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Chopin in Wien

Vor 120 Jahren, im August 1829, kam Chopin zum erstenmal nach Wien. Ein zweiter Aufenthalt dauerte von November 1830 bis Juli des folgenden Jahres. Das ist, wenn man die Zeit mißt, nicht viel — trotz zahlreicher persönlicher Beziehungen, die in jenen Monaten angeknüpft wurden: zu J. N. Hummel, C. Czerny, J. Schuppanzigh, Abbe Stadler, C. Creuzer und anderen Wiener Künstlern. — Aber der persönliche Eindruck, den der geniale junge Mensch hinterließ, war stark und bereitete auch dem Werk den Boden. In Wien erschienen die Erstausgaben der Opera 2—4, 44 und 50, hier arbeitete Brahms an der ersten Gesamtausgabe der Werke Chopins mit, hier erschien 1836 die erste Chopin-Biographie, und hier wurden schließlich auch einzelne Werke des polnischen Komponisten für Schrammel-Besetzung bearbeitet. — Als eines jener erleuchtenden Sinnbilder für menschlich-geistige Beziehungen will uns erscheinen, daß ein Sohn Mozarts, den Chopin vor allen anderen Komponisten schätzte, diesem zu seinem ersten Wiener Konzert verhalf’ Eine große Anzahl der auf Chopin und Wien bezüglichen Dokumente, vor allem die vollständige Galerie aller Wiener Künstler, die mit Chopin in Beziehung standen, wurden in einer von der polnischen Presseabteilung organisierten Ausstellung gezeigt.

In einem Festkonzert anläßlich des 100, Todestages von Chopin hörten wir, gleichsam als tönende Reminiszenz, den ersten Teil jenes Programms, das Chopin bei seinem ersten Wiener Besuch spielte: die Variationen über „Reich mir die Hand, mein Leben“ und „Rondo i la Krakowiak“, denen die Prometheus-Ouvertüre von Beethoven vorausging. Den zweiten Teil des Konzerts, welches der Warschauer Dirigent M. Mierze- jewski dirigierte, bildete das Klavierkonzert f-moll. In dem polnischen Pianisten Wladyslaw Kedra lernten wir einen noblen Künstler mit feiner Anschlagskultur kennen, der auch eine wichtige Voraussetzung für eine gute Chopin-Interpretation besitzt: jenes poetische Rubato, das unseren jungen Pianisten mit ihrem sachlich-klaren Spiel nicht mehr recht gelingen will. — Die Variationen und das Rondo sind virtuose Kompositionen ohne bedeutenden künstlerischen Wert; in dem Klavierkonzert erwies sich aufs neue, daß die Orchesterbegleitung die freie Entfaltung des zarten und freien Klavierstils von Chopin eher hemmt als fördert. Auch harmonisch gibt der Orchesterpart selten etwas Neues hinzu. Lediglich vom Klanglichen her könnte das Soloinstrument ergänzt und gefärbt werden. Aber dazu besaß Chopin — und wohl auch kein anderer Komponist seiner Zeit — die Fähigkeiten. Diese differenzierte Palette Wurde erst in der folgenden Generation entdeckt. Ravel etwa wäre dieser Aufgabe gewachsen gewesen. — Daher bedauerte man, daß in dem Festkonzert der ausgezeichnete Warschauer Pianist nur in einigen Zugaben ganz zur Entfaltung kam.

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