Landmarke der Tonkunst - Da andere Konzertsäle sich als zu klein erwiesen hatten, erhielt die Ge­sellschaft der Musikfreunde 1863 einen Baugrund, der Goldene Saal entstand. 2004 wurden die Neuen Säle eröffnet. - © Foto: iStock / Mirrorimage-NL
Musik

„Im Musikverein ist man angekommen“

1945 1960 1980 2000 2020

Die Gesellschaft der Musikfreunde feiert das 150-jährige Bestehen ihres Gebäudes, ihr langjähriger Intendant verlässt das Haus mit viel Beethoven und einem Mahler-Zyklus. Ein Gespräch mit Thomas Angyan.

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Die Gesellschaft der Musikfreunde feiert das 150-jährige Bestehen ihres Gebäudes, ihr langjähriger Intendant verlässt das Haus mit viel Beethoven und einem Mahler-Zyklus. Ein Gespräch mit Thomas Angyan.

Der scheidende Intendant des Wiener Musikvereins Thomas Angyan lässt im Gespräch mit der FURCHE die Geschichte des traditions reichen Hauses sowie seine persönlichen Eindrücke aus 32 Jahren Dienstzeit Revue passieren.


DIE FURCHE: 1812 wurde die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gegründet, drei Jahre danach fand das erste Abonnementkonzert in der Hofburg statt, 1822 bekam sie auf der Tuchlauben ihren ersten Konzertsaal, 1863 erhielt sie den Baugrund für ihr heutiges Gebäude mit dem „Goldenen Saal“, der heuer sein 150. Jubiläum feiert. Aber die Konzerte standen anfangs nicht im Mittelpunkt der Gesellschaft?
Thomas Angyan: Der kleine Konzertsaal im Haus „Zum roten Igel“ war nicht ausreichend, große Veranstaltungen fanden in der Hofburg oder der Spanischen Hofreitschule statt. Die Chance, auf diesem Grundstück ein neues Gebäude errichten zu können, war für die Gesellschaft enorm wichtig, auch wenn damals das Veranstalten von Konzerten nicht im Vordergrund stand, sondern das Lehren. Das Sammeln stand an zweiter Stelle, danach folgte erst das Veranstalten von Konzerten.


DIE FURCHE: Wann hat sich das geändert?
Angyan: 1909, als die Lehre aufgegeben und die heutige Musikuniversität errichtet wurde. Aber bis in die 1960er Jahre gab es Wochen ohne Konzerte. Als ich die Gesellschaft übernommen hatte, gab es 260 Konzerte, in dieser Saison werden wir mit 902 Konzerten abschließen. Dieser Boom wurde in den 1970er Jahren wesentlich durch die Einführung der CD gefördert. Damals wurde das Repertoire neu aufgenommen, einige meinten, das Live-Erlebnis würde in den Hintergrund gedrängt. Tatsächlich war das Gegenteil der Fall. Ich war immer davon überzeugt, dass Musikfreunde, welche die CD haben, diese Stücke auch live erleben wollen. Heute ist das Interesse an CDs zurückgegangen, das Interesse für das LiveErlebnis besteht nach wie vor und wächst.


DIE FURCHE: Was ist für Sie das Besondere am Musikvereinsgebäude?
Angyan: Die ganz besondere Geschichte. Hier waren Bruckner, Brahms, Mahler, Schönberg, um nur einige Namen aus der Vergangenheit zu nennen, beheimatet. Dazu die zahlreichen Geschichten, etwa, dass nach dem Misserfolg der Uraufführung von Bruckners dritter Symphonie ein Student an den Komponisten herantrat mit der Bitte, eine Fassung für zwei Klaviere anzufertigen – und das war niemand Geringerer als Mahler. Es ist eine besondere Auszeichnung, in diesem Haus arbeiten zu dürfen, das so viel Geschichte ausstrahlt, in dem so viele Uraufführungen bedeutender Werke stattfanden, welches das größte private Musikarchiv der Welt beherbergt. Wenn man diese Tradition in die Gegenwart zieht mit Konzerten der bedeutendsten Interpreten, dann ist der Musikverein schon einzigartig. Wenn ich gefragt wurde, ob ich nicht auch einmal etwas anderes machen wollte, habe ich immer geantwortet, der Musikverein ist keine Zwischenstation, da ist man angekommen.


DIE FURCHE: Wie blickt man im Musikverein in die Zukunft?
Angyan: Die Gesellschaft der Musikfreunde hat immer in die Zukunft geblickt. Man darf nicht vergessen, dass heute fast ein Drittel der Konzerte pro Saison mit edukativem Charakter für 50.000 Kinder aufgeführt werden. Immer wieder treffe ich Eltern, die vor Jahrzehnten selbst in diesen Kinderkonzerten waren, jetzt kommen sie mit ihren Kindern, gehen aber auch weiter in die traditionellen Konzerte. Dieses Kinderprogramm läuft seit 1989, ein Jahr, nachdem ich im Musikverein begonnen habe.


DIE FURCHE: Weil wir schon bei Zahlen sind: Wie viele Personen besuchen den Musikverein im Jahr?
Angyan: Ungefähr 800.000 Menschen, wobei man berücksichtigen muss, dass es nicht 800.000 verschiedene sind, da mehrere davon öfters kommen.


DIE FURCHE: Sie haben während Ihrer 32-jährigen Tätigkeit nicht nur ein Kinder- und Jugendprogramm etabliert, sondern auch die traditionellen Säle, den berühmten Goldenen Saal und den Brahmssaal, durch die Neuen Säle erweitert. Warum?
Angyan: Ausgangspunkt war der mangelnde Probenplatz. Es ging zuerst um den Bau eines Saals, der so groß ist wie die Bühne des großen Saals, damit zwei große Orchester in denselben Konfigurationen gleichzeitig proben können. Im Zuge der Planungen durch Professor Holzbauer haben wir uns entschlossen, das Projekt auf vier Säle zu erweitern, die auch als Veranstaltungssäle genutzt werden können. Damit ist es möglich, neue Konzertformen zu realisieren, ohne die traditionellen aus den alten Sälen zu verdrängen. So gelingt es auch, zusätzliches Publikum zu gewinnen.