Digital In Arbeit

"Die Vulkane waren seine Brüder "

Er steckte voller Schabernack, vertauschte an der Berliner Akademie die Tischkarten vor dem Essen, - die größten Feinde saßen nebeneinander. (Lotte Ingrisch)

Was für ein Ereignis! Ein 27-jähriger Nobody wird über Nacht berühmt. Die Uraufführung von Gottfried von Einems Oper "Dantons Tod" bei den Salzburger Festspielen 1947 hatte durchschlagenden Erfolg. Das nach Büchners Drama komponierte Werk, in dem eine Revolution in Terror und Schrecken endet und ihre Kinder frisst, war auf beklemmende Weise aktuell. Man war von der effektvollen Musik begeistert, zynische Kritiker bemängelten, dass diese nicht von "einem", sondern von "vielen" sei. Einem hätte wie jeder Komponist Väter oder wenigstens Onkel, verteidigte ihn der Kritiker Max Graf. Wichtiger als seine Verwandten wäre die Feststellung, dass die musikalische Form seiner Opern vollständig neu und originell sei.

Skurriles Kennenlernen

Wie aber lernte die heute 87-jährige, ungemein lebendige Lotte Ingrisch ihren 1996 verstorbenen Mann kennen? "Er suchte nach einem Librettisten für eine neue Oper und mein Freund, der Philosoph Arnold Keyserling, schlug mich vor. Er lud uns zum Essen ein und als Gottfried zur Türe hereinkam, dachte ich mir:'Nein, der nicht!' Er war berühmt und ich war beeindruckt, habe mich nichts zu sagen getraut, habe immer nur vor mich hin gekichert. Arnold fragte ihn:'Wie findest du sie?' Gottfried antwortete:,eine Idiotin!' Dann haben wir geheiratet."

Lotte Ingrisch war damals mit skurrilen Komödien erfolgreich und hatte sich noch nicht mit Sterbe-und Jenseitsforschung auseinandergesetzt. Warum sie ihn einen Mann des Feuers nannte? "Das Feuer war sein Element, die Vulkane seine Brüder. Einmal ist er in Sizilien in den Äther hineingeklettert. Brüderchen, Brüderchen, hat er gerufen. Ich hatte so eine Angst gehabt, dass der Vulkan ausbrechen könnte."

Zwei Jahre zuvor war Einems geliebte erste Frau, die Pianistin Lianne von Bismarck, an Herzschwäche gestorben und er wollte für sie eine "Orpheus"-Oper komponieren. Er verehrte damals seine 16-jährige Nichte, die hübsche Gymnasiastin Andrea Liebrecht. "Er ließ sie die Kleider der Verstorbenen tragen und ihr Parfum benützen. Er wollte die tote Frau, die er so geliebt hat, in seiner Nichte zum Leben erwecken. Die Tragödie des Orpheus-Mythos ist aber nicht, dass Eurydike gestorben ist, sondern dass sie zurückkommen könnte von den Toten."

Zu Einems größten Erfolgen zählte die Vertonung von Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame". Die bitterböse Satire über Geldgier und verdrängte Vergangenheit wurde mit Christa Ludwig in der Titelpartie 1971 in der Wiener Staatsoper uraufgeführt. "Es gab eine Dreiviertelstunde Applaus", erinnert sich Lotte Ingrisch. "Es wurde ihm, wie so oft, seine ohrenbetäubende Tonalität vorgeworfen, aber das kümmerte ihn nicht. Er komponierte, wie er wollte und passte sich keiner Mode an. Dürrenmatt hatte zunächst die Vertonung seines Stückes abgelehnt, aber die beiden verstanden sich bald sehr gut. Einmal nach einer Premiere hatten wir mit Dürrenmatt bis fünf Uhr früh Champagner getrunken und er forderte in der leeren Hotelhalle Gottfried, der das nicht konnte, zum Walzertanzen auf. Irgendwie war das eine gruselige Szene."

Schräger Humor

Immer wieder kommt von Einems bisweilen schräger Humor zur Sprache. "Er steckte voller Schabernack. An der Berliner Akademie vertauschte er vor einem geladenen Essen die Tischkarten, so dass die größten Feinde nebeneinander saßen. Gottfried konnte sehr lustig und sehr traurig sein. Vor allem war er nie ein Betrüger, sondern immer ein Betrogener. Die eigene Mutter hatte ihm nie gesagt, dass General William von Einem gar nicht sein Vater war, sondern Graf László Hunyady von Kéthely." Davon erfuhr er erst, als er von der Gestapo verhört wurde. Der Graf, dem er nur zwei Mal als Kind begegnet war, wurde 1927 bei der Jagd in Afrika von einem angeschossenen Löwen getötet.

