien waren mit ersten Kräften besetzt. Lisa Deila Casa ist in Erscheinung und Temperament eine ideale Gräfin, der junge Amerikaner Robert Kerns agiert den Bruder mit natürlicher Eleganz, Kmenti und Berry, als die rivalisierenden

Künstler, sind in diesen Partien hierorts ja bekannt und bestens bewährt, Christa Ludwig (als Schauspielerin Clairon von Charlotte Fleming besonders apart gekleidet, vorteilhafter und dezenter als die Gräfin) hat nicht nur ihre schöne Stimme einzusetzen, und Otto Wiener — in der Rolle des Theaterdirektors sehr an Paul Schöffler erinnernd — spielt mit Humor, Bravour und einem angenehmen Schuß Selbstpersiflage. Ebenso trefflich die Nebenpartien: der schattenhafte Souffleur Mr. Taupe von Peter Klein, das lebhaft (und mit vollem Recht) akkla-mierte italienische Sängerpaar Lucia Popp und Fritz Wunderlich sowie die ihren Part sauber und graziös exekutierenden jungen Tänzer Erika Zlocha und Ludwig Musil.

Der Dirigent der Aufführung, Georges Pretre, ist seit zehn Jahren mit dieser feinen und heiklen Partitur vertraut. Vielleicht müßte er es auch ein wenig mit der deutschen Sprache sein, um jene letzte Elastizität im Accompagnato zu erreichen, die gerade bei diesem Konversationsstück notwendig ist. Aber er hat mit den Philharmonikern sehr schön musiziert und die Sänger nur ganz selten zugedeckt.

„Das ist kein Stück für ein Publikum von 1800 Personen pro Abend; vielleicht ein Leckerbissen für kulturelle Feinschmecker“, schrieb Richard Strauss vor der Premiere, und „Greisenunterhaltung“ nannte er diesen, mit so viel Können und Brillanz ins Werk gesetzten Spaß. Hätten wir nur noch einige solcher „Greise“ — wir wünschten uns keine bessere Unterhaltung als mit ihren Werken ... *

Mit zwei Novitäten als Uraufführung wartete die Wiener Kammeroper auf. „Die beiden Pädagogen“, ein Singspiel von Johann Ludwig Casper nach einem Stück von Eugene Scribe, schrieb der zwölfjährige Felix Mendelssohn-Bariholdy anno 1821 in Berlin. Auf die Musik von

vier Singspielen Mendelssohns hatte bereits 1922 Georg Schünemann hingewiesen, aber erst 1960 wurden für zwei davon die Zwischentexte entdeckt. Das „Gesamtkunstwerk“ hat jetzt die Wiener Kammeroper herausgebracht. Eine harmlose, aber keineswegs reizlose und undramatische Geschichte, bei der es um eine Erbschaft geht, die zugleich ein Ehehindernis darstellt. Von den beiden Pädagogen heißt der eine „Rohrstock“, und der andere ist in Wirklichkeit ein Lakai. Bereits Mendelssohns Librettist und

Freund, der später bekannte Gerichtsmediziner Casper, hatte die Handlung nach Österreich verlegt, und der Bearbeiter der Kammeroper, Johann Weh-ner, stattete die Hauptfigur, den falschen Pädagogen, mit Nestroyschen Zügen und dazugehörigem Vokabular aus. Die Musik ist erstaunlich, obwohl man in letzter Zeit ja immer wieder Gelegenheit hatte, an instrumentalen Frühwerken die unwahrscheinliche Geschicklichkeit und Leichtigkeit von Mendelssohns Hand zu bewundern. Aber wie hier Arien, Terzette und größere Ensembles entwickelt und aneinandergefügt werden, grenzt ans Phantastische — bedenkt man das Alter beziehungsweise die Jugend des Kom-positeurs. Gandolf Buschbeck hat da sehr hübsch ländlich-biedermeierlich ausgestattet und flott spielen lassen: von Uta Bürge und Mechthild Gessendorf, Klaus Hufnagl, Erich Kren und Kurt Strauss, der sich als Lakai manches bei Helmut Qualtinger bgeguckt hat, aber trotzdem eine echte Buffobegabung zu sein scheint. Unter Hans Gabors Leitung musizierte das Wiener Rundfunkorchester

recht flott, wie sich's für diese Musik gehört.

Virgilio Mortaris Monodram „Vor dem Frühstück“ ist ein härterer Brocken, obwohl nur von knapp halbstündiger Dauer. Was den talentierten italienischen Komponisten, Jahrgang 1903, Autor mehrerer Opern und Inhaber wichtiger Funktionen im Musikleben seiner Heimat, zu diesem Text bewogen haben mag? Er stammt von Eugen O'Neill und ist von erschreckender Banalität und Simplizität. Im Programmheft der Kammeroper siebt

die Handlung (eine Mesalliance mit letalem Ausgang) folgendermaßen aus: „Alle Traurigkeit dieser Ehe wird in der Frühe eines Herbsttages in New York eingefangen. Die Frau im Morgenrock erscheint, mehr vernachlässigt als attraktiv, den Kummer als Dauergast in den Gesichtszügen ... Die nun folgenden Vorwürfe, die Summe eines verpfuschten Lebens, treiben den Mann aus dem Schlafzimmer ins Bad und in den Tod. Eigentlich hatte er sich nur rasieren wollen.“ Glücklicherweise sieht man den Unglücklichen nicht. Dafür hantiert auf der Bühne äußerst lebhaft und geräuschvoll die arme Frau, dargestellt von Heide Maria Ferch, die die Gewöhnlichkeit dieser Story und Person zu sehr au pied de la lettre genommen hat. Schade um die klanglich aparte, abwechslungsreiche, nicht nur illustrierende Musik von Mortari, der mit einer Violine, einer Klarinette, zwei Schlagwerken und zwei Klavieren mehr an Effekt und Ausdruck erzielt als andere mit einem Super-orchester.

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