Auch seine Mutter sah den von Bediensteten aufgezogenen Gottfried nur sechs Wochen im Jahr. Er wusste von dieser geheimnisvollen, starken und vermögenden Frau kaum etwas. "Ich habe sie nur einmal als Gespenst und einmal im Traum erlebt", sagt Lotte Ingrisch. "Gottfried erzählte mir, dass sie einmal sogar gefesselt aus einem fahrenden Zug gesprungen und so der Polizei entkommen sei." Gerta-Luise von Einem, die man die Mata Hari der Nazis nannte, war mit den Schwestern von Hermann Göring befreundet, verkehrte in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen und war immer mit Sekretärin, Chauffeur und Luxuslimousine unterwegs. Sie war in eine Bestechungsaffäre verwickelt, wurde mehrfach als Agentin eingesetzt, floh aus Gefängnissen und wurde wegen Spionage und Bestechung in Abwesenheit zum Tod verurteilt. Nach dem Krieg tauchte sie in Bayern unter und wurde in Paris bei einem Prozess freigesprochen. Ihr Sohn Gottfried war als junger Korrepetitor in Bayreuth von Hitler zunächst begeistert, nahm später den Kontakt mit dem Widerstand auf und wurde posthum vom Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet, weil er den jüdischen Musiker Konrad Latte unter falschen Namen engagiert und vor der Deportation bewahrt hatte.

Nach dem Krieg war Einem wieder einmal der Betrogene. Als Direktoriumsmitglied der wiedererstandenen Salzburger Festspiele wollte er den Dichter Bertolt Brecht als Mitarbeiter gewinnen. Nach Lotte Ingrischs Einschätzung war Brecht "einer, der sich die Arbeiterhemden bei Knize schneidern ließ. Gottfried hat ihn aber immer verteidigt." Von Einem hatte dem Dichter durch den damaligen Landeshauptmann Josef Klaus die österreichische Staatsbürgerschaft verschafft, die ihm Reisefreiheit garantierte. Brecht hatte zur gleichen Zeit jene der DDR angenommen und die Leitung des Berliner Ensembles übernommen. Seine Leistung für Salzburg war ein Entwurf für einen neuen Jedermann. Es gab einen handfesten Skandal und von Einem wurde aus dem Direktorium entlassen. "Der Klaus hat ihn eine Schande für Österreich genannt", erinnert sich Lotte Ingrisch. Einmal noch gab es einen Skandal mit Protesten und Morddrohungen bei der Uraufführung der Oper "Jesu Hochzeit" 1980 im Theater an der Wien. "Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich hatte ein gnostisches Libretto mit einer chymischen Hochzeit geschrieben, bei der Jesus kein Verhältnis mit der Tödin hatte, und wurde wegen Herabwürdigung religiöser Lehren angezeigt."

Rückzug ins Waldviertel

Schon zuvor hatten die Einems von der Kunstszene die Nase voll und bezogen in Rindlberg im Waldviertel ein altes bescheidenes Holzfällerhaus."Er mochte die, wie er sie nannte, eingebildeten Kunstkünstler nicht. Er nahm seine Musik, aber nicht sich selbst ernst. Wir hatten sechs Schafe, Katzen, einen Ziegenbock, eine Taube und ein Kaninchen. Wie er das Haus zuerst gesehen hat, sagte er, wir bleiben nicht länger als zwei Tage, dann wurden 25 Jahre daraus. Er liebte die Stille, komponierte und schrieb sein Tagebuch. Als wir Abschied nehmen mussten, da ihm das Landleben zu beschwerlich wurde, weinten wir beide wie die Schlosshunde. Wie er gestorben ist, wollte ich in Schönbrunn die Patenschaft von einem Bären übernehmen. Gottfried war nämlich für mich kein in einen Bären verwandelter Mensch, sondern ein in einen Menschen verwandelter Bär. Da aber nur ein Nilpferd frei war, übernahm ich dann die Patenschaft für das Nilpferd."

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau